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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-15 · Heft 28 (15.8.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 28 (15.8.1883)
Date
1883-08-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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mit dem warmen Herzen, der in seiner Kunst immer nur die ,hohe himmlische Göttin' sieht, und nicht mit seinem Stimmmaterial, sondern mit dem, was er daraus gemacht hat, mit dem durchgeistigen Klange, mit dem beseelten Tone hinreißt. Dergleichen idealen Sängern begegnen wir in der Oesfentlichkeit leider ebenso selten, wie in den Privatkreisen, aber wo sie auch erscheinen, versammeln sie eine stille, dankbare Gemeinde um sich. An die Multer tritt nun wohl zunächst die schöne, lohnende Aufgabe heran, solche Sänger und Sängerinnen zu erziehen, und wenn wir von den Lehrmeistern der Gesangskunst später reden wollen, so möchten wir jetzt zuerst die Mutter nennen, als gewissenhaste Pflegerin aller Talente ihrer Kinder, und als vornehmfte Priesterin am Altäre 0er Hausmusik. Mit tiefer Rührung gedenke ich bei dieser Gelegenheit der eigenen sorglosen Kinderzeit, an deren ewig blauem Himmel die schöne Stimme der Mutter als Lerche schwebte. Das war ein frohes Singen und Klingen in der Kinderstube meines Daheim! Wir fünf Geschwister versammelten uns tagtäglich um das Clavier der Mutter, und sangen' zweistimmige Lieder. Es war ein Conservatorium im Kleinen, eine deutsche Singschule. — Die etwas grellen Knabenstimmen wurden zum Secundiren verwendet, und dadurch gedämpft. Die lustigen Spiele gaben wir ohne Seufzer auf beim ersten Accord, der uns zusammenrief. Wir sangen, nach der Aus׳ wähl der Mutter, nur Lieder, deren Texte uns interessirten und deren Tonlage uns in jeder Weise bequem war, und unser alter Hausarzt nannte unser Singen die beste und gefahrloseste Turnüb.ung der Lungen. Ein rein gestimmtes Clavier und die glockenreine Stimme der Mutter lehrte uns zunächst rein singen, nur nach unserem eigenen guten Gehör, ziemlich spät erst nach Noten. Wir durften uns bei diesen heiteren Singübungen aber weder setzen, noch anlehnen. Jeden Licdertext las uns die Mutter vor und wir mußten ihn auswendig lernen, ehe wir das neue Lied sangen. Unsere geliebte Lehrmeisterin duldete keinerlei Unschönheilen, vor allem keine Nasenlaute; sofort wurde die betreffende Nase, zu allgemeiner Belustigung, während des Singens zugehalten, was sich als ein vortreffliches Mittel erwies gegen den häßlichen Fehler der Nasentöne. Ebenso streng war die Mutter gegen eine nachlässige Aussprache, und das Hinauf- und Herunterziehen der Töne, jenes dem Dilettantengesange so häufig anhaftende ״urlare“, Heulen, artiger ausgedrückt: maniera smorfiosa. — Wie leicht wird doch dem Italiener die Aussprache sowohl wie die Klangbildung im Vergleich zu dem deutschen Sänger! seine langgezogenen Vocale und sanften Laute bringen Kehle, Zunge und Lippen sofort in die natürliche Lage, während wir doch, ebenso wie der Engländer und Franzose, uns durch das Gestrüpp der Consonanten mühsam hindurcharbeiten müssen, um nur dann und wann der süßen Erquickung eines langathmigen Vocals genießen zu dürfen. Die weiche lingua italiana kann die Fehler des Gaumen- und Nasengesanges, der sich bei uns so häufig findet, gar nicht ausbilden, deshalb kennt der italienische Sänger das häßliche 6antars di gola kaum anders, als dem Namen nach. Und den Frauenstimmen wird, wie es scheint, das deutliche Aussprechen noch schwerer als den Männerstimmen; wir verstehen auf der Bühne, wie im Conzertsaal und am Clavier, viel seltener die Sängerin als den Sänger. Auch da kann unsere erste Lehr'meifterin, die Mutter, vorarb eiten,, indem sie nicht duldet, daß wir ,Hund' statt und, ״Haus" statt aus, ״nnur" statt nur, ״ndas" statt das, ״Brot" statt Bot u. s. w. singen, oder gar geographische Studien im ״Harz" (Herz) und an der ״Saale", (Seele) machen. ' Singende Kinderftimmen klingen im Grunde, wenn wir überhaupt die verschiedenen Stimmen mit Farben vergleichen dürfen, ganz hellblau mit Silberglanz. Den tiefen, ernsten Baß in seinem Umfange von F bis 6, und seinem schwellenden, an die Orgel erinnernden Klange könnte man violett nennen, den edlen Bariton, dessen gewöhnliche Stimmlage von B bis f reicht, dunkelroth, den Tenor in seinem Gebiete von D bis G rosenfärben; die Frauenstimmen aber, der Contr'alt vom tiefen g bis 6, der m6zzo Sopran von C bis F und der hohe Sopran von 0 bis 6 erscheinen in blauer-Schattirung, mit mehr oder weniger röthlicher Beimischung und Zusatz von Gold. Die Stimmen erzieht der Gesangmeifter, die Mutter aber erzieht den Menschen mit der Stimme. Auf die Anfangsgründe kommt es an in jeder Kunst, und ganz besonders in der Musik und im Gesang, deshalb ist eben auf die eigentliche Hausmusik so großes Gewicht zu legen. Die Mutter singe also zunächst mit ihren Kindern, oder sorge dafür, daß sie gut und viel singen hören, wie es ja überhaupt das sicherste Mittel ist, jedes schlummernde Talent hervorzulocken, welcher Art es auch sein möge, wenn man die Kinder mit talentvollen Menschen umgibt. An der Mutter liegt es zunächst, eine Zeit heraufzubeschwören, wo die Kunst des Gesanges, wie Nehrlich es hofft, von den Sängern wieder in ihrer Heiligkeit erblickt wird. — Mit der Musik aber und mit einer ausgebildeten Stimme stellt die Mutter ihrem Kinde den freundlichsten Schutz- und Troftengel zur Seite, als Begleiter auf der gefahrvollen Wanderung durch die brennende Sansara der Welt. Eine Widerlegung. Herr College Leopold Auspktz, Cantor in Horitz, zieht in Nummer 26 dieses geschätzten Organes gegen die bereits in Anregung gebrachte, zwar noch in petto liegende Creirung einer Cantorenschule zu Felde und führt zur Beweiskraft seiner Behauptung plausible Gründe in's Treffen. Er behauptet nämlich, daß die Errichtung einer Cantorenschule, durch die Ueberwucherung der aus derselben hervorgehenden Cantorenjünger, die ohnedies precäre und jedes äußeren gesetzlichen Stützpunktes entbehrende Lage der älteren Cantoren auf der Provinz gefährdete, und den schnöden Gesinnungen der in den Landgemeinden über den Cantor und andere subalterne Gemeindebeamten nach eigener Willkühr herrschenden Gemeinde-Pascha's zu ihrem ungerechten und unseligen Walten noch mehr Anlaß und noch größeren Spielraum höte. Er sagt: Eine Cantorenschule wäre wohl eine Wohlthat für die Gemeinden, jedoch ein Ruin der älteren Cantoren auf dem Lande. Da ich in Nummer 20 dieses geschätzten Blattes, im Interesse des moralischen Aufschwunges unseres Berufstandes, der Errichtung einer autorativen Cantorenschule, in initiativer Weise und in mareato das Wort redete, erachte ich es auch als Pflicht, auf jene Enunciation des geehrten Collegen Auspitz nach bestem Wissen und Gewissen zu reflectiren. Es sind zwar jene Momente, welche genannter Herr College in seinem ,Bedenken gegen die Errichtung ^iner Cantorenschule', respective dessen Motive, die er daselbst vorbringt, nicht unbemerkenswerth; verlieren jedoch nach reiflicher Ueberlegung und einer detailirten Auseinandersetzung, die ich in den nachfolgenden Zeilen zu geben versuche, jene überzeugende Kraft, welche die Intention der Errichtung einer autorativen Cantorenschule — welche in ihrem Endresultate, für die materielle Besserstellung und für den moralischen Aufschwung unseres Berufftandes von solch' wichtiger Tragweite ist — zu perhorresciren vermochte. In erster Reihe möchte ich dem geehrten Herrn Collegen zu seinem »Bedenken' zu bedenken geben, daß es als Grundsatz

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