Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 28 (15.8.1883)
- Date
- 1883-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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und vermeinte, daß mit dem Ablegen des altehrwürdizen Ornates, .Tällis" genannt, und mit dem Anlegen des scheinbar der Kirche entlehnten neuen Functionskleides auch innerhalb seiner Individualität eine solch' immense fortschrittliche Verwandlung vorgegangen, daß er auch wirklich ein ״Anderer" werden müsse. Wir verzichten auf die banale Anführung bezüglich der Künstlerhaare 2c>, ja, aus dem guten C h a s e n, der bedeutenden Chasonim zugehalten und dort Mannigfaltiges, Schönes, Edles und Gutes lernte, wurde mit einem Male ein Canto r. Der Name hätte ja schließlich nichts zu sagen; denn nach den damaligen Begriffen mußte ja an dem alten Heiligthume Israels so lange gezerrt werden, bis die Flocken im Winde zerstoben und von dem guten alten Chasen — ein modern zugestutzter tüchtiger ״Drong" vor uns dastand — und weshalb? — Dasjenige, was der einstige Meschorer bei seinen Chasen gehört und gelernt, nämlich: ״Sagen" (Necitiren), Chäsones (Lithürgie) rc. das konnte und durfte man ja nach modernen Begriffen nicht mehr anwendcu; denn es klang ja nicht ״kirchlich" — nun, was sollte der arme, zielunbewußte Mann eigentlich anfangen, um ״kirchlich" zu singen? Unbekannt mit der Musikliteratur und den / Musikschöpfungen und zu wenig intelligent, um sich selbstständig rationell fortzubilden, hielt er alles, was ihm in der höchst imponirendeu Gestalt von gedruckten oder geschriebenen.Musiknoten zufällig zu Gesichte kam, für Kirchengesang — lernte mit anerkennenswerthem Fleiße die geliebten Notenköpfe auswendig und war überglücklich, wenn er mit Hilfe eines christlichen Musikers oder auch allein beispielsweise ״Bethovens Adelaide" erlernt hatte. Die Kunstschöpfungen Bethoven's waren dazumal noch nicht so volksthümlich (?) geworden, wie heute und es gehört, wie bekannt, noch heute eine unter tüchtiger Leitung herangereifte Sangeskunst dazu, um Bethoveus tiefe Kunstschöpfungen zu interpretiren — allein unser armer obenerwähnter Cantor stand ja mit derlei Anschauungen auf Kriegsfuß — er war glücklich, die Adelaide sein zu nennen, d. h. erlernt zu haben — sang dieselbe nach eigener Auffassung, beispielsweise so wie man einen *כי כשימך sang. — Die wundervolle Melodie in Bethovens Adelaide erfüllte sein für Musikschönheiten sehr empfängliches Herz, wenn er auch bezüglich des Werthes derselben nicht einen Augenblick nachgedacht — und so begegneten sich die widerstrebendsten musikalischen Thatsachen - in seinen Innern, reichten sich die Hand zum Bunde und verwirrten seinen Sinn so sehr, daß er in dem steten Bestreben, nur ״kirchlich", d. h. modern zu singen, die Adelaide in כשימך ^-Manier und beit כי כשיכך in annähernder Adelaide-Manier sang. Diese Neminiscenz gehört zur Sache, um den Weg zu zeichnen, den die Entwickelung unseres jüdisch-lithurgischen Gefanges genommen, um auf die Zufälligkeiten hinzuweisen, denen die Bessergestaltung des Synagogengesanges oftmals unterworfen war — vielleicht auch um manche sonderbare Erfcheinung innerhalb des ״modern-synagogen-gesanglichen" Kunststrebens zu beleuchten und zu entschuldigen. Allein, diese Zustände gehören ja gottlob vergangenen Tagen an, unsere Zeit hat für uns jüdische Cantoren Segnungen gebracht, die jene obenangeführte Sturm- und Drangperiode, wir möchten sagen ״Kampf- Periode", längst vergessen ließ. Wir zählen zu den Unserigen tüchtig vorbereitete — auch auf anderen Gebieten heimische und intelligente Fachmänner, welche die Fähigkeit und das Bestreben haben, den schleichenden Gang der Geschichte des Synagogengesanges zu beobachten und zu bewachen, deshalb ist uns ein Ausspruch eines der ersten Collegen unter uns-unbegreiflich, der behauptet: ״wenn i ch I vor dem עכוד st ehe, סן bin ich ein!גלד. — Unmöglich!ein S גלח ist kein חזן — eine solche Anschauung ist, wie gesagt unfaßbar. (Fortsetzung folgt). Der erste Grsaiigs-Unterricht- . (Schluß.) Es ist kaum zu glauben, wie naiv mau in den Dilettantenkreisen im Allgemeinen noch über die Ausbildung der Stimme und die Kunst des Gesanges'denkt. Clavierunterricht zieht sich durch ein ganzes Mädchenleben von frühester Kinoheit an, die Violine verlangt Jahr ans Jahr ein die gewissenhafteste, tägliche, stnndenlange Uebung, der anderen Soloinstrumente nicht zu gedenken; /mit^ hcm-.Gesangsunterrichte und seinen Consequenzen findet man sich dagegen in der bequemsten- Weise ab. Mehr als zwei Stunden wöchentlich wäre ein Luxüs, dabei soll selbstverständlich der Lehrer möglichst wenig Solfeggien, aber desto mehr Lieder und Arien singen lassen. Hat man nun gar, bei einem gelegentlichen Aufenthalte in einer großen Stadt, ein paar Monate lang wöchentlich eine Singstunde bei irgend welchem berühmten Gesangmeister genommen, so ist man .fertig" für alle Zeiten und tritt daheim mit unfehlbarer Sicherheit ans. Der Gesangmeister selber wird freilich derartige Schüler bei jeder Gelegenheit lächelnd verleugnen, und thut wohl daran. — Der Seufzer: .kurz ist das Leben, lang ist die Kunst", ist wahrlich im Gedanken an die schwierige Kunst des Gesanges nicht minder berechtigt, als bei den übrigen Künsten Wir stellen heut zu Tage an die clavierspielenden und geigenden Dilettanten ziemlich hohe Anforderungen, und lassen uns doch in Bezug auf den Gesang noch die unreifsten Leistungen gefallen, sobald sie mit einem gewissen Selbstbewußtsein vvrgeführt werden. Die alten Italiener, die anerkannten Meister des Gesanges, verlangten von einer guten Stimme, daß sie rein sei, intonata, voll Metall, sonora, ausgiebig, robusta, möglichst gleich in allen Lagen, eguale, biegsam, flessibile, und angenehm, dolce. Sie reden von einer edlen Stimme, voce-nobile, von einer körnigen Stimme, voce gvauita, und lieben doch vor allen die weiche, geschmeidige Stimme, voce pa8t08a, weil sie allein unmittelbar das Herz bewege, cbe tocca il cuore. Im Gegensatz zu all' diesen Vorzügen verdammen sie die voce comune, die nur schreiend und kreischend sich kund gibt, iugrata e stridente, ober schwer und träge, grave 6 xigra, ferner die verschleierte Stimme, relata, das Zwirnsfädchen, filo di voce und die aus Mangel an Gehör oder aus irgend welchem organischen Fehler consequent unreine Stimme, voce srouata. In einem Punkte stimmen die Singmeistcr aller Zeiten und Länder überein; daß die reine Intonation dem Sänger angeboren sein müsse, und daß sie durch Uebung nur sicherer und vollkommener zu werden vermöge, aber nie gelehrt werden könne. Wer also trotz aller Anweisung und Uebung fortwährend detonirt, und diesen Fehler nicht einmal bemerkt, dem kann kein Singmeister der Welt helfen, der gebe das Singen auf. — Zu der Naturgabe der reinen Intonation gehört für den Sänger, der Epoche machen will, ferner eine kräftige Brust, ein mächtiges Organ von großem Umfange, eine Stimme, die in der Höhe leicht anspricht und in der Tiefe immer edel bleibt, mir sanftem Uebergang der Brust- und Kopfregister. Kommt dazu eine gute Schule und ein lebhaftes Temparament, so kann er seines Ersolges sicher sein. — Das Sängerideal bleibt aber doch allezeit die wirklich musikalische Natur, der fein gebildete denkende Mensch