Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-06 · Heft 23 (6.7.1883) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 23 (6.7.1883)
Date
1883-07-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452915-3452938--0645-3454703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- S -- durch die Bezeichnung ,Cantor", welche in den anderen Neligionsgesell schaftin der Cbordirigenl führt, acceptirte diese Auffassung und legte damit den Grund zur Entwürdigung unseres Standes. Bis j-tzt ist dies die Ursache unserer eigenrhümlichcn Zwitterstellung, wonach wir nur Pflichten, aber keine Rechte haben, und sich von Allen unbedingt Alles gefallen-lassen müssen. Diese falsche Auffassung fand Beifall, verbreitete sich rasch und aus dem Diener Gottes, dem Gesandten der Gemeinde., wurde er nicht nur in Frankreich, sondern überall ein Diener der Gemeinde, in deren Interesse es lag, diesen einen Fnnctivnar wenigstens, im Gegen׳ satze zum Rabbiner, her sich Selbstständigkeit errungen, seine Abhängigkeit fühlen zu lassen. Zn dieser Weise betrachteten sich die Rabbiner als die alleinigen Repräsentanten der goinsdienft׳ lichcn Functionäre, .maßten sich die Leitung des Gottesdienstes an und betrugen sich als ,,Geistlichkeit" des Zndenthnmes, ohne es aber in Wirklichkeit zu sein. Wie weit kam mau damit aber vom ursprünglichen Zwecke ab?! Der PQj) דק, welcher gleiche Rechte mit dem רב קבוע hatte, wurde von seinem Piedestal hcruntergerissen und der Nichtachrung Aller, die in ihm nur den Sänger, den sahen, preiögegebcn. So sank der Cantor stufenweise, bis er endlich zu jenem Punkte gelangte, wo ein weiteres Sinken nickt mehr möglich sei. und diese lauge unterdrückten Cantoren einsahen, daß es unmöglrch ist, noch länger in dieser entwürdigenden Stellung zu bleiben. Es traten daher die besten Männer unseres Standes zusammen und bildeten einen Earitorcnverein zur Hebung und Besserung der Lage seiner Standes- und Berussgenossen Um aber dieleS Ziel zu erreichen, müssen wir selbst stets unterer Würde eingedenk sein, nie dürfen wir unsere heiligen Pflichten vergessen, stets müssen wir uns vor Augen Hallen, daß nicht die Rabbiner allein, sondern auch wir die Reprälenlanten der sögenannten Geistlichkeit des Zudentbumes sind. Auch müssen wir uns stets weiter und weiter aurbilden. und nicht dütsen wir in der einmal eingcnon.mlnen Stellung ohne jeden weiteren Fortschritt stehen bleiben, wir dürfen nicht, wie cs leider ebenfalls sehr oft geschieht, Opern- und Operettenmnsik in der geheiligten Halle des Tempels erschallen lassen, vielmehr müssen wir in einfach würdiger, wahrer, hcrzerhebcndcr Weite den Gottesdienst letten, und das Herz der Gläubigen zu Gott führen. Am leichlesten würde dies geschehen, wenn Eantorenleminarien errichtet würden, wo die jungen, strebsamen, neuen Elemente, zu Vorbctcrn und Eantoren herangezogen werden sollen. In diesen Seminarien tollen dieselben nebst der Musik auch in allen anderen darin einschlagenden Fächern, namentlich in der Lithurgie und in der hebräncken Sprache, unterrichtet werden. Tann wird der 7צ*צ wiederum jene Stelle einuehmen, die er ehedem innebatre, er wird stets die Achrung der Gemeinde genießen und alle jene erniedrigenden Zumul Hungen, die man sonst an unsere Berussgenossen stellte, werden von selbst entfallen. Rabbiner und Eanior werden wieder beide zusammen zu den ״ehrwürdigen Personen" des jüdischen EultuS gerechnet werden, alle Mißbelligkeiten und Reibungen werden aushören und die jüdische Hierarchie wird wieder durch zweierlei Stände vertreten sein. Tann wird gewiß keine Gemeinde solche erniedrigende Unterschiede zwischen Can«oren und Rabbinern machen. *) L. I. Gerowicz, Obercantor der Choral-Synagoge in Nikolajeff. *)Diese Enunc׳ation begrüßen wir mit Freude und sind stolz darauf, es als ein Verdienst unserer- Fachblaitcs hinstellcn zu können, daß auch Cantoren, aus der weitesten Ferne sich für das gemeinsame Wohl unseres Standes zu begeistern beginnen. Nichtsdestoweniger können wir den Aeußerungen unseres College» Gerowicz nichl in allen Punkten bcistimmen und glauben, daß er etwas zu hoch gegriffen habe, wenn er der Ansicht ist, die Cantoren wollten sich etwa hierarchischen Bestrebungen hingeben. Die Redaction. Kleine Chronik. Eoilöns, 1. Juli. (Orig.-Corr.) Durch den Wegzug der׳ hochangesehenen Familie Pcrsikaner von hier hat unsere jüdische-׳ Gemeinde wiederum einen großen Verlust erlitten Herr M. Persikaner gehört nämlich zu den ausgezeichneten Israeliten, die unserer׳ Nation zur Ehre gereichen. Außer gründlichem Wissen auf dem- Gebiete der heil. Schriften und Literatur hat Herr P. sich auchumfassende wissenschaftliche und kaufmännische Bildung angeeiguet. sodaß er vor ca. 7 Jahren als Director der Niederlausitzer Maschinen^ bau-Anstalt (Aclien Gesellschaft) gewählt wurde, in welcher Eigen-, schast er auch in seinem neuen Domicile, in der Nähe von Leipzigs bei bedeutend höherem Gehalte thätig ist Neben seiner hervorragen-? den Stellung bekleidete er zugleich das Ehrenamt eines Vorstehersder diesigen israel. Gemeinde und wegen seiner Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit wurde er von Allen, die seinen edlen Charakter׳, kennen lernten, geliebt und verehrt. Dem Unterzeichneten war Herr P. stets ein treuer Freund und Gönner, weshalb sein Scheiden uns- , schmerzlich berührt. Die innigsten Segenswünsche seiner zahlreichen׳ Verehrer und Freunde folgen ihm nach seiner neuen Heimat: .'׳ברוך אהה בבואך וברוך אחה בצאתך. E i » 9! o m a n n 115 d e m Lebe n. — In Captown, tief in Afrika, am Cap der guten Hoffnung, wobnt Herr A. Blumen-׳ thal, Inhaber einer weltberühmten Firma, Schwager des Herrn VorsteherS, Hoflieferant Lichtenstein Hierselbst, dessen nahe Verwandten- ׳ gleichfalls in Caprown wohnhaft, vor einigen Jahren hierher zu Be such kamen. Als dieselben nach vielen Monaten Europa wieder verließen, engagirten sie ein hiesiges jüdisches Fräulein, Namens Clara׳' Kurniker, als Hauslehrerin und nahmen dieselbe mit nach Afrika. ' Der Vater dieses jungen Mädchens, Herr Ad. K., war l6 Jahre hindurch erster Vorstand der dies. Gemeinde; dann verlor derselbe ' in Folge harter Schicksalsschläge sein Vermögen und lebte seitdem ' in bescheidenen Verhältnissen. . . . Man kann sich daher die freudige Ueberraschnng lebhaft denken, als vor einigen Tagen hier die" Nachricht eintraf, daß — obengenannter H.-rr A. Blumemhal die ' Lehrerin Clara K. zu feiner Ebefrau auserkoren und das junge Paar bereits auf der Hochzeitsreise hierher begriffen ist!! — Welch' eine׳ himmlische, unerwartete Freudenbotichaft und welch' ein hohes, uner» meßliches Glück für die noch sehr junge, anspruchslose, aber auch sehr brave und wackere, ft ingebildete Lehrerin, deren enormer Reichthum es ihr hinlänglich gestattet den Lebensabend ihrer schwer heimgesuchten, von ihr zärtlich geliebten Eltern sorgenfrei und heiter zu gestalten! A- Z. Alkes schon dagewesen. (Orig.-Correip.) Trübe Gedanken wurden in mir wachgenift'11. als ich in der jüngsten Nr. Jbrer׳ werthen Zeitung die schreckliche Notiz von dem zerstörten שוהפז׳, de ohne Kopfbedeckung ein Rind geschlachtet, gelesen have. Ach, es liegt mir wie ein Alp aus dem Gewissen! אלברה לירוח לי Ich muß es Euch, liebe Brüder, erzählen: Vor 12 Jahren fungirte ich in S. als' Cantor und Schächter und hatte das Glück, mit dem dortigem Herrn Rabbiner in einem Hanse zusammen zu wohnen, welcher Umstand bekanntlich nicht wenig zur Verschönerung eines prüfungsreichen Schächterdascins beizutragen pflegt. — Um nur hin und wieder einen Beweis von seiner besonderen Zuneigung zu geben, überraschte׳ mich Se. Ehrwürden zuweilen beim Schlachten mit dem angenehmen Zuruf: ,Zeigen Sie mir den GlialifI״ So kam es auch, daß ich, so oft die Rebezin ein Huhn rc. schlachten ließ, jedesmal zuerst dem Rabbiner den Chalif zeigen mußte. Ach, das waren doch schöne Zeiten!! Eines schönen Tages lag ich auf dem Sopha im tiefsten Nachnuttagsschlunimer versunken und träumte gerade so süß, daß ich das große Los in der Lotterie gewonnen, und nun als erster Vorsteher der Eimeinde regiere. Alles huldigte mir. Auch der Rabbiner׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.