Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 24 (14.7.1883)
- Date
- 1883-07-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1304829-3452915-3452939--0650-3454709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 2 durch falsche Erklärungen unsere Bestrebungen verunglimpft werden, dann ist es unsere Pflicht, uns dagegen energisch zu verwahren." (Bravo, bravo.) s; Herauf ersucht der Vorsitzende Herrn Cassier N Fischer, den NHenschaftZbericht, den wir an anderer Stelle des Blattes wiedergrben, zur Verlesunglzu bringen. Zur Ergänzung desselben - führt Herr A. Fischer noch an, daß an Vereinsbeiträzcn für das erMVercinsjähr noch. fl. 150 rückständig sind. Nach Kenntnisnahme des Rechenschaftsberichtes und Prüfung der einzelnen Posten geben die Controllors die Erklärung ab, daß der Cassabestand conform mit dem Ausweise von ihnen für richtig befunden wurde. Auf Antrag des Herrn M. Petersilka wird dem Präsidium das Absolütorium erlheilt und dem Cassier die besondere An- Erkennung für die ausgezeichnete und pflichteifrige Verwaltung seines Amtes vom Vorstande ausgesprochen. / Nach Beschlußfassung, daß der Rechenschaftsbericht in dem Vcreinsorgane veröffentlicht werde, wird-die Sitzung vom Vorsitzenden geschlossen. Aer Worstand des österr.-ung. Cantoren-Vercines. C ha sonns. von HöercanLor I. Singer in Wien. IV. (Fortsetzung aus Nummer 22 Choral — Orgel.) ,Die Synagoge braucht einen Gemeindegesanz', das ׳st das Aushängeschild für diejenigen zweifelhaften Streber, welche um jeden Preis ein Patent für eine neue Erfindung auf jüdisch-!ithurgischem Gebiete sich zueignen wollen. Gewiß! jedwede größere Religionsgemeinschaft, die in Massenzesängen zum Schöpfer der Welt betet, bedarf eines Gemeindegesanges; auch die Synagoge hatte ihren .Gemeindegesaug", bevor dieser blendende Ausdruck noch erfunden war; alle Nesponsorien, die Zwischensätze der Keduschah, die Wiederholung des adonoy adonoy, owinu malkenu — Pismonim 2c. 2c. das bilbete nnanfechtbar den jüdisch-lithurgischen Gemeindegesang. ׳ Jene Stellen bei denen die Gemeinde durch Anstimmung eines, wenn auch nur einstimmigen Gesanges, den Vorbeter unterbrach, sind entschieden als Gemeindegcsang zu betrachten und wenn diese Gesänge in Folge mangelhaften Einstudirens und anderer Ursachen kein Anrecht auf Würdigk it und Andacht hatten, so lag es ja im Pflichtkreise derjenigen, die Sinn, Geschmack und das uöthige Wissen für Veredelung des Gottesdicni'tes bekundeten, den heiligen Gegenstand würdiger zu gestalten. Allein, was geschah! Anstatt auf Grundlage der durch einige Wenige vorgezeichueten Veredlungsmcihode der Nesponsorien 2c. auch das allerdings gesunkene gemeindegesangliche Element wieder in sein volles -Recht einzusetzen, was allerdings Tüchtigkeit und Rührigkeit voraussetzte, griff man zur Phrase, indem man dem Zudcnthume ein Trugbild in Form der ,Volkssprache" hinstellte und mit beredten Worten zu erklären versuchte: אלה אלהיך* ישראל♦ Der volkssprachliche Gemcindegesang hat dadurch eine -gewisse Berechtigung erhalten, daß die hebräische Sprache dem jungen sprachgewandten Israel eine unbekannte Sprache wurde *) und daher für den gänzlichen Abgang jedweden Verständnisses ber Gebetkexte ein Ersatzmittel gefunden werden mußte; allein, Surrogat bleibt stets nur Surrogat. Wie der Weinkenner, der bei seinen Tafelfreudcu echten Traubensaft zu genießen gewohnt *) Wer mag wohl daran am meisten Schuld tragen? War, sich niemals einer eventuellen Zwangslage fügen kann, die ihn nöthigte, künstlichen Wein zu trinken, und den ihm credenzten Kunstwein zurückweist, in ganz ähnlicher Weise muß der Fachmann gegenüber den Ersatzmitteln auf jüdisch-lithurgischem Gebiete Stellung nehmen. Wir brauchen nur mit Thatsachen zu rechnen, um den Nachweis hiefür zu liefern. Man sehe sich einmal in jenen jüdischen Gotteshäusern, in denen 'die hebräische Spräche erhalten blieb und dann wieder in jenen modernen Synagogen, in denen das volkssprachliche Elementin Form deutscher Neimlieder Fuß gefaßt, und urtheile, welches von den beiden׳ angeführten Gotteshäusern das besuchtere sein mag. Allein, nicht die Einführung der Volkssprache, der wir ja eine Berechtigung nicht vorenthalten wollen, sondern die Art und Weise, wie sie eingeführt wurde, ist Schuld an dem traurigen Niedergänge gewisser phantastischer Stürmer, der allerdings auch der natürlichen Entwickelung des Synagogengesanges und dem jüdischen Gottesdienste im Allgemeinen gar argen Schaden brachte; -auch -die Zeiifräze spielte hiebei eine erste Nolle. — ,Der Gottesdienst dauert zu lauge", ,man muß die Gebettexte kürzen" re. re. —und man vergaß vollständig daran, daß durch die Kürzung des Originalgebettcxtes und durch Substituirung desselben durch deutsche oder ungarische Ersatzgebete, beinahe gar nichts gewonnen war; man strich beispielsweise das stimmungsvollc, ein Gemeingut des Judenthums gewordene ללה דליי biß auf zwei Verse, ohne Rücksicht darauf, daß man das bekannte Akrostichon vernichtete und setzke dafür ein deutsches Sabbathlied: --- — — holde Braut — _ — — sich traut. Man strich das nicht zeitgemäße (?) מערבית von NVL und bot dafür: ---vor langer Zeit — —-- Auge nieder -- — — so weit, so weit -— — es nieder. 2c. 2c.׳ Wir wollen den Faden dieser Betrachtung nicht weiter spinnen, denn es ist eine traurige Beschäftigung, den Inhalt dieser Gebetssurrozate durchzulesen; o, welche sonderbare Blüthen trieb diese Ersatzmittelmethode in deutscher, französischer, englischer, ungarischer, polnischer, vielleicht auch in slovakischer Sprache — und weshalb? Man muß sich mit den Landesbrüdern assimiliren. Nun, wir haben uns assimilirt, wir haben den Samstag auf Sonntag verlegt, wir beten unbedeckten Hauptes zu unserem Gotte; wir adoptirten den christlichen Choral, die Orgel und wir opferten, was wir opfern konnten, bis wir glücklich bei Tisza- Eszlar angelangt. Doch nicht mit dieser nur beiläufig erwähnten traurigen Thatsache soll die unmögliche Verwendung des söge- Nannten deutschen Liedes beim jüdischen Gottesdienste begründet werden, sondern lediglich damit, daß der in Neimen geschmiedete Gebettext sich gar so leicht für die Composition des Chorales verwenden läßt und wir somit nachgewiesen zu haben glauben, daß auch'das ״deutsche Lied" in der Synagoge keine freundliche Ausnahme finden darf. Bedarf die Synagoge wirklich eines volkssprachlichen Idioms, nun, so brauchen wir Juden wahrlich wegen eines Textes nicht verlegen zu sein; man greife zu den ewigen Psalmen, die, in den landesüblichen Sprachen übersetzt, für alle Gelegenheiten des- Jahres, für Casualien 2c. Stoff genug bieten und uns der Last entheben, zu gereimten Liedern ganz unbedeutenden Werthes unsere Zuflucht nehmen zu müssen; bedarf die Synagoge eines Gemeindegesanges, so möge man ihn auf der von Sulzer, was Nesponsorien und auf der von Levandofski, was Psalmen betrifft