Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 25 (22.7.1883)
- Date
- 1883-07-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nur eine verhälinißmäßig kleine Zahl hochstehender Lieder- 'ängerinnen, die in der jüngsten Vergangenheit mehr oder weniger in die Oeffentlichkeit traten, möge hier Erwähnung finden. Die ungleich größere Zahl von ihnen muß im Verborgenen bleiben, mit dem Motto jener Blumen, die nicht gepflückt sein wollten und zärtlich baten: ״Laß uns still an lieber Stelle, Unser Wort ist nicht für Jeden, Oft verrauscht'» wie Wind und Welle, Nur die Liebe lehrt uns reden'. Nicht nur ,reden' lehrt die Liebe — — auch singen, aber freilich dann auch wie das Vergißmeinnicht: »nicht für Jeden!" Der Liedergesang der Freundin Mendelssohn'», Frau Livia Frege, fällt in meine sonnigste Jugendzeit, wo der sorglose Vogel die Schwingen prüfte znm kühnen Fluge in die weite Weltbund sich rüstete, nach Paris zu gehen zum Meister Garcia. Ich habe die freundliche Schützeriu aller Musiker leider nur fetten gehört, aber ich erinnere mich des leicht verschleierten Timbres ihrer Stimme und der Art ihres Gesanges, wie man sich des Mondscheinzaubers einer Frühlingsnacht erinnert. — Mendelssohn's ״Suleika" und sein letztes, ergreifendes: ,Vergangen ist der lichte Tag', — Lieder von Robert Franz, wie z. B.: »Die Höh'n und Wälder schon steigen'. »Des Waldes Sänger singen', Sckumanu's .Franenliebe', »Mondnacht' und ,Könnt' ich Dich in Liedern preisen", sowie Josephine Lang's seelenvolle Schöpfungen kann Niemand poetischer singen, wie Frau Livia Frege alle diese Lieder einst sang. Sie selber schrieb in Bezug auf ihren Liedervortrag: »Meine Lieblingsmeister lehrten mich stets die Lieder so einfach wie möglich zu singen, und ich war bemüht, des Eigenen so wenig wie möglich hinzuzuthun — das hat mir die besten Freunde unter den Liedercomponisten verschafft." . — Dieses »wenige Eigene' war aber eine in vorzüglicher Schule ausgebildete Stimme und-Geist und Herz. V. > ' י Der Sangesweise der Frau Frege sehr verwandt erschien der strahlende Stern Jenny Lind in ihren Liedern, auch in der Art der leichtverschleierten Stimme. Wer jemals das Glück gehabt, die Lieder Lindblad's, Berg's und Mendelssohn s von Jenny Lind zu hören, der hat das Vollkommenste in dieser Art gehört, was auf Erden von einer Frauenstimme gesungen werden kann. Herzergreifend, rührend und fast verklärt klangen Wort und Ton von ihren Lippen. Ging ich zu weit, wenn ich damals in meinem jugendlichen Enthusiasmus glaubte, daß so der Gesang der Engel klingen müsse? Kaum, denn ich gestehe offen, daß ich — es noch bis zu dieser Stunde glaube. Es war in der That etwas Unirdisches, Aeolsharfen-Aehnliches in dem Hauch des Pianisfimo der Lind, wenn sie Lieder saug. Unvergeßlich,, so lange ich lebe, wird mir ein kleines schwedisches Lied von ihr bleiben mit dem Refrain: »Ach — sollt' ich da wohl nicht klagen?!" sowie jenes bekannte Hirtenlied ihres Lehrers Berg: ״ ־׳Bin ich im Wald, Ferne von Dir —" vor Allem ab er Mendelssohn's Gruß: ״Leise zieht durch mein Gemüth" mit seinem unsagbar süßen, verschwebenden: ״Sag', ich laß sie grüßen!" Wie oft und von welchen berühmten Künstlerinnen hörte ich das Lied seitdem singen, — aber keine Stimme, keine Seele sang es je auch nur annähernd, wie Jenny Lind cs gesungen, oder vielmehr gehaucht, und Niemand wird es wohl jemals wieder so singen. Auch im Reiche des Gesanges wie im Reiche der Dichtkunst tauchen Gestalten auf, die in ihrer Eigenthümlichkeit einzig bleiben und nie wieder kehren. (Schluß folgt.) Ein praktischer Vorschlag. Es gibt bei uns kaum mehr eine dankbare Stadt für jüdische Angelegenheiten. Auf der einen Seite die höchste Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar vornehme Verleugnung der Sache der Glaubensgemeinschaft; auf der anderen Seite die Rückkehr in die allerursprünglichste Form des primitivsten Inhalts überwuudene Anschauungen und in der Mitte ängstliche Monopolisirung der Glaubensangclegeuheit. Da ist es denn doch — ich rede von der Gesammtheit und nicht von der Verwaltung — im Judenthume Deutschlands, weit besser! Wenn doch in Preußen die Juden so glücklich wären, die geistlichen Amtshandlungen ihrer Rabbiner, den Religions-Unterricht an staatlichen Lehranstalten von Staatswegen so anerkannt zu sehen, wie es z. B. hier der Fall ist, vielleicht wäre es dort — noch ärger. Die Juden sind einmal ein Volk von Priestern in bonani et in malam partem, wer nicht das Recht unmittelbarer Theilnahme an der moralischstntellectuellen Leitung des Gesammtwesens hat, bat für dieses kein Interesse. Mein Wunsch war daher stets, insbesondere in meinem Buche »die jüdische Gemeinde in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft', nach liberaler Gemeinde- Verfassung gerichtet mit allen möglichen Freiheiten, sage ich lieber, mit der allein möglichen Freiheit der Einzelnen und der Parteien. Das macht wohl die Bureaukraten schwächer, die Gemeinden aber stärker und das Judenthnm mächtiger. Hier fange ich selbst an kampfesmüde zu werden; obschon ich im entlegendsten Hintergründe des Gemeindelebens stehe und jeden Schritt nach vorwärts mit bitteren Enttäuschungen bezahlt habe. Man wundere sich daher nicht, meinem Namen jetzt verhältnißmäßig seltener in diesen Blättern zu begegnen. Und doch, bedenk ich's recht, ich kehre wieder auf die gewohnte Bahn zurück. Ich sehe denn doch, wie recht ich hatte, wenn ich sagte: Man müsse nicht Rabbiner werden, weil man etwas anderes nicht hätte werden können, sondern umgekehrt, wer alles andere werden könnte, müsse -Rabbiner sein. Ich erinnerste mich erst diese Woche daran, als ick, ein geübter Tom ist, die Wälder der Umgegend Wiens studirte, und mich in 'der jüdischen Restauration eines israelitischen Cultusbeamten von meiner Wanderung erholt batte. Zunächst fand ich die Cantoren- Zeitung in der Hand der Frau gescheitelten Wirsthin, die tolerant genug ist, Orgel- und Cultusfragen modernster Art zu vertragen, welche dem gestrengen Gatten, einem Sprossen des großen Markus Benedict — zumal bei dem »theueren Abonnementspreis' des Blattes — minder Zusagen. Der wackere Mann von der Brühl'- scheu Natur-Terrasse Mödlings verdient aber jedenfalls weit größere Theilnahme, als ihm bei der knappen Zahl der Reflectauten ritueller Speise-Einrichtungen zur Verfügung stehet. Mir kam aber gesprächsweise ein Gedanke in den Wurf, welchen ich in die Oeffentlichkeit tragen möchte. Der jüdische Tisch hat, abgesehen von diätetischer Berechtigung, für das Haus die Weihe des Altars, insofern als bei ihm die religiöse Gemeinschaft des ehelichen Lebens durch die Wechselwirkung von Arbeit und Genuß und die Heiligung beider zum lebendigen Ausdruck gelangt, erweitert sich aber zu einem