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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-14 · Heft 24 (14.7.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 24 (14.7.1883)
Date
1883-07-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — meisLerbaft gezcicbueten und für alle Zeiten maßgebenden Basis weiterbauen, dann ist zn hoffen, daß nach und nach alles Fremde, Ausgezwungene aus den jüdifch-Iilhurgischen Gelängen entfernt und der Synagogengesang als gleichberechtigter Musikstyl endlich zu jener Bedeutung gelangt, die ihm bis nun von den meisten seiner Vertreter in unverantwortlicher, aber stauuenswerth ausdauernder Weise voreutbalten wurde. Als Schlußbemerkung möge noch die eigen thümliche Erscheinunz gelten, daß unsere Canlor-Literaten es lieben, statt C h o r g e s a n g, C h o r a l g e s a n g zu schreibe n und zu sprechen; in letzterer Zeit lasen wir sogar irgeuwo von einer Choral- Synagoge. Das ist falsch. Unseres Erachtens kann es ebensowenig einen jüdischen Choralgesang oder eine Choral-Synagoge geben, als jemals eine, im gothischen Spitzbogenstyle mit Glocken versehene Synagoge erbaut weiden dürfte. (Forrsetzung folgt.) Der Geist des Indenthnms. (Schluß.) Daß Reich der Gerechtigkeit! Das ist der Glaube der alten Propheten, das ist das Ideal, Welches in ihren Werken erscheint. Dieses realisirt sich nicht vollständig — weil das Ideal niemals ganz in Erfüllung geht — aber der Glaube, daß durch Israel die Gerechtigkeit auf Erden regieren werde, dieser Glaube wird eine Art Besessenheit bei ׳den jüdischen Volke. Darin besteht die wunderbare Originalität der Propheten, das ist die Idee, welche der Kern der reinen Religion wurde, und welche von der ganzen Menschheit angenommen wurde. Diese Idee, von den Gründern des Christenthums in so volksthümlicher und rührender Weise proclamirt, ist mit bewundernswerther Größe durch die Propheten im achten Jahrhundert vor Christus ausgedrückt. Und deswegen sagte ich, daß der Ursprung des Christenthums im Judenthume liege. Die wahren Gründer des Ersteren sind die Propheten, welche die reine, von gröblichen Uebungen befreite Religion verkündigten. Diese beruht blos auf Dispositionen des Geistes und des Herzens und kann Allen gemeinsam sein; es ist eine ideale Religion, welche in der Proclamation des Reiches Gottes auf Erden und in der Hoffnung auf eine Aera der Gerechtigkeit für die arme Menschheit besteht. Die sibyllinischen Dichtungen der Alexandriner Schule, die so apokryph sein mögen, als man will, die aber jedenfalls sehr rührend sind, drehen sich ebenfalls um diesen Traum, der durch ein geheimnißvolles Echo bis zu Virgil gelaugt ist. Sie besingen eine glänzende Zukunft des Friedens, des Glückes und der Brüderlichkeit, welche der Erde Vorbehalten ist. Dieses irdische Paradies sollte aus dem Beitritte der ganzen Menschheit zum Cultus von Israel hervorgehen. Es ist uns sehr schwer, in präciser Weise von diesen ersten Gründern des Christenthums zu sprechen, deren Physiognomie vor unseren Augen durch einen dreifachen Schleier verdeckt ist, jedenfalls aber muß es als sicher angenommen werden, daß die ganze, erste christliche Generation wesentlich jüdisch war. Hätte man diese großen Gründer gefragt, ob sie aus der jüdischen Familie treten wollten. ״D nein", hätten sie erwidert, ,wir setzen nur die Reihe der Jnspirkrten in Israel fort. Wir sind die wahren Juden'. Jude werden hieß damals, die religiöse Wahrheit annehmen, welche nicht in zwei Theile geschnitten werden kann. Es gibt auch.nur eine Offenbarung für das Juden-und das Christenthum, welche unter diesen verschiedenen Namen doch gleich und ebenbürtig erscheinen. So faßte man noch unter Marcus Aurelius die Beziehungen zwischen den beiden Religionen auf. Später, im dritten Jahrhundert, wurde unter dem Einflüsse des Gnosticismus, der in Alexandrien herrschte, die Spaltung größer. Clements und Origenes lieben das Judenthum nicht und sprechen von demselben mit viel Ungerechtigkeit. Man fühlt es, daß die völlige Scheidung bevorsteht, sie vollzieht sich aber erst daun vollständig, als das Christenthum unter Constantin Staatsreligion wird. Es wird nun officiell, während das Judenthnm seinen freien Charakter behält. Aber noch immer ist die Trennung nicht gänzlich vollzogen. Ich sprach neulich von den Reden des heiligen Johann Chrysostomus gegen die Inden. Es gibt kein interessanteres, historisches Document. Der Redner zeigt sich darin als eine rauhe Natur und dogmatisch. Man ersieht aber dennoch, daß die Gläubigen in großer Intimität mit der Synagoge waren. Er wiederholt es ihnen mehr als zwanzig Mal: »Was macht Ihr in der Synagoge, Ihr wollt Ostern feiern. Wohlan, auch wir feiern dieselben, kommt zu uns'. Die Christen Antiochiens gingen also noch um das Jahr 380 häuflg in die Synagoge. Um einem Eid mehr Weihe zn geben, ging man dorthin, weil man dort die heiligen Bücher fand. Diesen Brauch bekämpfte Chrysostomus in der heftigsten Weise: »Ich weiß wohl', rief er, ,was Ihr mir erwidern werdet. Ihr werdet mir sagen, daß sich dort das Gesetz und die Propheten befinden'. Die Christen also fühlten es, daß sie die hebräische Bibel nicht genug beobachteten, und daß die Juden die wahren Hüter derselben wären. Es sind das aber doch nur die Spuren der ursprünglichen Gemeinsamkeit, und die Trennung wird immer tiefer. Wir gelanen in's Mittelalter, die Barbaren treten auf, und die beklagenswerthe Undankbarfeit der zum Christenthum bekehrten Menschheit beginnt gegen das Judenthum. Es geht übrigens immer so. Wenn man für Andere arbeite:, ist man sicher, zuerst bestohlen und dann geschlagen zu werden. (Beifall.) Die Welt hatte die religiöse Wahrheit von den Juden genommen und behandelte sie in der grausamsten Weise. Die beklagenswerthesten Ereignisse trugen sich jedoch in der ersten Hälfte des Mittelalters noch nicht zu. Zu dieser Zeit herrschte allerdings schon Uebetwollen, es gab aber noch keine organisirten Verfolgungen, oder es gab deren nur wenige. Die Kreuzzüge erst gaben das Zeichen zur Niedermetzelnug der Juden. Die Scholastik trug auch viel dazu bei, die Sachen zu vergiften. Die christliche Theologie sing an, sich als eine Art Wissenschaft zu orgauisiren, wo die Offenbarung gewissermaßen in den Doppelschlüssen der aristotelitischen Dialektik eingerahmt erschien. Eine der falschesten Seiten dieser Scholastik war es, überall Jrrthünxer zu suchen. Wir haben Aufzählungen von solchen Jrrthümeru, die ganze Bande füllen, und manchmal flnden sich auch ganz gute Sachen darunter. In dieser Wuth theologischer Verdammung dachte man, daß der Talmud die schwersten Jrrtbümer enthalten müsse, die Renegaten mischten sich darein und erstatteten Anzeigen. Man machte also dem Talmud einen förmlichen Proceß zu Toulouse (1248), man verbrannte ihn und verbrannte den Juden mit. Das war die Zeit der abscheulichen Verfolgungen, der Antodafe's wie jenes zu Troyss (1288). Am Ende des dreizehnten Jahr- Hunderts ruinirte der Fiscus Philipp's des Schönen die Inden vollends. Man begann sich mit großen Sachen zu beschäftigen, aber dazu brauchte man Geld. Die Beraubung der Juden schien das beste Mittel zu bieten. Das ist eine der beschämendsten Thaten in der französischen Geschichte. Bis dahin war man gegen die Juden tolerant gewesen, und diese hatten dieselben Professionen ausüben können wie ihre Mitbürger. Erst in Folge der traurigen Ereignisse, von denen wir sprechen, entstand ein Unterschied. Man zwingt die Israeliten, eine andere Lebensart zu führen als die anderen Franzosen. Ihr Leben wird ein Leben

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