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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-23 · Heft 29 (23.8.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 29 (23.8.1883)
Date
1883-08-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — gleichgültig ob Baß, Bariton oder Tenor — falsetirte frisch darauf los, nicht die Künstlerschaft Sulzer's, sondern seine Manier wird copirt und unter Folie Sulzer's als Sulzerisch verausgabt. Auch dem Kirchenstyle gegegenüber gilt dies. — Nicht das Mustergiltige der Kirchengesangsaufführung wurde nachgeahmt, sondern das .Kirchliche" selbst, für die Synagogen verwendet. Ein nicht unbedeutender College verwerthete die Melodie des 0 Sancti88hm1m für ותשובה ותפילה וצדקה re. Wir moderne Can׳ toren lieben es auf die verwilderten Synagogengesangs-Zustände der vorsulzerischen Periode mitleidig hiuzublicken. Wir thäten besser, scne Gährungsperiode zu studiren, aus derselben zu l'ernen, was eben zu lernen ist und namentlich darauf zu achten und dafür zu sorgen, daß spätere Geschlechter keine Veranlassung haben sollen, die Synagogengesangs-Verhältnissc der Gegenwart zu belächeln und zu bekritteln. Wenn nun bei Weitergestaltung des Synagogengesanges zumeist der sichere Boden der Tradition verlassen und neue oder besser gesagt fremde Bahnen betreten wurden — da, wo ein Anknüpfen an etwas Bestehendes so nahe lag — um wie viel schwieriger mußte die Einverleibung der Orgel in den Synagogengeiang sein, um wie viel größer waren die Fehler, die bei diesem Schritte zum Nachtheilc der heiligen Sache gemacht wurden. Das christliche Vorbild, nach welchem auch die allerkleinste Gemeinde ihre kleine Orgel, demnach einen mächtigen Apparat zur Verschönerung des Gottesdienstes besitzt, ist, im Hinblicke aus die mißlichen Chorverhältnisse vieler kleiner jüdischer Gemeinden ein zu verlockendes Ideal unserer Wünsche und ein wirklich so nahe liegendes und leicht zu erreichendes Verschönerungsmittel des Gottesdienstes, als daß sich jemals einer von uns der Ausführung dieses Gedankens feindlich gegenüberstellte — allein bevor man an die Verwirklichung dieser Idee ging, hätte man festsetzen sollen, welche Aufgabge der Orgel in der Synagoge zufällt. — A u ch hiebei arbeitete man leider umgekehrt. Anstatt sicb zuvörderst die Frage vorzulegen: »Wozu braucht die Synagoge die Orgel?" — und nach reiflicher Sichtung des Stoffes und endgiltiger Beantwortung der richtigen Frage den Lieblingsgedankcn .Orgelbau" zu verwirklichen — errichtete man zuerst die Orgel und legte sich dann die Frage vor: ,Was soll man eigentlich spielen?" Jetzt war guter Nath theuer. Diejenigen Fortgeschrittenen (?) unter uns, die schon Kirchengottesdiensten beigewohnt, waren allerdings nicht in arger Verlegenheit; denn sie griffen zu dem Meisterwerk Gluck's, Händel's, Bach's. Was gäbe cs Schöneres, Bedeutenderes zum Vortrage auf der Orgel als ein Werk der oben Angeführten und ähnlicher Meister? Allerdings, auch wir beugen uns vor der allbekannten Größe jener Kunstschöpfungen; auch wir gestehen, daß wir tief ergriffen dastehen und alle Pulse beben fühlen beim Änhören jener mächtigen Accorde und himmelanstrebeuden Tonwellen, daß die aus lichten Höhen stammende erhabene Modulation uns mit seligem Schauer, mit heiligem Grauen erfüllen; allein jene Meister schrieben ihre Werke glaubensfreudig und andachtsvoll für kirchliche Zwecke. *) Nun fragen wir, konnten diese echt kirchlichen Orgelwerke auf das fromme Gemüth eines jüdischen *) Wir können uns hiebei einen Ausspruch des Biographen Joh. Seb. Bach's als klarsten Beweis für unsere Behauptung nicht versagen. C. H. Bitrer sagt: ״Bach gehörte der großen Zahl von Männern an, welche in orthodoxem Glauben erzogen, die strenggläubige Lehre in sich ausgenommen, mit ihr völlig verwachsen waren; er war ein treuer Diener seiner Kirche; die kirchlichen Anschauungen waren ihm die Lebenslust, in der er athmete rc. Synagogeubesüchers/ eine zweckentsprechende Wirkung hervorbringen und sein Herz andächtig stimmen? Eines paßt nicht für Alle, und dasjenige, was aus strengchristlicher Intention entsprungen und bei kirchlichen Zwecken erhaben und überwältigend wirkt, mußte auf die jüdische Gemeinde einen geradezu gegentheiligen Eindruck machen abgesehen von anderen weltlichen Piecen, wie z. B. der Mendelsobn'iche Hochzeitsmarsch 2c., die auf Synagogen orgeln gespielt wurden und werden. Das waren die großen tiefeinschneidenden Fehler, die bei Einführung der Orgel in die Synagoge gemacht wurden und leider noch gemacht werden, und das ist die alleinige Ursache, weshalb das Judenthum noch beute der Orgel fremd gegenübersteht und es stets außergewöhnlich gewaltiger Kraftanstrengung bedarf, bis die Einführung einer Orgel in irgend einer alten jüdischen Gemeinde durckgekämpft erscheint. (Fortsetzung folgt.) Gelangmeister und Lehrmethoden. Die Wahl eines Musik- und ganz besonders eines Gesanglehrers ist sehr schwierig und dennoch gebt man dabei unbeschreiblich sorglos zu Werke. Wenn die Sorge für unfern äußern Menschen an uns herantritt, für unsere Toilette nämlich, so wenden wir uns nach reisticher Ueberlegung an den gewandtesten Schneider, den geschicktesten Schuhmacher; es ist uns durchaus nicht gleichgültig, welche Hand den Stoff verarbeitet, der uns schmücken soll, oder wer unsere Stiefel ״bauen" wird, wie der scherzhafte Kunstausdruck lautet. Wir haben eine bestimmte Nummer für unsere Handschuhe, und würden sehr erstaunt dareinschauen, wenn man uns zumuthen wollte, eine größere zu tragen; ein Hut kann für uns der Gegenstand ernstesten Nachdeukens werden; haben wir uns aber für einen Musiklehrer zu entscheiden, so greifen wir ohne Besinnen zu, und zwar nach dem billigsten. Statt daß wir hier unter den besten den allerbesten heraussuchen und uns lieber dafür tausend andere Dinge versagen sollten, um an eben dieser Stelle zu verschwenden, ist diese Sorge unsere geringste. Wir stimmen kräftig ein in die immer lauter werdenden Klagen über den Verfall der Gesangskunst, und bieten doch selber die Hand, sie tiefer berabzudrncken. Einem Handwerter, der uns schlechte Waarc geliefert, entziehen wir die Arbeit und doch ist hier der Schaden nicht groß; wer aber reparirt den Schaden, den wir oder unsere Kinder durch schlechten Musikunterricht erleiden? Wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der sehe und höre, wie im Allgemeinen, besonders in kleinen Städten, der Musikunterricht gehandbabt wird; auf den Musiker von Fach, der dort lebt, kommen überall die wenigsten Schüler. Andere thun's ja billiger, lassen obendrein mit sich reden, und nehmen allerlei Naih'chläge an. Wer jemals ein wenig klimperte, fühlt sich berufen Clavierlehrer, resp. Lehrerin zu werden; wer einmal, wenn auch nur eine kurze Zeit, eine Musikschule besuchte, und sie mit der Ceni'ur II oder III verließ, wirft sich als Gesanglehrerin auf. Jmponirende Arroganz geht daun mit Unwissenheit Hand in Hand und sindet selbstverständlich mehr Schüler, als die echte künstlerische Bescheidenheit; — die Eltern glauben, daß eine Coniervatoriums-Schülerin doch nothwendiger Weise etwas gelernt haben müsse, oder meinen, daß überhaupt ״für den Anfang" jeder Unterricht gut genug sei, — später könne man einen thenren Lehrer nehmen für das Kind. Man weiß nicht recht, ob man weinen oder lachen soll über die in Deutschland so weit verbreitete Verblendung in Bezug

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