Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 30 (31.8.1883)
- Date
- 1883-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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sein, damit jene Absicht erreicht werde.׳ Und so findet sichs auch in guten Musikstücken, die wirklich' etwas ausdrücken oder dar׳ stellen, und nicht zu ׳andern! Zweck abgefaßt sind — z. B. bloße Uebuugsstücke für Schüler, bloße phantastische Spiele zum Zeitvertreib, oder auch Gesäuge, wo auf Gedicht und Bedeutung (Sinn und Charakter) keine Rücksicht genommen worden ist. Widmete sich Niemand der Kunst,׳ und besonders der Com- Position, als wer wirklich Genie besitzt; bekäme ein solcher frühzeitig nur die Schule, die ihn alle Mittel seiner Kunst kennen lehrte und ihn fähig machte, sie alle frei, aber gesetzmäßig (nach Vorschriften, auf die Natur des Menschen und der Sache gegründet) zu gebrauchen; würde er nicht durch verfehtte Werke und deren öfteres Auhören verwöhnt, durch Forderungen der unverständigen Menge gemißleitet, durch falsche Ansichten und Beuriheilungen irre gemacht: so dürfte man ihn nur sich selbst überlassen, und müßte es auch; denn er würde daun — nach mancherlei, vielleicht zum Theil verfehlten Versuchen — die rechten Mittel wählen und sie zweckmäßig anwenden. Aber Nie׳ maud, auch das Genie nicht, kann frei bleiben vom nachtheiligen Einstuß der Verhältnisse, wie wir deren angegeben: und so bedarf Jeder, auch der Genialische, der Zurückführung auf die rechte Bahn durch den Verstand. Es ist auch Jeder, der wirklich ein großer Mann geworden, durch ihn darauf zurückgekommen. — Sodann gibt cs Künstler, die nicht Genie, aber Talent und Fleiß besitzen, und durch diese ebenfalls sehr schätzbare, zum Ganzen der Kunst uothwendige, zur vielseitigen Bildung für dieselbe wohtthätige, ja auch selbst dem Genie sehr heilsame Werke liefern: diese bedürfen einer Anweisung und Nachhilfe ebenfalls curch den Verstand. Die zweckmäßige Anwendung der Kuustmittel, die der Verstand, nach Begriffen oder Erfahrungssätzen, lehrt, macht ein Werk zwar nicht schön, sondern Hilst nur es recht machen; macht nicht, daß man es rühmen muß, sondern nur, daß man's (von dieser Seite) nicht tadeln kann; macht nicht, daß es Freude und Wohlgefallen, sondern nur, daß es (in diesem Betracht) nicht Unlust und.Mißfallen erregt — und schaft einige wissenschaftliche Befriedigung: der unzweckmäßige Gebrauch derselben macht aber ganz gewiß auch das geistreiche Werk weit geringer und auch weit weniger wirksam, als es sonst sein würde; der zweckwidrige Gebrauch derselben macht es zu einem Widerspruch in sich selbst, zu einer Thorheit eines vielleicht geistreichen Menschen, zu einer Art Mißgeburt, die Staunen erregen kann, aber auch Bedauern erwecken wird. Ist sonach einige Anweisung und Nachhilfe in Hinsicht auf unseren Gegenstand möglich, so i!l sie auch rätylich; incht weniger ist zu hoffen, daß sie nütze — zunächst dem noch nickt feststehenden Componisten: aber auch dem Liebhaber, das; er — aus dem dumpfen Zustande, sich, hörend oder selbst aussührenv, blos sinnlich hinzugeben, geweckt, daß er zu einem besseren Urtheile, als das sich daraus von selbst ergibt, fähiger und geneigter, daß eben damit auch sein Genuß vermehrt und veredelt werde; ja, es könnte sie, sollten wir meinen, jeder Denkende sich gefallen lassen, wenn auch nur zur Beobachtung der Wirkungen musikalischec Werke auf Menschen überhaupt, und besonders gewisser Werke aus gewisse Menschen — dieses Z eitalters, dieses Standes der Cultur rc., zur Vergleichung der Kunst mir der Natur, des!eisern Ganges von jener mit dem unaufhaltbaren Schritt von dieser u. s. w. — Aber ist sie denn möglich? Sie muß doch wohl, da sie wirklich ist: nur aber recht verstanden! Jedes menschliche Gefühl, von der zartesten Regung des inneren Sinnes, bis zum heftigsten Affect, der selbst den äußern beherrscht —' jedes Gefühl hat sein Charakteristisches: etwas das es von andern unterscheidet. Was ist, muß etwas sein. Abe die Sprache reicht bei weitem nicht hin, alle Gefühle und ihr Unterscheidendes bemerklich zu machen. Töne und Bewegung reichen hin; daher das unermeßliche Feld, der immer neue Reiz und jeder Vorzug der Künste, die sie als Mittel gebrauchen, vor den andern Künsten. (Der Musik und der höheren Tanzkunst die aber, wie man sagt, jetzt verloren gegangen sein soll.) Töne und Bewegung drücken aber' nichts so bestimmt und ganz unverkennbar aus, wie die Dichtkunst, die durch Worte den Gegenstand selbst bezeichnet, oder die Malerei, die ihn selbst hinstellt; daher das weniger Schwankende, weniger vom Empfänger Abhängige, weniger den Zufällen Unterworfene, und jeder Vorzug anderer Künste vor der Musik und höheren Tanzkunst. Was nun der Musiker durch Töne und Bewegung schaffen, welches Ziel er sich bei seinen Arbeiten stecken soll: das muß ihm sein Inneres, aiö Mensch, sagen: wie er es in sich ausbilden, auf welchen Wegen er sich dem Ziele nähern soll: .das muß ihm sein Inneres, als Künstler, sagen — der Genius, oder die Einsicht, oder am besten beide; hier gilt keine Vorschrift eines Andern, ja auch der Rath, der wohlgemeinte, ist selten von sonderlicher Wirkung; hier faßt Jeder selbst seinen Entschluß, vollführt ihn selbst, und muß, je nachdem er Edles oder Unedles wählt, weit vocdringl oder ermattet znrückbleibt, durch sich selbst leben oder sterben. Wie nun aber der Künstler das in sich Gebildete auch außer sich klarer, bestimmter, wirksamer hinstellen; durch welche Hilfen er auf dem Wege zu seinem Ziele am leichtesten und sichersten fort kommen könne: dazu läßt sich allerdings Rath und Nachweisung ertheilen; ist auch in. anderen Künsten immer erlheilt worben. Und da nun der zweckmäßige Gebrauch der vorhandenen Mittel der Tonkunst gar sehr zu diesen Hilfen gehört: so muß auch zu ihm Nath und Nach׳ Weisung zu ertheilen möglich sein. Solche Anweisung und Nachhilfe kann man nun auf mancherlei Weise geben. Man bestimmt und entw ickelt die Gefühle näher; erinnert den, mit welchem man spricht, daran, daß er sich selbst deren bei der und der Veranlassung bewußt worden; und sucht nun im Stoff und in den Mitteln der Tonkunst auf, was ihnen entspricht. Das muß aber immer unvollständig bleiben, schon wegen dessen, was oben davon gesagt ist; es wird auch schwerlich Eingang sinden, da es bei nichts so fast bis zum Unmöglichen schwierig ist, leichtsaßlich und kurz zu sein, als bei Entwickelung von Gefühlen, Niemand aber weniger geeignet und geneigt, auf etwas Wissenschaftliches sich einzulassen, das nicht leichtsaßlich und nicht kurz ist. als der Musiker. Darum versucht man's anders. Man führt zu schon vorhandenen Kunstwerken, die ihrem Zwecke ganz entsprechen, und weiset auf dis zur Erreichung dieses Zweckes dienlich verwendeten M ittel hin. Das aber kann dem weniger Unterrichteten schwerlich genügen; denn will er seinen Fall dem vorgelegten anpassen, so wird er leicht Nachahmer: will er ihn fern und sich selbstständig erhalten, so sindet er schwerlich den eigentlichen Kernpunkt der Verwandtschaft; den Verwöhnten aber oder noch ganz Unsichern kann es sogar auf Abwege leiten, die ihm sonst stets unbekannt geblieben wären. Darum versucht man's wieder anders. Man verbindet beides mit einander, aber nicht in ausführlichen Erörterungen, sondern in Andeutungen, doch in bestimmten; und verläßt sich, hat man dies gethan, auf die eigene Beistimmun g des inneren Sinnes; was man auch mit Sicherheit kann, und am Ende bei Allem, was Poesie und Kunst ist, thun muß. So soll es hier versucht werden mit einer Auseinand ersetzung des rechten Gebrauches der Mittel der Tonkunst zum Ausdruck des Erhabenen, des Großen (Starken, Erschütternden),