Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 25 (22.7.1883)
- Date
- 1883-07-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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es im schöne!: Oesterreich eine große, leider allzu große Zabl indolenter Mitcollegen, welche meinen: Acan könne nicht wissen, ob nicht mit nnsercn sauer erworbenen Einlagen unehrlich Spiel getrieben wird, ob eine Coalition mit unseren transleithanischen Brüdern jemals zu erwarten steht, ob wir isolirt, numerisch schwach und aus die Mnnisicenz einiger großherzigen Menschen angewiesen, jemals die wohlthäligen Folgen eines Pensionsfondes theilbastig werden können u. s. w.; jene Malcontenten des Gegenthciles zu überweisen, würde es sehr schwer halten, weil sie sich in ihr eigenes Phantom hincinlügen. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß es der löblichen Nedaction der Eantoren- Zeitung nach und nach glücken werde, Licht, immer mehr Lickt in den wirren Chaos dieser Verblendeten zu verbreiten; die moralische Präpondera nz, welche jede Oeffentlickkeit involvirt. dürfte auch ihr zu statten kommen, das Unmögliche möglich zu machen. In unserer Gemeinde, die ohnehin das Prestige ihrer einstigen Größe zusehends einbüßl und seit dem Ableb-n idrcs seligen Bürgermeisters S. vollends außer Nand und Band gerietb, vollzieht sich gegenwärtig eine unliebsame Nengestaltun.׳, der allseits geehrte Rabbiner, Herr Dr. M. H. Fricdländcr, geht nach G.-Jenikau, meine Wenigkeit nach Ar. W.11. Sn dem Ersteren verliert das mährische Iudenthum einen seiner populärsten Kenner der jüdischen Geschichte und Ritus, denn der Name Friedländer dürfte kaum in jenen gebildeten Kreisen, wo man für jüdische Geschichte und Literatur noch Herz und Sinn besitzt, vermiß: werden; an ihm besaß auch ich einen mächtigen, jeder Präjudiz abholden Gönner. Das Leitmotiv ist beim Ersteren, wie auch bei mir eins und dasselbe, nämlich die׳ Zukunft. I. Schwarz, Kanitz. Vom Lirdergehmge *). Für wie leicht wird es im Allgemeinen doch gehalten, ein Lied zu singen! Wie kräuseln sich die Lippen gar mancher Gesangnovize, wie rümpft sich die Nase manches Gesangsschülers, wenn der Lehrer nur ״nur1 ״Lieder" bringt. — ,,Was ist denn an Liedern zu lernen, — wie kann man mit Liedern blenden und bezaubern?! Halb im Schlafe wird man mit ihnen fertig — höchstens gibt man ihnen wie im Traum: ״ein halb Gehör!" — Läufer, Fioritnrcn, zierliche Cadenzen und Triller will man mit seiner Stimme machen lernen: ein Lied singt sich doch im Grunde ״fast von selber!!" So ungefähr lassen sich die Gedanken und Wünsche der meisten Musikdilettanten übersetzen. Man studirt mit Vorliebe und Eifer eolorirte Arien aller Art, auch vielleicht das Finale ans Weber's Euryanthe, trillert fast fünf Minuten lang und -blamirt sich trotz alledem rettungslos mit dem kleinsten, einfachsten Liede. Der'Liedergesang ist eben mehr als eine Kunst im gewöhnlichen Sinne des Wortes — er ist eine Offenbarung. Wer Lieder gut singen will, der muß eben Alles haben: zunächst Geistes- und Herzensbildung, der Texte wegen, dann Stimm- und Musikbildung — der Musik wegen. In keiner Art des Gesanges wird wohl mehr gesündigt von Lehrern und Schülern, als in eben dieser; von den Erstern, indem sie den Schülern die kostbarsten, seelenvollsten Schöpfungen anoertrauen, um sie von ihnen singen zu lassen, *) ״Vorn Gesänge. Musikalische Winke und Lebensbilder von Elise Polko." lLeipzig 1876.) Aus diesem Werke veröffentlichen wir,mit Obenstehendem ein höchst intereffantes und lehrreiches Capitel ,über den Liedergesang," deffen Lectüre unseren geehrten Herren Collegen gewiß sehr viel Genuß bereiten wird. von den Letzter!!, indem sie ein Lied vortrazen, das sie weder musikalisch noch geistig zu bewältigen im Stande sind. Nach den schwierigsten Liedern wird keck gegriffen, weil man sie in Concerten hörte und sie dort lebbaftcn Beifall fanden und weil sie ״kinderlcickl" erscheinen. Die meisten Dilettanten verrathen noch ein gewisses Zagen, wenn es S ch u m a n n'ichen Liedern gilt, wie oft wird dagegen Franz Schubert in allen Tonarten, ohne irgendwelche Scheu, unbarmherzig zu Grunde gerichtet. — Wer kaum über die ersten Ansangsgründe hinweg ist, ״der vergiftet" sofort die Hörer mit den Thränen des ״unglückseligen Weibes," oder schneidet grausam ״in alle Ninden ein" und bricht das ״Nöslein ans der Haide" :-und der Hörer.? — — Nun, der muß es -״eben - leiden!!" Anstatt unter jenen zahllosen leichteren Liedern mit, deren Vortrag man weder sich, noch Anderen Schaden zu thun vermag, eine Auswahl zu treffen und sie dann eifrig zu stndiren und an ihnen zu lernen, wagt.man sich lieber ohne Studium an die schwierigsten. — Sehr oft hört man aus eine verwunderte Frage in Bezug ans derartige .versrübte Vorträge von den Lehrmeistern die Entschuldigung: ״Der Schüler soll unsere besten Lieber zuerst kennen lernen, um seinen Geschmack an ihnen zu bilden." — Ließe sich denn kein anderer Weg finden, ihn mit all' diesen kostbaren Schätzen bekannt zu machen, als daß man ihm erlaubt, die schönsten Lieder schlecht und ohne Verständniß vor Aller Ohren zu singen? Das Lied gehört ursprünglich in das Hciiigthnm des Hauses, in den kleinen Kreis Anserwähller, — es war und bleibt also immerhin ein Wagniß, seine Neize den! Lichte des Concerisaales anszusetzeii. Wenn cs auch seine Wirkung selbst in solcher Umgebung nicht verfehlt, so gibt es dock gerade unter den holdseligsten unserer Liederblüthen viele, mit denen das Experiment solcher Verpflanzung in den Concertsaal stets, von wem sie auch gesungen werden mögen, ein bedeutliches bleiben wird. Anders klingt nun einmal ein Lied, wenn es der Wanderer bei Vollmondschein׳ am Frühlingsabend, zu seinem eigenen und heimlicher Lauscher Entzücken in die Welt hinaus singt, als wenn eben dieselbe Melodie und dieselben Textcsworte bei ״Kerzen li ch t" ertönen. Es muß mehr oder weniger wirkungslos bleiben, denn die Leute verstehen dann ״das Liedchen nicht!" Wer ergründet hier das »Warum?1 Das deutsche Lied ist der Segen des Hauses, Liedersänger und Liederlängerinnen sind die Freudenbringer des Familienlebens, die Sterne am Himmel der abendlichen Hausmusik. Aber das Lied unserer Tage zeigt freilich ein anderes Gesicht als jenes Liedchen von zwölf und noch mehr Versen, das Misere Mütter und Großmütter mit Heller Stimme zu singen pflegten, kunst- und harmlos, wie der Vogel im Walde singt. Man componirt jetzt keine ״Verse1 mehr, sondern Gedanken und Worie; Dichter und Musiker״ trete!! uns Hand in Hand entgegen, völlig gleichberechtigt, unzertrennlich der Eine vom Andern, wir müssen ihnen also Beiden gerecht zu werden versuchen, wenn wir ein Lied singen, Beiden ein klares und zugleich warmes Verständniß zubringen, — mit der Stimme allein ist heute Nichts mehr gethan in diesem Zweige der Gesangeskunst. Wie manche unvergleichliche Liedersängerin in diesem Sinne verbirgt sich in ihrem Daheim, wie das Veilchen unter seinen Blättern, wie mancher Name, der verdiente weithin zu glänzen, muß eben deshalb ungenannt bleiben, während manche Berühmtheit der Sängerwelt kläglichen Schiffbruch leidet, sobald sie zum einfachen Liede greift, wenn auch vielleicht Niemand es laut auszusprechen wagt — und die ״Gesangsgröße1 selber natürlich auch hier sich für unfehlbar hält. ׳