Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 29 (23.8.1883)
- Date
- 1883-08-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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־5- — Erinnerungen an meine MeschorerM. (Fortsetzung.) Im November desselben Jahres kam nach Szobotisch ein alter Baß, Namens Schloimele B'schatz. Er hatte im Gegensatz zu Ztzig ein zwirndünnes Saiterl. Ich glaube, dieser Mann mußte sein Lebenlaug alt gewesen sein, wenigstens sah er so antik aus, daß man sich niemals Jugendfrische in diesem Körper hätte denken können. Eine schmale, dürftige Gestalt, im Sommer wie im Winter mit einem vom Zahne der Zeit stark benagten Radmäntelchen, dessen Farbe man gar nicht mehr errathen konnte, bekleidet; dazu ein blasses abgehärmtes Gesicht. Dieser Schloimele machte mir nun den Vorschlag, in) möge mit ihm Chanuka machen gehen. Dieses Channkamachen war eine Bonistcation für den augestellten Meschorer. Wahrlich wer nie Chanuka gemacht hat, der weiß auch nicht, was der frühere Meschorer mitmachen mußte! Chanuka machen beißt zu deutsch: schnorren gehen! Ich wollte aber denn doch ein tüchtiger Meichorer werden und obwohl ich schon ganz gut Hisborele, d. h. nmgetauscht habe, das ist soviel, ich konnte ein gutes Recitativ im selben Steiger singen, so mußte ich dennoch, um ein ganzer Meschorer zu werden, auch einmal Chanuka machen. Ich acceptirte also den Antrag Schloimeles und wir kamen überein, schon am nächsten Sonntag gegen Mähren zu ziehen. Früh um 8 Uhr holte mich Schloimele vom Hause ab, das berühmte, von ihm unzertrennliche Mäntelchen umgehängt, und unter diesen um die Schultern eine Quitarre gebunden, zu dem noch ein kleines thönernes Pfeifchen mit kurzem Röhrl im Sacke, dies bildete das Gesammt-Neisegepäck. Wir gingen vorerst gegen Miava, Alt-Tura, Boschaze, Schloimeles Heimat, wo die schönere Hälfte seines Ich weilte. Hier machten wir einen Tag Rast. Dies war aber auch schon dringend nötbig, denn meine Fußbckleidung, die nickt aus bestem wasserdichten Leder gearbeitet war, forderte dringende Nachhilfe. Nach beendigter Rast marschirten wir gegen die sogenannten Sckanzen, wahrscheinlich noch aus der Sckwedenzeit stammend. Am nächsten Tage brachen wir von den Sckanzen auf und gingen über Strana, Slawkow, die Chaussee gegen Ung.-Brod. Als wir den großen berühmten Stranaw-Berg gegen 3 Uhr Nachmittags überschritten batten, um nach Starkow vor Anbruch der Nacht kommen zu können, da brach ein solcher Sturm und Unwetter los, als hätte die Natur ihr Veto gegen unsere Wanderung einlegeu wollen. Ein riesiges Schneegestöber benahm uns alle Aussicht und die Kälte drang mir in alle Glieder, denn, weiß Gott, Zobelpelz und Astrachan fehlte mir vollends. Ich bat meinen Schloimele. nur bald in ein warmes Stübchen einzukehren, denn mich fror es so fest, daß mir alle Lust zum singen verging. Schloimele frug nun einen daherkommenden Grenzwachmann, wo wir wohl da zunächst in ein Gasthaus kämen, um daselbst übernachten zu können. Der Mann gab die Antwort: Hier ist weder ein Wirthshaus noch sonst ein Einkehrhaus, und wenn Sie in einem Zimmer übernachten wollen, dann trachten Sie zu den Trasikantinnen zu kommen. Bei denen ist's recht warm und bequem. Bald waren wir daselbst angelangt und Schloimele als Raucher trat zum Fenster, welches mit einem Schieber versehen war. Vor demselben, im Innern der Stube, saß eine alte Frau, mit einer großen Hornbrille auf der Nase und einem Strumpfe in der Hand. Als sie uns herantreten sah, hob sie den Schieber auf und fragte mit näselnder Stimme nach unserem Begehr. Schloimele warf vorerst einen prüfenden Blick in das Innere der warmen Stube und er schien vollkommen befriedigt zu sein; hierauf kaufte er um 3 Kreuzer Conv. Münze ein Päckchen Dreikönig-Nauchtabak und bezahlte dasselbe. Damals wußte man in Ungarn noch nichts von eingepacktem oder gebundenem Tabak. Heute ist's freilich anders! Da ein Vary Untersuchungsrichter ist, muß sogar der Tabak gebunden sein. Nun mußte der Meschorer, wenn er sich fortbringen wollte, ein Strategiker ä la Moltke sein und der alte Schloimele ließ sich bierin nicht spotten. Wir umkreisten das ebenerdige Häuschen, mir zerpeitsckte der Schnee unbarmherzig, wie mit spitzen Nadeln, das Gesicht, krampfhaft klammerte ich mich an den Zipfel des Mäntelchens und trippelte neben Sckloimelen einher. Als wir auf der Rückseite an die Küchenthürc gelangt waren, klopfte Schloimele leise an dieselbe. Alles blieb ruhig, wie ansgestorben, nur das Unwetter tobte und raste wie zum Hcxentauz. Schloimele klopfte abermals und als dies keinen Erfolg hatte, rieß ihm die Lammesgeduld und er klopfte zum dritten Male heftiger als vorher. Endlich schien man uns gehört zu haben, denn Schloimele vernahm von Innen ein Geränsch, wie von schleifenden Pantoffeln. Freudig nickte er mir zu und blinzelte mit seinen kleinen schwarzgrauen Aeuglein. sein Gesicht strahlte in höchster Seligkeit. Ich glaube, die deutschen Feldherrn, als ihnen die Cernirung von Paris gelungen war, konnten mit dem Gelingen ihres Planes nicht zufriedener gewesen sein. Die Tritte kamen näher und wir hörten eine näselnde Stimme rufen: Wer ist draußen? Was will er? Schloimele näselte zurück: Ich bin's, machen se nur auf! Bei dem letzten Worte packte mich Schloimele am Arm mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Kraft und hielt mich krampfhaft fest. Von Innen wurde ein Riegel zur Seite geschoben und die Thüre leise geöffnet. Kaum gewahrte Schloimele die halb geöffnete Thüre, als er mit einem Sprung, den ich entschieden seinem Alter nicht zugemuthet hätte, mich nach sich ziehend, in die Küche sprang. Erstarrt vor Schreck, kreidebleich und versteinert wie Lot's Gattin, stand ein altes Weib vor uns. Lang, mager und ausgetrocknet, die Haut kaum über die Knochen gespannt, mit einer schrecklich großen Brille am Nasenspitzel und eine ,Schatka' um den Kopf gedreht. Ihr vis-ä-vis postirte sich Schloimele mit einer Grazie, die ihm um 25 Jahre früher alle Ehre gemacht hatte und ersuchte sie um Nachtquartier. (Fortsetzung folgt.) Juda Haievi« Sohn des Samuel Halevi, wurde zu Toledo im Jahre 1085 geboren. Um diese Zeit kam Castilien nach langem, bitterem Kampfe, den das Kreuz gegen den Halbmond führte, unter die Herrschaft Alfonso's VI., der Schild der Spanier genannt. Wie der besiegte, arabische König, dem ein Jude sogar in die Gefangenschaft gefolgt war, so strebte auch er, die Juden für sich zu gewinnen und gewährte ihnen manche Begünstigung ungeachtet des Vorwurfes, den ihm der Papst darüber machte, daß an seinem Hofe ein Jude freier sprechen dürfe, als alle Großen des Gleiches. Nicht blos zu diplomatischen Sendungen an die mohamedanischen Kalifate, zu Führern der Feder und des Wortes, als welche die jüdischen Unterthanen besonders geeignet erschienen, verwendete er diese, sondern auch zu großen Kriegsunternehmungen, wobei ihm an. ihren Leistungen so viel gelegen war, daß er ihnen zu Liebe an Sabbathen und Festen die Schlacht unterbrechen mußte, ein Umstand, der ihn auch davon abhielt, die Juden trotz ihrer Tüchtigkeit und ihres erprobten Scharfsinnes zu Befehlshaberu über das Heer zu setzen (Kus. 3, 10).