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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-22 · Heft 25 (22.7.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 25 (22.7.1883)
Date
1883-07-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 10r§. Für das formgereckte deutsche Recitativ haben Sulz er uud Lewandofßky bereits Atustergiltiges geschaffen; ganz anders verbält cs sich jedoch mit dem ,syuagogalcn' Recitativ, dem sogenannten ״Sagen" der Alten, in welchem dieselben Meister waren und denen nachznstrebcn — allerdings den zeitgemäßen Anforderungen entsprechend — unsere Ausgabe sein muß. Stylvolle Olecitattue, d. h. leichtes und inhallsvi'rwandtes Anpassen der Musikphrase an das Textwort — musikalisch-ungezwungene Modulation und präcise Declamation werden am leichtesten durch directe, vom Vortragenden empfangene Eindrücke und, in Ermanglung dessen, durch gute Vorbilder erlernt; — besitzt der Lernende so viel musikalische Vorbildung, rege Phantaste und die sonstig nöthigen Eigenschaften, nach diesen Muster׳ bildern selbstständig arbeiten zu können, desto besser! Fehlen ihm diese Vorbedingungen, so sind feststehende Necitative von einem Meister bearbeitet, ein wahrer Segen für den Cantor wie für die heilige Sache. Für die durch directe Einwirkung zu erzielende Fortbildung der betreffenden Zöglinge ist nun-ein Institut, welchem ein anerkannter, nach jeder Richtung bedeutender Fachmann vorsteht, — demnach eine Cantorschule — eine feststehende Nothwendigkeit. Die Mittel, mit denen dieselbe zu begründen wäre,, wie das ganze Heer der in diesen Blättern angedeuteten, nicht immer gerechtfertigten Schwierigkeiten, gehören nicht hieher. Dieser Gegenstand bleibt denjenigen Männern überlassen, die Intelligenz und Thatkraft genug besitzen, um sich an die Spitze eines solchen Unternehmens zu stellen. Zum Schlüsse noch eine Bitte, die ich gerne von der löb׳ lichen Nedaction sowohl, als auch von deren Mitarbeitern berücksichtigt wissen möchte. Für das synagogale Recitativ ist in keinem der bis jetzt erschienenen Werke genügend Vorsorge getroffen; daher wäre es im höchsten Grade angezeigt, wenn in den Musikbeilagen der ,Oesterr.-ungar. Canroren-Zeitung' diesem dringenden Bedürfnisse abgeholfen würde. M . . . r. Zur Wahrung unserer Interessen. Quod fieri potest per pauea, non debet per plura, so oder ähnlich mochte sich der ehrwürdige Einsender den Stoff seines in Nummer 21 d. Bl. veröffentlichten Schreibens breit gemacht haben, nicht ahnend, daß er da ein Nebel todtzuschweigen räth, woran ein ganzer, wenn auch winzig kleiner Stand, seit jeher krankt. Ohne dem wesentlichen Inhalt jenes übrigens trefflich argumentirten Schreibens im mindesten Eintrag zu thun, drängt es mich dennoch, der congenialen Ansicht mehrerer Gesinnungsgenossen Ausdruck zu verleihen, mit dem Bemerken: Wir sind anderer Meinung. Dulden und schweigen ist dem israel. Cantor ein zur zweiten Natur gewordenes Gebot, das denen, welche die dornige Laufbahn eines Cultusfamulus zu betreten gedenken, vorweg anzuempsehlen wäre; daß es aber ungeziemend erschiene, diesem Grundübel ab und zu auf den Puls zu fühlen, daß man nicht ungestraft daran rütteln dürfe, darüber belehrt uns eben jener ehrwürdige Anonymus. Und warum daß? Etwa 1’sehem schomajim ofoer gar mipne cbilul Laschem? — Wenn irgendwo, so ist hier der bekannte Satz: Allen zu Recht thun 2c.t sehr zutreffend, denn, wo es gilt ein Gemeinwohl fördern, da hört alle Individualität auf. Ein Gemeinwohl ist's und bleibt es unstreitig, und obendrein eine moralische Satisfaction, wenn die Nedaction der Cantoren-Zeitung beherzt genug ist, das brüske Gebühren einer L-beliebigen Gemeinde-Dignität, welches schon aus dem Wesen eines rein formellen Corcurses deutlich genug herausschimmert, zu rügen und in aller Entrüstung zu mißbilligen. In diesem Falle scheint uns denn doch das Citat: Lol horodef achare hakowod inopportun; ist das Ehrgeiz, wenn der Cantor die Grundregel der mosaischen Lehre: W’ohawto l’reacho komoeho oder das daraus gefolgerte man d’sane loch rc. auch auf sich ausgedehnt wissen möchte. Wenn man auch nothgedrungen einräumen müsse, daß Ehre und Ansehen Dinge seien, welche lediglich eine spontane Anerkennung erheischen, daß eine brennende Frage, wie diese, durch den ephemeren Erfolg einer journalistischen Fehde kaum endgiltig auszutragen sei, so ist es andererseits eine feststehende Thalsache, daß wir vermittelst letzterer Eventualität zu einer öffentlichen Meinung gelangen, was bei einem arg vernegligirten Stande comme le notre ungemein schwer in's Gewicht fällt. Wenn der ehrwürdige Verfasser jenes vielerwähnten Schreibens ferner der Ansicht huldigt: Ein Verfall der altjüdischen Ceremouie ist gleichwerthig mit dem Niedergange des gesammtjüdischen Cultuswesens, so ist dies nichts als eine schale Hypothese, die, weil das Gepräge einer individuellen Anschauung tragend, schon an und für sich zweifelhafter Natur ist. Das Gegentheii lehrt die Erfahrung. Zn jen.n Gemeinden, wo die religiöse Tendenz eine ausgesprochen fortschrittliche ist, also dort, wo alle Anzeichen dafür sprechen, daß der Rabbiner, Cantor, Schochet e tutti quanti lediglich als Möbelstücke betrachtet werden — eben dort bewähren sich die Letzteren überaus wetterhart, leben, wirken und altern sie zumeist in Ruhe und Frieden. Unendlich anders gestalten sich die Dinge in jenen Gemeinden, wo die religiöse Tendenz eine ultraorthodoxe, conservative oder schwankende ist. Dort, wo der Rabbiner ein Mittelding ist zwischen und feiner frommen Heerde und der Cantor secundirend die zweite Fiedel spielt, wo jede neue דרשה, jeder gelungene Naarizoch dithyrambisch bejubelt wird, als müßte das Gotteshaus ein frenetischer Beifallssturm durchzittern, also dort, wo der Cultusbeamte ein felsenfestes Nest gebaut zu haben vermeint — gerade dort genießt er bisweilen nichts anderes, als ein interimistisches Gastrecht; ein kleiner Verstoß gegen die locale Sitte, ein Tactfehler von unscheinbarster Bedeutung und adieu Heimat — er ist entamtet. Der handgreiflichen Beweise gibts in Menge, man lese nur aufmerksam den Znseratentheil unserer periodischen Zeitschriften. Vom cordialen Zusammenleben zwischen Rabbiner und Cantor wissen auch nur wenig Spatzen zu schwatzen; bald ist es kleinliche Jnteressen-Nivalität, welche hemmend und lähmend dazwischen tritt, bald ein herrisches chacnn pour 80i, womit der Erstere vermöge seiner oberpriesterlichcn Stellung sich zu verballhornen pflegt, zumeist aber sind es Dinge, von denen man sagen muß: 81 tacuisses, philosophus mansisses. Zu beklagen ist es nur, daß der arme Cantor immer den Kürzern zieht. Dennoch muthet die Stellung eines provinz-gemeindlichen Cantor s nicht besonders rosig an. Doch gemach! Laßt uns erst den Werth unseres eigenen Ich erkennen, lasset von der langandauernden Lethargie uns erwachen. Alle Krebsschaden, und mögen sie in welch' immer einer Gestalt auftreten, gründlich ausjäten, lasset uns brüderlich, einhellig, conform in Sinn, -Rath» und That einhergehen, und der Erfolg-kann unmöglich ausbleiben! Schon ist der Anfang gemacht, was, nebenbei bemerkt, das Allerschwierigste war, schon dürfen wir voraussichtlich hoffen, daß unser junger Verein ,Sulzer" einem gedeihlichen Wachsthum entgegengeht, jetzt gilt's wacker standhalten, kräftig und werklhätig mithelfen! Noch steht Ungarn als Souderstaat mit sonderlicher Iuteressenverfolgung da, noch gilt -es hüben und drüben eine schier unüberbrückbare Lücke zu repariren, noch gibt

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