Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-15 · Heft 28 (15.8.1883) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 28 (15.8.1883)
Date
1883-08-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452915-3452943--0694-3454756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Ausübung seines Berufes werken läßt, so wird in ihrem Nickis durchbohrenden Gewissen offen oder verkappt so lange gewühlt, agitirt und gehetzt, bis man den älteren verdienstvollen Cantor gegen einen jungen Cantoren-Staudigel aus der Cantorenschule umgetauscht, da Ersterer das Verbrechen beging älter zu-schei n c n. Die zweite Frage lautet: ,Wird durch Nichtgründung einer Cantorenschule dem Hebel, der geringen Leistungen und großen Ansprüche der Gemeinden, schon abgeholfen?" Drehen wir da einmal den Spieß um! Wird, so lautet meine Gegenfrage, bei Gründung einer Cantorenschule die Gemeinde zu größeren Leistungen sich verpflichten und wird sie geringere Ansprüche an den Cantor stellen? Nein und tausendmal nein! So manche Gemeinde kann, und sagen wir es ganz ungenirt heraus, sie wird dem Cantor das Leben um so saurer machen, den Brodkorb um so höher hängen, je mehr ihr Aussicht geboten wird, sich auf eine 2 kr.-Correspondenzkarte mehrere jüngere Eantoren aus der Cantorenschule zur Probe und zur Beschau kommen lassen zu können. Die dritte Frage die mir Herr College Kohn zur Beantwortung vorlegt, lautet: ״Wird durch die Cantorenschule dem jungen Cantor ein ״Zmmerjung" gesickert?" Bezüglich dieser Frage muß ich bei meinem beschränkten physiologischen Wissen mich leider außer Stande erklären, es genau bestimmen zu können, ob der junge Cantor aus der Cantorenschule immer jung bleiben werde, ja! wüßte ich, daß dies nach abgelegtem Cantorenschule- Cursus der Fall ist, daun würde ich selbst — und mit mir gar Viele meiner älteren Herren Collegen als begeisterte An- Hänger der Cantorenschule noch einige Curse durchmachen. Doch Scherz bei Seite, wenn der Cantor aus der Vorbeter- -Akademie etwas älter wird, dann wird ibm ebenfalls durch junge Kräfte aus dem Cantorenfcminare dieselbe Gefahr erwachsen, wie früher den älteren Cautoren durch ihn. Es werden stets dann neue Kräfte die älteren als abgenützt verdrängen und brodlos machen und so kan n un d wird die Ca nLorenschule eine stete Gefahr für die dauernde Stellung der älteren Cantoren am Lande sein. Herr College Kohn ist auch der Ansicht, daß .uns alle" ״Befürchtungen des Herrn Collegen Anspitz erspart bleiben, was §. 4 ad c, d, e der Statuten hinlänglich beweist'". Nun lautet Punkt e im §. 4: ״Gründung einer Pensionscassa für b e rn fsunfähige Cantoreu". Meiner Ansicht nach ist der Verein, selbst wenn er die nöthigen Fonds zur Pensionirung besitzt, gar nicht-verpflichtet bro dlos gewordene aber berufsfähige Cantoren zu unterstützen und, der aus t ü ch t i g e n Fa chnid niiei’ii bestehende Vereinsvorstand wird und muß im Interesse der Vereinscassa, so manchen bedanernswerthen brodlos gcwor- . denen Collegen bemitleiden und ihm auch eine ein- oder mehrmalige U nt e r st ü tz n n g zukommen lassen aber ihn als berufsunfähig erklären, wenn er es noch nicht ist, dies kann und wird der Vereinsvorstand niemals thun. Es dürfte auch, täuschen wir uns nur darüber nicht, bevor die n ö t h i g e n bedeutendere Capitalien zur Pensionirung für berufsunfähig gewordene Cantoren beisammen sein werden, Jahrzehnte vergehen, während, bei baldiger Gründung einer Cantorenschule, uns ältere Cantoren am Lande schon in 2 bis 3 Jahren die Gefahr erwachsen kann in den aus derselben hervorgehenden Knnstgrößen nur Amtsverdränger erblicken zu können. Was endlich den Punkt ä. in §. 4 anbelangt, so wird die ,A n st r e b u n g" staatlicher Anerkennung der Stellung jüdischer Cantoren als Aufgabe des Vereines hingeftellt. Zwischen A nst r e b u n g und Erreichung ist ein himmelweiter Unterschied und im Interesse unseres Standes möchte ich Gott danken, wenn auch nur die Anstrebung nicht Ideal bliebe, da sich unter den jetzigen Verhältnissen gar keine Aussicht bietet, irgendwie die Bitte um staatliche Anerkennung mit der geringsten Hoffnung auf Gewährung hohen Ortes vorbringen zu können. Zum Schlüsse will ich nur an die löbliche Nedaction die Bitte stellen, im Interesse einer Sache, welche den Lebensnerv der Cantoren so innig berührt, meine Zeilen ungekürzt aufzunehmen und spreche ick derselben um so mehr meinen Dank aus, als ich wohl weiß, daß in meinen Zeilen eine Bekämpfung ihrer Lieblingsidee liegt. Es ist ein Act der Courtoisie, wenn die löbliche Nedaction meinen Aufsatz ungekürzt anfnimmt, den ihr die Partei, die ich vertrete, gewiß sehr hoch anrechnen muß.*) Horic, 9. August 1883. L e o p. A u s p i tz, Cantor. Wien. College Cantor M. Blatt ist bereits von seinem Urlaub zurückgekehrt und hat die Functionen am Leopoldstädter Tempel wieder ausgenommen. Wien. Die ,W.-A. Z." erzählt nachstehende Mittheilnng, die sehr lebhaft an den Fall von Tisza-Eszlar erinnert, nur mit dem Unterschiede, daß in diese Affaire rechtzeitige Klarheit gebracht werden konnte. In dem slovakischen Dorfe Dovallo im Liptoer Comitate war ein jüdischer Bäckermeister, Namens Singer, ansässig, dessen Junge jeden Morgen Semmeln und Brod nach den zunächstliegenden Ortschäften, Szt. Peter und Wavrischova zu tragen und dort zu verkaufen hatte. Eines Tages war der ungefähr 15 Jahre alte Kuabe — er hieß Jano Blcha — verschwunden, er kehrte nicht nach Hause zurück. Die Bevölkerung begann dem Bäckermeister gegenüber eine drohende Haltung anzunehmen, und zwei Tage später hatten sich die Slovaken der umliegenden Ortschaften der Bewegung angeschlossen-, in großen Schaaren zogen sie vor das Haus das Bäckers und drohten, ihn und seine Familie zu erschlagen. Es war den Dovalloer Juden gelungen, die Gendarmerie-Posten-Commanden in Hradek, Geib und Szt.-Miklos von der Gefahr zu verständigen, welche zusammen acht Mann entsendeten. Kurz darauf, ungefähr 20 Tage nach dem Verschwinden des Knaben wurde der Leichnam desselben hinter dem Gebüschen eines Seitenweges aufgefunden. Der Knabe war ermordet und seiner Barschaft — des Erlöses für das verkaufte Gebäck — beraubt worden. Der Kopf zeigte zahlreiche Wunden, die demselben mit einem stumpfen Instrumente, wie sich später herausstellte, mit einem Knittel beigebracht worden waren. Die aufgehetzten Bauern aber wollten noch immer nicht glauben, daß jemand anderer, als die Juden, den Knaben ermordet hätten, und die Haltung derselben blieb eine so bedrohliche, daß sich die Behörden gezwungen sahen, ans Leurschau Militär xu reguiriren. Während jedoch das Militär noch auf dem Marsche begriffen war, war es gelungen, des Mörders des Knaben in der Person eines durchreisenden verlotterten Handwerksburschen habhaft zu werden. Bei dem ersten mit demselben vorgenommenen Verhöre gestand derselbe die Mordthat ein. Wattersdorf. (Orig.-Corresp.) Allgemeine und tiefgefühlte Trauer herrschte in unserer Gemeinde, als hier Anfang dieses *) Es hieße unsere Ausgabe verkennen, wollten wir der freien MeinungSäußerung über eine so hochwichtige Frage unseres Standes irgendwie ein Hinderniß in den Weg legen. Jederzeit werden die Spalten unseres Blattes einer fachlichen Erörterung dieser oder einer ähnlichen Frage offenstehen.. Daß aber College Auspitz die Creirung einer Cantorenschule als unsere Lieblingsidee bezeichnet, erscheint uns — trotzdem ein solcher Vorwurf nicht schwer zu ertragen wäre — sehr wunderbar, nachdem die Redaction bis jetzt noch gar nicht ihrer Meinung über diesen Punkt Ausdruck gegeben hat. Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.