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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-30 · Heft 26 (30.7.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 26 (30.7.1883)
Date
1883-07-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — meine nun folgende Ausführung soll ihn rechtfertigen, obzwar ich es nicht ״räthselhaft" finden werde, wenn sich für meine Anschauung Gegner erbeben werden. Von dem sehr löblichen Standpunkte ausgehend, den Cantorenstand anderen gebildeten Ständen anzureiben, meint der geehrte Herr Verfasser von ״Was uns sebtl", es müßten vor Allem die sogenannten Cantoren aus dem Stegreif, diese ungebildeten Natursänger in ihrem Auftreten als Cantoren in Gemein den gehemmt werden. Glaubt denn der geschaute Herr Versasser, daß ein solches vagabundirendes Cantorenthnm dadurch aufhören werde, wenn man junge Kräfte in Cantorenschnlen heranzubilden sucht? Mil Nichten! Wir haben Rabbinerseminare und ein ziemlich stark vertretenes, gesellschaftlich in crasser Unwissenheit bestehendes Rabbinerproletariar und wir haben keine Cantorenschule und eine jede Nummer unseres Blattes zeigt uns deutlich, mit welch' gebildeten Leuten der Cantorenverein als Mitarbeitern und Collegen verkehrt. Woher sind denn bis jetzt die gebildeten und tüchtig geschulten Cantoren gekommen? Den wichtigsten Angriffspunkt, die wundeste Stelle in dem Elaborate für die Cantorenschule will ich in etwas längerer Ausführung behandeln, da ich wohl weiß, daß ich meinen älteren Herren Collegen aus der Seele spreche. Eine Cantorenschule wäre wohl eine Wohlt h a r für die Gemeinden, jedoch ein Ruin der ä l l e r e n C a n t o r e u am Lande. Alan lese nur die Concurse und man wird sich gestehen müssen, daß mit den wachsenden Ansprüchen in eben demselben Maße die Leistungen der Gemeinden geringer und weniger werden. Nach §. 2 der Statuten sott nur Zweck des Cantoren- Vereines sein, die Interessen der Cantoren nach jeder Richtung hin zu wahren. Warum tritt man denn mit einem Vorschläge aus, der nur darauf hinausgeht, der Gemeinde den Wechsel ihrer Functionäre um so mehr zu erleichtern? Wenn ein Cantor, der Jahre hindurch in der Gemeinde thätig war, nur die geringste Spur, ich sage nicht zur Unzufriedenheit geben wird, nein, wenn er nur im geringsten eine Krästeabnahme in seinem Berufe zeigen wird, dann wird man einfach an die Cantorenschule um einen jungen Cantor schreiben, und so kann die Cantorenschule ein Mittel werden, den älteren Cantor brodlos zu machen. Meine geehrten Herren Collegen in der Großstadt, denen gewiß die Errichtung einer Cantorenschule nicht deshalb am Herzen liegt, um sich hiemit eine fette Pfründe zu schaffen, die aber das Wohl ihrer älteren Collegen am Lande stets im Auge behalten, mögen bedenken, daß heute noch viele Gemeinden davon ablassen, mir ihrem Functionär zu wechseln, weil sie sich einestheils genireu, der Welt wissen zu lassen, daß sie wieder einmal > zum so und so vieltem Male ihren Cantor entlassen haben und für kurze Zeir einen Neuen suchen, anderntheils wiederum die. Kosten eines Concnrses scheuen; bei Errichtung einer Cantorenschule genügt es dann ganz im Stillen, mittels eines einfachen 5 kr.-Brieses sich 3 oder 4 junge Cantoren kommen zu lassen, die eventuell dann noch zur Ehe in der Gemeinde schreiten könnten. Ja, es kann auch der Fall eintreten, daß, wenn einer der Herren Gemeindevorstände irgend eine unanbringbare Schwägerjn, Cousine oder Nichte in der Nähe der dreißiger Jahre mit wenig Mesumen haben wird, wo schon jegliche Hoffnung aus Absatz zum Koftenpreise geschwunden ist, dann wird man schleunigst unter irgend einem Vorwände den älteren Cantor gegen einen jungen Cantoren-Akademiker Umtauschen, Letzterer wird dann die Vorstehers-Sckwägerin, Cousine oder Nichte, wenn auch als eine miße Zugabe zum Posten acceptiren und der schon viele Jahre thätig gewesene Cantor ist brodlos und wird keinen Posten finden, denn jegliche Gemeinde wird lieber eine junge Kraft aus der Cantorenschule nehmen als den älteren Cantor mit Weib und Kind. Da ick nun schon die Feder in der Hand und die Cantoren-Zeitung vom 22. Juli bei der Hand habe, so lassen Sie mich, geehrter Herr Redacteur, in meiner schlichten Manier bezüglich Anlegung künftiger Gelder einen Rath geben: Trachten Sie vor Allem eine möglichst hohe Summe zusammenzubringen, denn in ihrer Berechnung stimmt wohl Alles, doch die Hauptsache, die anzulegenden bedeutenderen Capitalien fehlen. Nehmen Sie Monteeuculis Worte zur Richtschnur, denn nicht nur zum Kriegführen gegen persönliche Feinde, auch zum Kampfe gegen die Feinde unseres Standes, gegen Noth, Brotlosigkeit und gegen Elend gehört Geld, Geld, und wieder Geld. Haben Sie dieses, dann wird jeder Cottega Ihnen praktische Nathschläge ertheilen können. H o r i tz, 27. Juli 1883. Leop. A n s p i tz, Cantor. Vom Liedergelrmge. (Schluß.) In wie manchen Familien befinden sich Lieder-Neliquien, die wie ein Heiligthum betrachtet werden, weil sie von irgend welcher längst verhallten Zauberstimme unnachahmlich gesungen wurden, und die Erinnerung wird zur Tradition und zieht so von Geschlecht zu Geschlecht. Von hohem Zauber soll auch der Liedergesang der Sontag gewesen sein. Staatsrath von Grimm, der seine Musikkenner und Musikfreund, der Lehrer des verstorbenen Großfürsten von Rußland, hörte sie oft in den intimsten Kreisen des kaiserlichen Hofes und schildert Stimme und Ausdruck als sinnberückend, als höchste Kunstvollendung, Grazie und seelenvolle Innigkeit. Besonders ergreifend sang sie ein Göthelied von Grimm's Composition: ,Ihr verblühet, süße Rosen!" Der Kaiser Nicolaus nannte die Gräfin Rossi oft scherzend Madame Nossignol und gehörte zu ihren höchsten Bewunderern. Sie sang Duette mit Pauline Barthenieff und Opernensembles mit dem Fürsten Wolkonsky, Herrn von Paschkay und dem jungen Grasen Tolstoi. Aber die Kaiserin liebte vor Allem deutsche Lieder von der Sontag zu hören, und da fehlte denn nie jenes süß-schwermüthige: ,Ihr verblühet, süße Rosen!" > Das Lied war zugleich das Lieblingslied der reizenden Großfürstin Alexandra Nicolaijewna, die, selber im Besitz einer wunderschönen Stimme, aus kurze Z-.it Schülerin der Sontag wurde, und deutsche Lieder entzückend singen lernte. Man vertraute später, aus den Ratb der Gräfin Rossi, den Gesangsunterricht der jungen Großfürstin der Madame Cecca aus Prag an, die man zu diesem Zwecke eigens nach Petersburg berief. Alexandra machte überraschende Fortschritte bei dieser ausgezeichneten Lehrerin, bis sich die Schleier einer beginnenden tödtlichen Brustkraukheit ans jene süßen Töne legten und der Unterricht eingestellt werden mußte, zum bittersten Kummer der jugendlichen Sängerin. Eine der glanzvottsten Sängerinnen und zugleich eine der schönsten Frauen ihrer Zeit war Pauline von Schätzett, jetzige Frau von Decker in Berlin. Die Verfasserin dieses Buches hat leider niemals jene Stimme gehört, deren Klang in so vielen Herzen noch heute

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