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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-30 · Heft 26 (30.7.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 26 (30.7.1883)
Date
1883-07-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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nachzittert. und die liebenswürdige Frau selbst bloß fluchtig kennen, aber Dennoch dauernd lieben und verehren gelernt aus den beredten Schilderungen, welche dankbare Erinnerung und treue Anhänglichkeit wiederholt von ibr entwarfen. Nur wenige Jahre gekörte diese bolde Erscheinung der Bühne an, daun entsühne sie eine glückliche Ehe jener glänzenden Welt oes Scheins. Sie wurde nun die Muse ihres Freundeskreises, die Schützerin der edlen Musik und aller strebsamen Musiker. — die Künstlerin trat zurück vor der Frau, deren hevorzngte Stellung sie in gleich herzgewinnender Weise zur Geltung brachte. Von Frau Franziska Wüerst Höne ich Lieder von Schubert Schumann, Franz, Lchlottmaun, Wüerst und Anderen in hoch dramatischer Weise singen; von besonders mächtiger Wirkung war von ihr vorgctragen Wüersl's tiefempfundenes: ,Am Tage die Sonne, Wie hat sic mich gerne —■ —' sowie Friedemann Bach's reizvolles: .So Du mir willst Dein Herze schenken, Fang's heimlich an —;״. Sic war eine dankbare Schülerin Stcrn'S und später ihres eigenen Mannes, dessen scharfe, geistvolle Kritik sie, wie sie selbst gesteht, in jeder Weise förderte und bildete; dennoch klagte sie m echtem Küustlerstreben: ,Acb, hätte ich jemals so singen lernen, wie cs in mir lebte, das hätte eine Freude werden können!" Wie schön ist es doch, wenn wirkliche künstleri!che Bedeutung und anmuthende Bescheidenheit die Hand sich reichen! Nur aus ihrer Verbindung kann jenes Sängerideal erstehen, das auch dieser Künstlerseele beständig vorgeschwebt! Die Wunderblume unter den Liedersängerinncn aller Zeiten ist und bleibt aber doch wohl Wilhelmine Scbrödcr-Devrient.— Sie brachte zuerst Schuberl'sche Lieder nach Paris und liest die erregbaren Franzosen auslodern in hellster Begeisterung für diese deutschen Schöpfungen, sie allein bürgerte ״le Lied“ wirklich bei ihnen ein. — Zn Deutschland blieb sie in der Art ihres VorirageS, in der riesen Leidenschaft und Gluib der Empfindung unerreicht. Der rccitirendc Gesang gelangte durch sie zu seiner höchsten Vollendung. Zn jedem Genre des Liedcrvorlragcs war Wilhclminc Schrödcr-Devrienl groß, — in dem Naiven ebenso wie in dem Dramatischen, wenn auch der letztere ihrem eigen!- lichen Wesen am meisten znsagte. So sang sie z. B. Carl Maria von Weber's: ,Niein Mädchen ist so rein und hold" mit jenem, stets Alles electrisirenden, schalkhaften Refrain: ,Kind, thu' mir das nicht mehr!" und Schubert's neckisches: ,Ueber meines Liebchens Aeugeln Steh'n verwundert alle Leute" — — nicht minder hinreißend wie ihr berühmtes erschütterndes: .Am Meer", oder wie den .Erlkönig". Viele Lieder bat sie geradezu geschaffen, — sie bleiben matt und farblos, wenn Andere sie singen; — ihr eigenes heißes Herz färbte Alles mit den glühendsten Farben,' Alles wurde plastisch. Sie verklärte Nichts, — sie gab aber stets wirkliches, warmes, bezauberndes Leben. Menschliche Liebe und Hast, Wonne, Sehnsucht, Leidenschaft, Schmerz — ihre Stimme!hat alle diese Empfindungen in allen nur erdenklichen Nüancen kund. Da war kein künstliches Vibriren, kein Coquettiren mit der Fülle oder dem Timbre des Tones,-der Gesang wurde zur eigentlichen Sprache ihres bewegten Innern und so der unmittelbare Ausdruck ergreifender Wahrheit. Sie mußte so singen, wie sie sang, das fühlte jeder Hörer — sie konnte nicht anders. Und wie deutlich, bis in die kleinsten Details hinein, war ibre Anssprache, wie ernst nabm sie es mit dem Worte, sie zeigte dem Dichter dieselbe Hingabe wie dem Componisten. Als die Schreiberin dieser Zeilen sic hörte, war diese große Künstlerin schon eine kranke Frau, nur ein Schattenbild ihrer ehemaligen Herrlichkeit, ihr Licdergesang glich dem Hauche eines sterbenden Schwans, und doch war Jeder, der. sie hörte. noch hingerissen von ihr, wie in ihrer ersten Blüthezeii. — Da lang sie denn fast ohne Stimme und doch schöner, als alle Sängerinnen der Welt, ihre alten lieben Lieder und während gar manches Auge unter den Zubörern sich mit Wehmntbsthränen füllte, zogen wunderbare Schauer durch die Herzen Aller. Ihre auserkorenen Lieblinge waren: Schnbcrl'S ,Erlkönig", ,Trock'ne Blumen", ,Ungeduld", Gefror'ne Thränen", ,Wasferftnlb", ,Am Meer", .Aufenthalt", ,Ueber meines Liebchens Aeugeln". die beiden ״Ständchen", ״Der Doppelgänger", , Die Krähe", ״Winhshaus", ״Wegweiser". ״Die junge Nonne" und ״Der Wanderer". — Robert Scbumann's: ,Ich grolle nicht" sang fie über alle Beschreibung erschütternd und, im Coinrast, wie reizend und voll kecken Uebermutbs seinen heiteren ״Sonnenschein". Dann liebte sie von ihm besonders noch die ,,Lust der ־ Stnrmnachi", ״Das Waldesgespräch", ״Es treibt mich bin. es!reibt mich her" und ״Schöne Wiege meiner Leiden". Von Mendelssohn sang sie vorzugsweise gern die ״Frühlingslieder", sein ״Neisclied" und in unnachahmlicher Weise jenen Abschiedsgesang: ״Es ist bestimmt in Gottes Rath".. Auch sie ist hin — und hat keine Erbin ihres Liedergesangcs hinterlasseu, wir aber rufen ihr nach: ״Entschwand uns auch Dein Bild, Ist auch Dein Lied verklungen. Dein Ruhm, Dein Name lebt für alle Zeit!" Ein herrliches Denkmal hat Richard Wagner der genialen Unvergeßlichen in seiner hochinteressanten Schrift über ״Sänger und Opern" gesetzt. Nickt gering ist auch die Zahl der Männer, welche durch ihren Liedervortrag sich berühmt gemacht Habens unter ihnen Julius Stockhausen, dem wohl vor Allen die Krone unter den deutschen Liedersängern gebührt, weshalb auch nur auf seine Sangesweise hier näher eingcgangen werden soll. Bei ihm ist selbst die höchste Kunst Natur geworden. Meisterhaft ist die Be> Handlung der Stimme sowohl wie der Anssprache, der Coloratnr und des Vortrages. Für jedes Genre trifft ec in künstlerischer Feinfühligkeit den rechten Ton. Nur seiner Virtuosität in der Wiedergabe ist eS bisher gelungen, ein Cvncertpnbliknm unserer Tage durch den Vortrag ganzer Lieder-Cyclen (״Müllcrlieder", ״Winterreise", ״Dichterliebe" u. s. w.) einen vollen Abend hindurch für sich allein in Spannung zu erhalten, und zugleich andauernd zu begeistern. - Eine Welt von Poesie und Empfindung erschließt sich uns während der Liedervorträge dieses Meistersängers ,,von Gottes Gnaden". Unermüdlich für die Verbreitung des deutschen Liedes in seiner edelsten Form wirkend, wurden viele der schönsten Licderkleinodieu von ihm erst in der rechten Beleuchtung gezeigt, mancher kostbaren Liederperle gab sein Kunstverständniß erst die rechte Fassung. Seinen Künstleraugen entgeht kein verborgenes Liedetkleinod; wo es auch vergraben sein möge, Julius Stock- Hausen weiß den Schatz zu heben. Wie schön singt er Volkslieder, wie trifft er den Balladenton, wie erschütternd malt er z. B. in Schumann's ,Löwenbraut", — in den ,Grenadieren", — im ״Belsazar" und mit

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