Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 29 (23.8.1883)
- Date
- 1883-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische /* Prlln11meratllln5-Prrls für Wien und Umgebung und Provinz: Ganzjährig . . fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Bierteljährig . fl. 1.50 Für das Ausland: Ganzjährig . . fl. 7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Bierteljährig . fl. 1.75 ^inct. Zustellung in*s Haur. Organ für die OeZMMt-Iuterrssm jüdischer Mntarev. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Icrkob Mcruev. ^edactian und Administration Lcopoldstadt, Circusgasse Nr. 20. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. 29. Wien, 23. August 1883. 3. Jahrgang. C ha I onus von Höercantor I. Singer in Wien. VII. Die Orgel. Die Weitergestaltung der von Sulzer angebahnten Synagogengesangs-Verhältnisse bis in die Gegenwart ist leider keine glückliche zu nennen. Der schlagendste Beweis hiefür dürfte in der geradezu unbegreiflichen Erscheinung liegen, daß beinahe jede jüdische Gemeinde andere gottesdienstliche Gesänge und nur ein geringer Bruchtheil der jüdischen Gotteshäuser gleichartige Gesänge besitzt. Dieser Umstand schädigte die heilige Sache insofern sehr, indem beispielsweise der Glaubensgenosse aus Warschau, der irgend eine Synagoge einer anderen Monarchie besuchte, beim vollständigen Abgänge jedweder gleichartigen Lithurgie, unmöglich mit den ihm ung ewohnten Gebetsverhältnissen sich zu rechlstnden konnte, demnach der ganzen Handlung rheilnabmslos und dem entsprechend auch andachtslos gegenüberstand und noch gegenübersteht. Das vollständige Verkennen der Phrase ,Fortschritt', welch' Letzteres mit ,Einreißen" identisch gehalten wurde, leitete die meisten der späteren Synagogengesangs-Componisten irre und mit diesen wurde leider auch der Geschmack des Publi' kums irregeführt. Nicht genug, daß jeder jüdische Cantor sich 6x officio auch für einen Componisten hielt und hält, wollte jeder Einzelne noch als Original erscheinen und je mehr er die Synagogengesangstradition verwarf und den sogenannten ,Kirchenstyl" dominiren ließ, desto fester bildete sich in seinem Geiste die Ansicht aus, er Habs das Columbusei bezüglich der Fortentwickelung des Synagogengesanges gefunden. Allein, ,Fortschreiten" heißt nicht ,Einreißen", sondern schon dem logischen Gedankengange nach, auf derselben Bahn vorwärts kommen, oder auch, wenn möglich dieselbe Bahn erweitern und' ver vo llkom m neu. Der Fortschritt auf jeglichem Gebiete von Kunst und Wissenschaft kann nur dann ein wahrhafter, ein zw eckentsprechender sein, wenn der geschichtliche Rückblick mit dem geschichtlichen Hinblick auf die künftigen Verhältnisse in Zusammenhang gcbracht, wenn die Errungenschaften unserer Altvordern, die ja ebenfalls gestrebt und gewirkt nicht einfach verworfen, sondern für die Bedürfnisse der Zukunft benützt und verwertbet werden. Wenn für die jüdisch-sozialen Verhältnisse endlich ein glücklicheres Zeitalter, herannahte und das Zndenthnm die Nothwendigkeit begriff, das Dunkel der Ghettosynagoge zu verscheuchen, indem es Prachtsynagogcn errichtete und auch bestrebt war, die Gesangs- Verhältnisse freundlicher zu gestalten, so durften unsere damaligen Streber im leidigen Verkennen der Thatsache keineswegs an dem Kern der geschichtlichen Tradition rütteln. Die Form sollte eine andere werden, allein der Inhalt derselbe bleiben. Man arbeitete leider umgekehrt. Seit dem Erscheinen -Sulzer's fiiyb nun mehr als sechs Decennien verflossen. Sulzer's"§ebensaufgabe war es in erster Reihe mustergiltig zu singen und singen zu lassen; seine Choraufführungen wurden der Sixtinischen Capelle an die Seite gestellt. Fachmänner und Laien auch anderer Confession labten sich an den Sulzer'schen Gesangsaufführungen und verkündeten sein Lob und mit diesem auch die Anerkennung der jüdische gemeindlichen Bestrebungen. Ist nach diesem von Sulzerg egebenen Musterbilds gearbeitet worden? Wir müssen es leider verneinen. Wie viele Gesangschöre hat das Judenthum der Gegenwart, aufzuweiseu, die als Muster hingestellt werden, oder mit den Gesangs- Chören nichtjüdischer Gotteshäuser, um die Palme des Sieges ringen dürsten? Wir verzichten aus die Aufzählung derjenigen Synagogen-Gesangschöre, in denen nichtjüdische Herren und Damen Mitwirken; man wende uns auch nicht ein, daß nicht jede Gemeinde über bedeutende pecuniäre oder künstlerische Mittel verfüge; denn auch drei Stimmen können mustergiltig zusammen wirken, wenn dieselben nur rationell ausgebildet und vo.n einem wirklichen Fachmann geleitet werden. Allein man arbeitete auch hier umgekehrt. — Nicht wie Sulzer sang und singen ließ, sondern was er aufführte, das wurde — und oftmals in kläglicher Weise aufgerührt — und der Mitwelt der absurde Glaube beigebracht, daß sei Sülze risch — welch' unsägliches Unheil richtete die Nachahmung des Sulzer'schen Falsetts an. — Das, was bei Sulzer beim heraunahenden Alter als Ersatzmittel für die etwas zu mangeln beginnende Höhe verwendet wurde, sieht man für etwas Concretes an und jeder jüdische Cantor,