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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-07 · Heft 27 (7.8.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 27 (7.8.1883)
Date
1883-08-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Den 2. Tag sollte ich zum Chase» »'lernen gehen! Das waren Tage des höchsten Entzückens für mich, ich hätte auch nicht ein Königreich dafür genommen, für diese Ehre, im Tempel (in Schul) öffentlich singen zu dürfen. Das waren deueidenswerthe Stunden, die ich da beim Unterricht beim Chasen genost! Er war überaus eifrig im Lehren, ich im Lernen. Die Chasenten trug einen wesentlichen Theil zum Ganzen bei damit, daß sie jeden Tag etwas anderes, aber jedesmal eine gröstere Ueberraschung für mich in Bereitschaft hatte. Da waren alle Obstsorten, Zuckerl, Backwerke re. re. Ich glaube unter allen lebenden Menschen dürften kaum 10 Percent existiren, die so viel Vorliebe zum Naschen haben, als bei den damaligen Mcschorerim es bestimmt 90 Percent gegeben hat! Vorherrschend waren die Vackwerke aller Milchsorten, die sögenannten ,Bobelech' der Herzenswunsch, ja, das Ambrosia aller Meschorerim. Als Illustration zu dem letzt Gesagten und zur Bekräftigung desselben, will ich nur einen Fall erwähnen, deren viele ich erlebte und auch später anführen will. Ein gewisser .Blind Moische', er besaß von Geburt aus ein schielend Ange, er war Fisttelsingsr im Jabre 1845 abwechselnd in Szobotisch, Szenitz und in Holitsch. 2m letzteren Orte pflegte er sich ans Vorliebe für die dortigen ,Bobcs* länger aufzuhaltcn, da Holitsch bekanntlich an der mährischen Grenze liegt und dis mährischen Dalken doch weltberühmt sind. Eines schönen Tages, es mochte Mitte August 1846 gewesen sein, wir hatten auf die hohen Feiertage schon fest ״ongelernt, da konnte blind Moische keinen Ton hervvrbringen. Moische war im vollsten Sinne des Wortes vollgefcessen, voll gestopft mit Bobcs. Ein junger Mann Namens P . . . k hatte nämlich unseren Moische aufgefordert, er solle sich auf P's. Rechnung an Bobes satt essen. P. wollte versuchen, wie viel Moische zwingt! O, du Versuchung, was hast du aus Moische gemacht! Moische war nebenbei gesagt, ein ,Vielesser'. Wenn mau ihn fragte, welche Speise er lieber esse, sagte er, wie wenn es selbstverständlich gewesen wäre, ״jede extra ist meine Lieblings-Speise*. Nach den Feiertagen gingen gewöhnlich die älteren Meschorerim in andere K'hiles. Theils um zu hören, was man da Neues an Iom-Kipur gesungen, oder auch neue Sachen dem anderen Chasen zu lehren. Ich kam z. B. nach Szenitz zum Chasen zu Besuch. Da lernte ich einen Bast kennen, ein solches Original ist mir noch nicht vorgekommen. Itzig Baß sein Name. Der Mann war beiläusiz 45—50 Jahre alt, Kopf- und Barthaare waren von der höchsten Nothfarbe, leider war er sehr stark kurzsichtig. Seine Nase dürfte jene gewesen sein, von der Göthe sprach, dast sie so lange ist, daß das eigene Ohr sie nicht schnaufen hörte. Itzig war Hagestolz. Er verschmähte das ganze weibliche Geschlecht. Er erzählte oft gerne von seiner Jugendzeit und da mußte ihn etwas Menschliches passirt sein, worüber er, zum Trotz und Verdruß der schönen Welt, ledig blieb. Am zweiten Abend als wir zum Nachtmahl gerufen wurden, wir erhielten schon Mittag von der liebenswürdigen Chasenten Aviso, ״Abends ist Haidekasch". Mir, als 10—lljähriger Bursche, war Haidekasch als Speise, stockfremd. Itzig jedoch schnalzte schon mit der Zunge und beleckte die Lippen öftermal, als wollte er damit andeuten, freuet euch auf's Machtmahl. Dieses Nachtessen — es war im November, daher um 5 Uhr Abends ziemlich dunkel. Dort in diesem Szenitz, Szobotisch oder Holitsch dürfte sogar heute, nach nahezu vierzig Jahren, gewiß keine Gasleitung bestehen, und würde eine bestehen, der Chasen dürfte dort diesen Luxus kaum sich gönnen. Wenn die Welt einstens zu Grunde gehen sollte, so empfehle ich Jedem nur in einem der drei K'hilos zu gehen, denn die können erst um 500 Jahre später zu Grunde gehen, weil sie mit so viel zurück sind. Nun zum Nachtmahl. Die Chasenten kochte selbst die Haidenkasch; aber ein zweiter, ein Tenorsinger, machte sich mit Itzig folgenden Spaß: Er ersuchte die Chasenten, sie möge ihn heute das Nachtessen credenzen lassen. Die Chasenten nichts Böses ahnend, überläßt Awrohom'n dies Amt. Dieser Awrohom hatte nichts Eiligeres zu thun, als ein kleines Heferl, worin er eine ziemliche Portion frischer Butter vorher gegeben, zum Feuer zu setzen, damit dessen Inhalt recht kochend werde. Die ganze Procedur geschah selbst-- verständlich, so viel als möglich geheimuistvoll. Kaum war Itzig in's Zimmer getreten, so mußte er im Finstern herum tappen, um einen Sessel zu finde», auf den ec sich behaglich niederlafsen wollte, um mit Ruhe und im Vorgeschmack der kommenden Speise schwelgend der Dinge entgegen zu harren. Er setzte sich endlich zu Tische, ich stand in der Fensternische, im Gedanken den W'schomru brummend, da öffnete sich die Thüre und Awrohom stürzte mit folgenden Worten in's Zimmer und stellte sich neben Itzig: .Eiskalt ist schon die Kasch' Sie sind zu lauge ausgeblieben*. Dabei stellte er den bis zum Rand gefüllten und gehäuften Teller mit Heister Haidekasch, worauf der Spitzbube die kochende Butter darüber goß! Unser Held Itzig, im Geheimen sich Vorwürfe machend, beeilte sich, das Versäumte rasch nachzuholen und unglückseliger Weise kam er mit seiner langen Nase, deren Flügel und Spitze, dem -Rüssel eines Elephanten glich, etwas tief in dis Haidekasche und hob mit seinen Nüstern eine gehörige Portion des auf dem Teller befindlichen Inhaltes auf. O! Was ist da geschehen! Itzig schnellte vom Sitze empor, wie ein Klischnig, stöhnte, heulte, wetterte und grunzte mit seiner groben .Saite', wie ein Schwein, welches man eben abbrüht. Einer anderen Aeusterung war er in Folge der großen Schmerzen, dieihm die heiße Kasch' verursachte, nicht fähig. — Lange konnte er Awrohome» diesen bösen Streich nicht vergessen. (Fortsetzung folgt). Ein harmlosesSeitenflück zum Fall za Tisza-Eszlar. Nicht als Seitenstück zu der schmachvollen gerichtlichen Verhandlung in Nyiregyhaza, sondern um den magyarischen Edellsuten, welche dort den .Umstand* des Gerichts bilden, den falschen Zeugen und nichtswürdigen Gerichtsbeamten Beifall klatschen, die Vertheidiger und Entlastungszeugen einzuschüchtern suchen, ein Spiegelbild davon vorzuhalten, auf welcher Stufe humaner Geistesbildung sie stehen, sei es mir gestattet, aus einem ereignißreichen Leben eine Episode aus der Heimath in Erinneruug zu bringen, die so ziemlich vergessen sein mag. Dieselbe reicht natürlich nicht entfernt in ihrer Wirkung an den unga« rischen Fall heran Sie verlief harmlos und dient nur zum Beweise dafür, dast es nicht schwer fällt, ungebildete Massen, mit denen also ungarische Edelleute auf gleicher Stufe stehen, durch Anknüpfung an irgend einen alten Aberglauben zu fanatisiren und zu Excessen fortzureißen, oder vielmehr, da in der Episode, die ich im Auge habe, von einer Agitation gar keine Rede war, wie leicht eine solche Aufregung finsterer Köpfe und ängstlicher Gemüther sich spontan erzeugt. Ich habe vor 42 Jahren als junger Referendar den Land» rath in Ratibor einige Zeit vertreten. Im Begriffe, eine kleine Dienstreise anzutreten, auf welcher ich einen Commissär der Negierung zu Oppeln in den Grenzen meines Amtsbezirkes zu begleiten hatte, meldeten mir — es war nach Ostern, im Mai

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