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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-15 · Heft 28 (15.8.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 28 (15.8.1883)
Date
1883-08-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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’-gilt, daß bei Nealisirung eines allgemeinen Wohles. Sonderintereffcn in den Hintergrund treten; ferner ii't es fa eine all- ״gemein bekannte Thatsache, daß für die Stärke einer Kette, nur jener Umstand die echte Gewährleistung bietet, wenn jedes Glied und jeder Ring derselben, wohlbehalten und in gutem Zustande sich befindet. Bilden wir Cantoren, besonders gegenwärtig, in Folge der Organisation unseres Cantorenvereines, und der Aufrechthaltung eines unsere Jntereficn speciell vertretenden Fachorganes, etwa nichl eine Ketie, deren Gesanuntstärke nur in der Garantie und Wahrung der Rechte eines jeden Einzelnen unserer Standesgenossen besteht? Allein wenn wir auf die Rechte, wie das des Definitivnms 2c. gerechten Anspruch erheben wollen, müssen wir auch ä priori die Pst echten der Oualification und die Absolvirung einer autorativen Cantorenschulc, allen anderen Berufszweigen analog, auf uns laden. — Denn ohne Pflichten gibt cs keine Rechte. — Wenn wir nun im wohlverstandenen Interesse des moralifchen Aufschwunges unserer Berufsgenossensckaft, die Errichtung einer Cantorenschule anregten, und die Erlangung der priellerlrchcn Berufswürdc, an die immensen Opfer an Zeit, Geld und geistiger Arbeit zu knüpfen proponirtcn, so wünschen wir dies «0 ipso in keiner anderen Absicht, als sodann auch auf jene wohlverdienten Rechte und Beneficien, welche mit einem gnalificirten Berufsftande Hand in Hand gehen, unter welchen in erster Linie das nach einer gesetzten Zeitfrist zu ertheilende Definitivum steht, gerechten Anspruch erheben zu dürfen. Jenes humane Recht fiele natürlicherweise, seiner rückwirkenden Kraft zu Folge, dann. auch auf sämmtliche im Amte wirkende Cantorenveterane zurück und es zerfließen somit die gehegten Besorgnisse des Herrn Collegen Auspitz und werden zu Wasser. Nach der Ausfafiung des geebrtcn Herrn Collegen Auspitz hieße es ja Eulen nach Athen bringen, oder ein Danaidenfaß füllen, wenn wir nur Pflichten auf uns lüden, ohne die Rechte hiefür zu verlangen. Dies wäre gleichsam, als wenn wir mit einer Hand uiederreißen, was wir mit der andern aufgebaut hatten. Ferner ist es absurd und kaum denkbar,, daß inmitten der materialistischen Strömung heutiger Zeit, Jünglinge, denen im Vollgenusfe der Freiheit, jede Carriere geöffnet ist, fick einer Laufbahn zuwenden würden, die ihnen weder materiellen Vortheil, noch eine haltbare und sichere Existenz gewähren würde. Leer und verödet würden bald die Hallen einer solchen Institution, deren Aspiranten, nach einemZeitaufwande des mühsamen Studiums und des unermüdeten Eifers und Strebens, über dem Haupte dann stets das Damoklesschwert einer haltlosen und ungesicherten Existenz erblickten. Allerdings aber gereicht die Anregung zur Errichtung einer Cantorenschule, wie auch die hierüber gehaltenen Controversen nur zum Vorthcile dieser für uns wichtigen Angelegenheit. Es sollen die verschiedenen Meinungen und Ansichten über diese Frage, das pro und eontra, in den Spalten dieses geschätzten Organes zum Ausdrucke gelangen, und nach allen Seiten ventilirt und controlirt werden, damit etwaigen Misgriffen vorgebeugt, Misverständniffe aufgeklärt und gehegte Besorgnisse zerstreut werden. Denn nach der Gährung kommt die Klärung. Uebrigens liegt in Betreff dieser Frage nur der fromme Wunsch und die Anregung in unserer Machtsphäre. Die Creirung und Erhaltung einer Cantorenschule gehört eigentlich in das Ressort der Gemeinden Israels. Wenn dereinst diese an die Nealisirung dieser Institution heranzutreten es nothwendig erachten werden, dürfen wir Cantoren bezüglich unserer Pflichten und Rechte nur nicht unterlassen, den gerechten Grundsatz unserer׳ seits geltend zu machen. ״Nihil de nobis sine nobis“. Keszthely, den 8. August 1883. Joses L ö w i n g e r. Canior und Notar. Gegen die Gründung der Cantorenschule. Wobl hatte ick mich beim Abfassen meines Artikels in 9i11mmer 26 unseres Veieinsviganes, als ich frei und offen das kühne, aber wohlbegründete Wort aussprach: ,Eine Cantorenschule wäre wohl eine Wohlrhat für die Gemeinden, jedoch ein Ruin der älteren Cantoren am Lande", daraus gefaßt gemacht, von verschiedenen Seiten entgegengesetzte Meinungen zu vernehmen und gehofft, daß dieselben mit wenigstens halbwegs sichtbaren Argumenten vertheidigt würden. Nun sind mir im Lanre der Woche eine Menge Kundgebungen von Collegen ans den verschiedensten Theileu unseres Reiches zügekommen und bitten mich sämmtliche hochgeehrten Herren Amtsbrüder auszuharren im Kampfe gegen ein Institut, welches uns Cantoren am Lande brodlos machen könnte. Diese Bitten nur und n u r das Interesse der Cantoren selbst, nicht eitle Sucht irgendwie durch literarische Geisteswerke in unserem vielgelesenen Organe mich populär machen zu wollen, bestimmen mich den Artikel meines, bis jetzt, wie er selbst sagt, bescheiden still gewesenen Herrn Amtsbruder Adolf Kohn in Aspern, in gebührender Weise zu beleuchten und seine, ,in unbegreiflicher Naivetät gestellten Fragen, obzwar sie den Kern der Sache gar nicht, oder nur lose streifen, zu beantworten. Allen meinen geehrten Herren Collegen will ich es frei stellen, nach D n r ch le su n g d e r drei Fragen des Herrn Kohn und mit Zugrundelegung meines Artikels in Nummer 26 der Ca nto r en-Z ei tu n g, zu entscheiden, ob überhaupt durch d i e S t e l l u n g dieser d r e i F r a z e 11 auch nur im Geri n g st e n meine Befürchtungen widerlegt worden sind. Ja, ich möchte es kühn b e h a n p t e n, d a ß H e r r E a n t o r K o h n selbst n i et) t an d i e U e b e rz e u g u n g s k r a s t seiner Fragen gl au b t, ich will ihm jedoch dieselben thunlichst beantworten, um-seine Neugierde zu befriedigen. Die erste Frage lautet: ,Sind auch die Nabbinerseminare ein Ruin für die älteren Rabbiner?« Hieraus antworte ich ihm I a! die Nabbinerseminare sind ein Ruin für die älteren Rabbiner. Die Stellung der Letzteren ist theilweise erschüttert, ihr Vorwärtskommen aber ist durch die Seminaristen-Nabbiner total verhindert. Man sehe doch einmal die größeren Rabbiner- Posten in Böhmen und auch anderswo, überall sind junge Kräfte aus dem Seminare angestellt, während die älteren Rabbiner sich mit kleinen Posten begnügen müssen, weil sie bei der Bewerbung um den Posten von den jüngeren Herren Seminaristen-Nabbinern verdrängt werden. Und welch' ein großer Unterschied ist zwischen der Stellung des Rabbiners und der des Cantors in der Gerneinde! Wird der Rabbiner älter, so hüllt er sich öfters in ein, für ihn und für ׳ die Gemeinde wohlthuendes Schweigen und predigt einige Mal im Jahre weniger und in keiner Gemeinde dürste darob die Trauer oder Entrüstung gar zu groß-sein, wahrend es beim Cantor gerade umgekehrt ist. Es mag nur einigen Jngnoranten oder Herz- und gefühllosen Laien, die nicht die geringste Kenntniß vom Gesänge oder vom Cultus haben, es mag nur diesen scheinen, daß der Cantor, weil in den Jahren vorgerückt, eine Schwächung-in seinem Gesänge oder in

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