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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-31 · Heft 30 (31.8.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 30 (31.8.1883)
Date
1883-08-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Gesangmeister und Lchrmethoden. (Fortsetzung.) Der alte Meister redete wenig in seinen Lehrstunden über die Bildung der Bruststimme, voee di petto und über den zarteren Klang der Kopf- oder Falsettstimme, voce di testa, aber er sang seinen Schülern die Töne vor und Keiner war dann auch nur einen Moment im Zweifel, wo und wie der Klang sich bilde. Er gab nicht, wie die deutschen Lehrmeister, das Dasein einer Mittelstimme zu, er unterschied nur einfach Brust- und Kopfregister und sein Hauptaugenmerk richtete sich aus ihre geschickte und unmerkliche Verbindung, bei welchem Bemühen ihm die Männerstimmen in der Ziegel größere Arbeit machten als die Frauenstimmen. Seine Metbode war, in Bezug auf dn-ses wichtige Moment desGesangunterrichtes. die von Natur schwächeren und schlechteren Töne der Stimme so lange und vorsichtig in abwechselndem Tempo zu üben, bis sie den stärkeren gleich erschienen. Die schwächern Töne bei den ׳Lchülern fanden sich vom eingestrichenen bl bis zum eingestrichenen bei den Schülerinnen vom g bis zum zweigestrichenen e. Der höchste Nerz und Ausdruck lag für ihn im Portamcnto, das er vorzugsweise ausbildete, er fand ihn überhaupt in dem eigentlichen Canto esspressivo, und von allen Schülern Porpora's rübmte man die nnübcrtreffliche herzergreifende Art des Cantabile, sowie die damit verbundene hohe Kunst des Aihemholens. Der alte Meister ließ singend und sprechend die einzelnen Vocallaute wie die Consouanten voll und hell üben und vibriren und componiric Necitative für alle jene Wörter, die seinen Schülern besonders schwer wurden. Auch ließ er von seinen Schülern Texte unterlegen, die sie ihm singen mußten, ohne daß er sie kannte, und wche ihnen, nenn er irgend eine Silbe, ein Wort nicht verstand. Wie ein Löwe fuhr er auf und verlangte eine Wiederholung. Erst nach der Erlangung einer goldreinen Intonation, des edelsten Portamento und der deutlichsten Ausspräche ging Porpora zu den eigentlichen Verzierungen des Gesanges über, und formte in den Kehlen seiner Schüler den graziösen Vorschlag, 1'arpeggiatnra, den Mordent, il gruppetto, den Trillo mit seinen verschiedenen Abarten, die kleinen Läufer, volatine. und Passagen. Man sagt dem berühmten Porpora wie allen altitalienischen Singmeistern die höchste Sorgfalt für die körperliche Gesundheit seiner Schüler nach. Vor allen Dingen ließen sie niemals Gesangsstücke singen, die für die Schüler, besonders nach der Höhe hin, irgendwie unbequem wurden, sie transponirten die Arien sofort in die angemessene Lage, eben so streng verboten sie anhaltendes Neben. Das Umschlagen der Stimme nannten sie einen Fehler, den jeder Sänger vermeiden könne, da er nur durch Anstrengen der Stimme bervorgerufen werde. Bei der geringsten Klage über Kitzeln und Brennen im Halse oder auf der Brust, Mangel an Athen! u. s. w. verordneten sie die vollständigste Ruhe, sie waren die gewissenhaftesten Aerzte ihrer Schüler. Allzuvielcs Sitzen wurde ihnen eben so verboten, wie allzuhcftige Körperbewegungen. Die Sänger unter den Conservatoriumschülern durften keinerlei Instrumente spielen, um durch diese Anstrengung der Stimme nicht zu schaden. Ein Zahnarzt mußte die Zähne der Schüler in bester Ordnung halten und zahllose kleine Hausmittel zur Wahrung des kostbaren Stimmenschatzes fand der Sänger bei seinem Lehrer vor. Der deutsche Sänger hat noch viel mehr Grund, vorsichtig zu sein und vorsichtig zu leben, als der Italiener: das wechselnde Klima, die rauhen Winde und schweren Nebel des Nordens sind die geschworenen Feinde der Stimme. Eine vernünftige allgemeine Abhärtung dürfte hier das beste^ Schutzmittel sein. — Bestimmte Zaubertränke oder Speisen für die Stimme lassen sich nicht wohl angeben, was dem einen Sänger wohl thut, schadet dem andern, da muß aber jeder die Natur seiner Kehle prüfen und ihr zu Hilfe kommen, wie sie es verlangt. Der Eine rühmt getrocknete Pflaumen unmittelbar vor dem Singen, die Andere eine Schwarzbrodrinde; ein frischer Apfel soll Wunder wirken, ein Glas Nothwein alle Rauhigkeit der Kehle hinabspülen, ein rohes Ei dieselbe geschmeidig machen; Einige preisen das Bier als bestes Stärkungsmittel, noch Andere den Champagner. Die alten Singmeister verboten die Häringe, wie alle salzigen Speisen, und doch erzählt man von dem hochgefeierten Farinclli, daß er vor dem Singen stets Sardellen verspeist habe. Sie untersagten auch alle Säuren, während die Erfahrung manchen Sänaer lebrt, daß ein Löffel voll Essig, oder etwas Citrvuensaft den Hais aur das beste reinige. Der gelehrte Mattheson in seinem Buche »Der vollkommene Capellmelster" führt gar manche Sängerregeln an, und gibt vor allem die Lehre, nie gleich nach der Mahlzeit zu singen. Der Anspach'sche Capellmeister und Sänger Bimmler nahm an seinen Singtagen statt der Mittagsmahlzeit nur ein warmes Fenckelgetränk zu sich, und übte dabei seine Partie mit halber Stimme am Clavier, — Abends sang er dann ״wie ein Gott", berichtet der Hamburger Musikmeister Mattheson. Vor mir liegen zwei seltene und berühmte alte Werke über die edle Singkunst, das eine ist von dem gefeierten Gesanglehrer Tosi geschrieben, 171.9, das andere von dem Leipziger Cantor Hiller, 1714. Ich lasse einen kleinen Auszug zum Nutzen und Frommen aller Sänger ans beiden Büchern hier folgen, — es sind wahrhaft goldene Sprüche und Lehren, für die Singmeister wie für die Sänger, zunächst ans dem Mnnde des Italieners. Tosi sagt: ״Ein guter Gesang-Lehrmeister muß vor allen Dingen Geduld haben und dann muß er selbst ordentlich singen können, wenn er Andere lehren will. (Fortsetzung folgt). Vom;weckmaßigen Gebrauch der Mittel der Tonkunst. Die Mittel einer Kunst sind das, wodurch es dem Künstler möglich wird, sich in seiner Kunst anszusprechen — d. h., was seiner Seele vorschwebt, in einem Kunstwerke auszuführen, es hinznstellcn. Zweckmäßig ist der Gebrauch der Mittel, wenn gerade das. und sicher, damit erreicht wird, was damit erreicht werden soll. Was dem Dichter die Sprache ist, und ihr Gang und Klang, das sind dem Musiker Töne und Bewegung; und zwar Töne, die, wohllautend und geordnet, auf einander folgen oder zusammenklingen (Melodie und Harmonie); und Bewegung, die faßlich und ebenfalls geordnet, nach bestimmter Wahl einherschreitet (Tempo, Taktart, Takt). Durch diese Mittel spricht der Musiker sein Inneres aus; dichtend, als Componift, oder darstellend, als Virtuos; in wiefern nicht auch dieser, phantasirend oder die Compositiouen eines Andern frei und eigenthümlich behandelnd, zum Dichter wird. Jener, wie dieser, will sein Inneres ausdrücken, und zwar vor Allem Ideen, denn er ist Künstler, und Gefühle, denn er ist Musiker; er wünscht damit dieselben Ideen und Gefühle in den Zuhörern zu erregen, denn er ist Mensch unter Menschen. So verschieden die Ideen und Gefühle sind, so verschieden werden auch die Werke, die sie ausdrücken; so verschieden die Werke, so verschieden soll auch dis Auivednug der Mittel

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