Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 23 (6.7.1883)
- Date
- 1883-07-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— S — Jehova's zu werden, iint sein ger, ba§ will beißen lein Nachbar zu sein? Allerdings bat das Wort im Hebräischen eine andere Bedeutung, was hier aber gemeint ist, wird durch pbönicische Inschriften, wenn man sie mit gewissen arabischen Ausdrücken vergleicht, vollkommen klar. In diesem Sinne war der .ger der Nachbar Geltes, welcher nahe bei dessen Tempel wohnte, sein Speichellecker, sein Tischgeuosse, der stets an dem Heberflusse theiluahm, welchen die Menge der Opfer herbeiführten. ׳Der Nachbor Gottes war also durch dessen Protection gedeckt, die sich wie zwei große Flügel über die Umgebung des Tempels -erstreckte/ Suchte der ger bei den Pböniciern sich dieser Protection, dieser Gunst, dieser Vorrheile dadurch würdig zu machen, baß er ein honneter Mensch war, oder seine Moral vervollstän- -digte? Sicher nicht, die Auskünfte, welche wir über diese gerim haben, lassen ganz das Gcgentheil glauben. Lesen wir jetzt den 15. Psalm./ Wir werden sehen, wie die Eigenschaften des Beschützten, des Nachbars von Jehova. sein müssen: ״Jehova,, wer verdient der ger Deines Zeltes zu sein? Wer verdient, auf dem heiligen Berge zu wohnen?' Hören wir die Antwort. ״Derjenige, der einen unbestecklen Wandel bat, der bis Gerechtigkeit ausübt, welcher in seinem Herzen wahrhaftig spricht, wer mit seiner Zunge nicht verleumdet, wer seinem Nächsten nichts Böses Lhnt, wer seines Gleichen nickt beschimpft, wer nicht Geschenke zum Nachtheile des Scywacken nimmt.* Das sind die Eigenschaften des g6r, des Nachbars, des Schützlings von Jehova. Man ist es nur, wenn man ein honetter Manu ist. Ich glaube nicht, daß der Psalm Io dies zum ersten Male sagte, aber sicher ist es Israel, von dem es zuerst gesagt wurde׳. Wenn der Psalm nickt datirt ist, so existirt dafür ein .anderer Text, dessen Elltstebungszelt man genau kennt, ich meine das erste Capitel von Jesaias. ״Hört das Wort Jebova'S Ihr Richter von Sodom, vernehmt die Lehre unseres Gottes, Volk von Gomorrha! Was liegt mir an der Menge Eurer Opfer, sagt Jehova, ich bin satt der Brandopfer von Widdern, vom Fette der gemästeten Schafe, und ich will nickt mebr das Blut der Stiere, Lämmer und Böcke. Höret auf, mir falsche Gaben .zu bringen, der Weihrauch ist mir ein Gräuel, Eure Neumonds Sabbathe und Festversammlungen, ick mag sie nicht, wenn sie mit dem Unrecht gepaart lind. Ja, ich hasse Eure Neumonde und Feste, sie sind mir überlästig, ich bin müde, sie zu ertragen. Hebt Eure Hände noch so bittend empor, ich wende mein Auge davon ab, betet noch so viel, ich höre cs nicht, denn Eure Hände sind voll von Blut. Waschet Euch, reiniget Euch, schafft Guren sündigen Lebenswandel aus meinen Augen, hört auf Böses zu thun, lernet Gutes üben, suchet das Recht auszuführen, unterstützt den Unterdrückten, führt den Proceß der Waisen, vertheidigt die Witwe/ Das ist ein ganz neuer Gott, grundverschieden von Kamos und allen Gottheiten des grauen Alterthums. Die Moral ist in die Religion eingetretcn, die Religion ist zur Moral geworden. Das materielle Opfer ist nickt mehr das Wesentliche. Der wahre Gultus ist in der Neigung des Herzens, in der Lauterkeit der Seele. (Verlängerter Beifall.) Wohlan, diese Worte sind datirt, sie sind authentisch, sie wurden ungefähr 725 Jahre vor Christus gesprochen. Sie bezeichnen das Er..achen der reinen Religion bei der Menschheit. Logisch gesagt, müßte eine solche Begegnung die Unterdrückung der Opfer herbeiführen, es ist aber selten, daß das absolute Ideal erreicht wird; es ist schwer, Gebräuche verschwinden zu machen, die einem Volke theuer sind. Aber der Geist blieb: Der Geist der Propheten, das ist der Geist von Israel selbst, nach der babylonischen Gefangenschaft. Wir finden ihn noch eklatanter bei den bewnnderswerthen Schriftstellern im ersten Jahrhundert nach der zweiten Zerstörung Jerusalems, deren Ideal ein Cultus ist, welcher der ganzen Menschheit entsprechen kann. So lange dieser nur in materiellen llebungsn besteht, so lange kann man nicht verlangen, daß alle Völker ihn annehmen; jede Nation bat ihre eigenen Uebnngen. warum sollte sie dieselben ändern? Ein Cultus aber, der nur in dem reinen Ideal der Moral und des Guten existirt, der kann für die ganze Welt passen. Diese Idee zeigt sich unaufhörlich bei den Propheten, der gereinigte Cultus von Israel soll die Religion des menschlichen Geschlechtes werden. Es handelt sich nicht mehr um eine besondere Neligionsübung, es handelt sich um dem universellen Cultus, um das Reich der Gerechtigkeit. Schluß folgt. Eingesendet. Nikolajeff, am 13. Juni 1883. Löbliche Redaction! In einem Ihrer letzten Leitartikel (Nummer 19) besprechen Sie in Gegeneinanderstellung zweier von derselben Gemeinde ausgeschriebenen Concurie, behufs Besetzung eines Rabbiner- und eines Cantorpostens, die verschiedene Behandlung zweier so nahe verwandter Functionäre. In ganz richtiger Weife charakterisiren Sie die dort gebrauchten Ausdrücke, und fällen ein nur allzurichtiges Urtbeil über die bekannte ״höfliche" Form der Concursausschreibung für Cantoren. Das Mißverhältniß in der Behandlung der Cantoren und der Rabbiner ist ,leider ein sehr in die Augen springendes, so daß ich mir nicht versagen kann, auch mein Schärflcin zur Klärung, respective Besserung, dieser Verhältnisse beizutragen. Ich setze voraus, daß keiner meiner Herren Collegen besondere Anhänglichkeit an den Titel ״ehrwürdig' besitzt; es ist dies nur ein leerer, hohler Ausdruck einer früheren tilelsüchtigen Epoche, wo mau sich gegenseitig mit allen möglichen und unmöglichen Ehren und Würden bekleidete. Nun ist der Titel ״ehrwürdig* bekanntlich die Bezeichnung der Würde für Geistliche aller Confessionen. Wenn man also nur die Rabbiner mit diesem Titel belegt, so drückt man damit aus, daß die Cantoren keinesfalls Ansprüche haben, der israelitischen Geistlichkeit zuzezählt werden zu können. Hier nun liegt eben der Frrthum, welcher die Schuld trägt, daß man uns nicht zur Hierarchie zählt. Ein eigentliches Priesterthum, wie es die בחנים während des jüdischen Reiches waren, existirt jetzt nicht mehr; die alte Hierarchie ist erloschen und eine neue ist an ihre Stelle nicht getreten, die Ueberreste der früheren Priester genießen heute nicht mehr jene Rechte und Pflichten, die sie ehemals als auserlesene Diener Gottes besaßen. Jeder Hausvater kann heute Priesterdienste verrichten, d. h. er kann Rabbiner und Cantor sein, er kann, wenn er nur die Fähigkeit und die nöthige, moralische Autorität und Kraft in sich besitzt, vorbeten und ihm vorgelegte religiöse Fragen entscheiden. Geistliche, im Sinne der anderen Religionsgenossenschaften, namentlich der katholischen Kirche, gibt es bei uns nicht. Ein bedeutender Unterschied in der Stellung der Functionäre der Gemeinde, dem כלי קודש zwischen שוחט und רב ׳חזן bestand nie, ja, der Cantor als Gesandter der Gemeinde, als ש״צ erfreute sich eines gewissen Vorzuges, und oft, sehr oft waren Rabbiner und Vorbeter eine Person. Als aber Napoleon I. das israelitische Consistorium mit seiner Hierarchie in's Leben rief, da theilten sich die Rabbiner von den Vorsängern ab, erklärten sich für die allein wahren Vertreter der jüdischen Geistlichkeit und drückten die Cantoren zu ihrer gegenwärtigen niederen Stellung herab. Und die französische Negierung, irregeführt