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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-07 · Heft 27 (7.8.1883) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 27 (7.8.1883)
Date
1883-08-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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- es Jahieß kLdl -— an einem Sonnabend Abend die in Natibor stationirten Gcnsdaimen, daß einer jüdischen Herrschaft, weiche zwei christliche Dienstmädchen hielt, das eine verschwunden sei. Ucbrigcns war der Mann, dessen Name nichts zur Sache thnt, gerade verreist und befand sich in Breslau. Die zurückgebliebene Fran hatte der städtischen Polizeibehörde Anzeige gemacht, daß das Mädchen ihr ohne Grund entlaufen fei. Soweit hätte mich die Sache gar nicht interessirt. Aber beide Gensdarmen, ruhige und tüchtige Männer, meldeten zur Motivirung ihres Rapports weiter, daß unter dem dienenden Personal in Natibor eine hochgradige Aufregung herrsche, weil sich die Sache verbreitet habe, das Mädchen sei von den Natiborer Jueen zu bekanntem Zwecke geschlachtet worden, wie Esther Solymvssy in Tisza-Eszlar. Dieses Gerede werde gerade jetzt des Abends an allen städtischen Brunnen herumgetragen, durch schauerliche Details verschönert, und erregte die Nerven gefühlvoller Köchinnen und Stubenmädchen in höchstem Grade. Sie äußerten die Besorgniß, daß am folgenden Sonntage die zur Kirche in die Stadt kommende mährisch redende Bauerschaft aus den eingepfarrten Dörfern, wenn die Leute׳ das Gerede hörten, zu Excessen gegen die Juden sich Hinreißen lassen würde. Ich gestehe, daß ich, damals jung und unerfahren, zuerst über den ganzen Rapport lachte, dann aber die Gensdarmen anwies, Achtung zu geben und sich im gegebenen Falle der städtischen Polizeibehörde zur Assistenz zu stellen. Da in der Stadt eine Schwadron Uhlanen in Garnison lag, so hielt ich jede Gefahr, au die ick überhaupt nicht glauben mochte, für ausgeschlossen. Am Sonntag Boimirtag aber kam cs buchstäblich, wie die Gensdarmen befürchtet hatten. Die blaubemäntelten mährischen Landleule, mit Pudelmützen auf den Köpfen waren sofort nach ihrer Ankunft, besonders da die Köpfe des weiblichen dienenden Personals in der Stadt sich über Nacht nicht beruhigt, sondern noch mehr erhitzt halten, von dem erwachten Fanatismus angesteckt. Indessen ging man zunächst noch zur rechten Zeit in die Kirche, um die Messe zu hören. Dann aber nach beendigtem Gottesdienste strömte die ganze Masse, da die Polizei trotz eifrigen Suchens die vermißte Person nicht hatte finden können, vor das Haus, in welchem das Mädchen geschlachtet sein sollte, begnügte sich aber anfangs damit, neugierig den ersten Stock, in welchem die beschuldigte Familie wohnte, anzustarren. Darüber fand sich denn auch die Polizei ein. von den Gensdarmen׳ gerufen, auch der Herr Syndicus, der die Stelle des vor Kurzem verstorbenen Bürgermeisters vertrat. Angeblich 11m die herrschende Aufregung zu beschwichtigeu, wußte dieser Mann nichts Besseres zu thun, als in der Wohnung der erschreckten Frau, der ec alle Schlüssel abforderte, eine regelrechte Haussuchung abzuhalten. Natürlich wurde nichts gesunden, was auf einen Mord hindeuten konnte, wie auch im Tempel zu Tisza-Eszlar nichts gefunden worden ist. War die Haussnchnng an sich, abgesehen von allen gerichtlichen und juristisch(!? Bedenken, schon ein Fehler der bethörtcn Menge gegenüber, so verdoppelte der Herr-Syndikus diesen Fehler noch dadurch, daß er die vor der Hausthüre harrende Menge nicht über die Eifolglostgkcit der Haussuchung ausklärte, sie zum Anseinandergchen ansforderte und dies nöthigenfalls erzwang. Er ging schweigend hinweg und nahm sogar seine Polizeibeamten mit, ,um kein Aussehen zu erregen". So blieben nur die beiden Gensdarmen zurück, die sich bemühten, die immer erregter werdende Menge vom Eindringen in das Haus abzuhalten. Sie wurden jctoa!, da die große Masse nachrückle und der Lärm die Köpfe der Leute noch mehr verwirrte, wcggedrängt, und nun begannen die Kühnsten langsam die Treppe zu ersteigen, um selbst zum Rechten zu sehen. Den voibersten Helden stellte sich aber freilich oben rin unerwartetes Hinderniß entgegen. Das zweite Dienstmädchen empficng dieselben mit einer Flnth gut gewählter mährischer Schr'mpfreden und mit der Drohung, dem^ der noch einen Schritt nähe? kommen werde, einen Eimer Wasser über den Kopf zu gießen. Zn diesem Augenblicke, der einigen Aufenthalt verursachte, erfolgte glücklicher Weise die überausbarmlose Lösung der cingetretenen Spannung. Ein findigen Polizeidiener hatte endlich das arme Opfer jüdischer Nachlnst in der benachbarten Mühle ausfindig gemacht, wohin sie sich unter dem Schutz des Mnhlenbesitzers zu irgend welchem Zweck versteckt hatte. Der Mann war so gescheidt, die Äusreißerin mit großer Ostentation über den Platz mitten durch die Menge hindurch in das Polizcigefängniß zu fübren. Die Nachricht, daß das Mädchen gar nicht geschlachtet worden, sondern nur zn ibrem Liebhaber entlaufen sei, erreichte dann noch rechtzeitig die oben auf der Treppe mit dem resoluten Dienstmädchen kapitü--' lirenden Männer, und die ganze Gesellschaft zog friedlich und-' lachend ab — ob auch etwas beschämt, weiß ich nicht. ÄZoff. Z. Kleine Chronik. Wien, im August 1883. Der hiesige Bauguier und türkische Großhändler, Herr Abraham Menachem Elias, hat seinen schon vielfach bekundeten Wchlthätigkeitssinn durch eine" hochherzige Spende neuerdings in glänzender Weise bewiesen. Derselbe ist nämlich Vor׳ standsmitglied der türkischen Schule ״Talmud Thora“, welche sich seit ihrem Bestände in dem Hanse des Genannten unentgeltlich befindet. Nun hat sich im verflossenen Schuljahre das Bedürfniß einer Vergrößerung der Schullocalitäten herausgestellt, und um diesem. Bedürfnisse abzuhelfen, hat Herr Elias den ganzen ersten Stock seincs Hauses der Schule zu diesem Zwecke gewidmet. Im Einvernehmen mit dem, um das Gedeihen der Talmud Thora ebenfallshochverdienten Vorsteher, des Herrn Marcus M. R u f s o, werden die uölhigen Adaptirungen in kurzer Zeit unter Leitung eines Bau-- Meisters ansgeführt werden. Wien. Unser hochgeehrter Mitarbeiter, der Autor des jüd^ Gottesdienstes, Rabbiner Herr Dr. Gnttmann in Hohenems, begibt sich, wie wir aus sicherer Quelle erfahren, im nächsten Monate,, einer großartigen und. ehrenvollen Berufung folgend, nach Amerika. Wien. Vor einigen Tagen fand in Nudolfsheim die Beschneidüng zweier Kinder einer Proselytin statt. Der Vater ist ein Jude,, die Mutter willigte ohne jegliches Bedenken ein, daß man ihre beiden. Knaben, der eine ist fünfeinhalb, der andere dreieinhalb Jahre alt,, beschneide. Der bekannte Mohel E. Weiß vollzog mit viel Geschicklichkeit die Operation. Als Parhen fungirten Herr Jn nk. Kaufmann auf der Wieden, und Herr Cantor M. S ch l e s i n g e r in. Ottakring. §er Aroceß von Fisza-Gszkar, der seit Wochen Europa, ja die ganze eivilffirte Welt in spannendster Aufregung gehalten hat, ist soeben — wenige Stunden nach der Urtheilsverknndigung, — in A. Hartlebe n's Verlag in Wien in Form einer 6 Bogen starken, mit 20 Illustrationen elegant ausgestatteten. Broschüre erschienen. Der Proceß, der in den Annalen des modeinen Gerichtswesens nur wenige seinesgleichen hat, ist so sehr geeignet, das sensationelle Interesse der Mit- und Nachwelt zu. erregen, daß eine objective, zusammenhängende Darstellung des Falles gewiß aus die allgemeinste Aufmerksamkeit rechnen dars> zumal wenn sie von solcher Wahrheitstreue getragen ist, wie in.

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