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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-07-06 · Heft 23 (6.7.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 23 (6.7.1883)
Date
1883-07-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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verstehen. Ich besuchte einmal den scandinavischen Norden und bemerkte die Lager der Lappländer. Diese sind nur halbcivilisirt, können aber doch lesen. WaS lesen sie? Die Bibel und immer wieder die Bibel. Sie begreifen sie in ihrer Weise und fassen sie ganz originell mit einer Art Leidenschaft und mit tiefem Verständnisse aus. Sie haben also das unvergleichliche Privilegium, daß Ihr Buch dasjenige der ganzen Welt geworden ist; halten Sie sich deswegen nicht darüber ans, wenn die Welt an Ihren Studien theilnehmeu will. Sie theilen dieses Privilegium der Universalität mit einer anderen Nace, die ebenfalls ibre Literatur allen Ländern und allen Zeiten auferlegt hat, ich meine Griechenland- Wir möchten uns sicherlich beklagen, wenn die modernen Griechen sagen würden: .Wir allein haben das Recht, uns mit dem Griechischen zu beschäftigen." «Pardon," würden wir sagen, .die ganze Welt bewundert Eure alte Literatur, und darum hat auch die ganze Welt das Recht, sich damit zu beschäftigen." Ebenso die Bibel; sie ist das Gemeingut der ganzen Menschheit und gehört daher Allem an, was Mensch ist. Alle können mit Ihnen arbeiten. Wir danken Ihnen daher, daß Sie als gutwillige Samaritaner uns gestatten wollten, an Jyrer Seite an dem Werke zu arbeiten, das uns Alle gemeinsam interessirt. (Sehr gut! Sehr gut! und Applaus.) Es ist so wahr, das; die hebräischen Studien der gemeinsame Unterbau der religiösen Studien sind, daß Alle, welche sich von ihrem Glauben Rechenschaft zu geben versuchen, bemüssigt sind, sich mit Ihrer religiösen Vergangenheit zu beschäftigen. Wenn man beispielsweise das Christenthum ergründen will, so muß mau das Zudenthum studiren. Gebunden durch eine jener Traditionen der Kindheit, welche die theuerstcn und die tiefsten sind, gebunden, sage ich, durch eine dieser Traditionen an das Christenthum, glaubte ich meinen Respect vor der christlichen Lehre nicht besser beweisen zu können, als daß ich sie möglichst a c cre d itirt, die wir die Garde am Hose des Herrn ' di e w i r d i e V o r trag s meist er bei dem Herrn der Welt sind! Und trotzdem verweigern uns manche Gemeinden den bescheidensten aller Titel, das einsilbige ,Herr". Merkwürdiger Weise hat aber die deutsche Sprache zwei Ausdrücke für Vereinigungen von Neligionsgcnosien: Gemeinde und Gemeine. — Endlich zu der dritten Gemeinde-Categorie. Diese sind noch bedaueruswerther als ihre Schwestern von der zweiten Gruppe. Denn an und für sich schon ungemein belastet, müßten sie immerfort neue Anlehen ausnehmen, um jeden Acceptirten auch nur die Neisespcsen zu vergüten. Denn die Gunst ist in diesen Gemeinden eben so flüchtig, wie das Geld, die Stellung des Cantors die Lebensdauer einer Eintagsfliege. Der Mann von g e st e rn existirt für heute nicht mehr; er muß die gestern für seine Tourreise erhaltenen Spesen gar bald wieder als Spesen für seine Rückreise verwenden. Nicht ohne Berechtigung schreiben solche Gemeinden: ״Nur dem Acceptirten werden die Neisespesen vergütet." Denn bei denselben ist nichts bestehend, als der Wechsel, und beim Wechsel werden bekanntlich nur die Accept i r t e n honorirt. Ich weiß, Niemand wird es mir verargen, wenn ich einmal zu einem ernsteren Kapitel ein heiteres Lied angestimmt. Man muß auch dann und wann das Ernste von der h e i t e r e n Seite zu fassen wissen, sonst wird es abstoßend und kalt. Und warum soll nicht auf so viele Noll-Variationen dieses Themas einmal eine Our-Tonart folgen? - L. Ster n. s gründlich prüfte. Ich denke, daß eine ernste, gewissenhafte Prüfung der größte Beweis von Achtung ist, den mau dem religiösen Glauben geben kann. (Zeichen der Zustimmung.) Und wohin wurde ich durch diese Analyse des Christenthums geführt? Zum Studium des Zudcnthums, denn, ich wiederhole es, der Christ, der sich von seinem Glauben Rechenschaft geben will, wird immer dahin geführt werden. Und sicherlich hat dieses Studium in meinem Geiste die tiefste Revolution hervorgebracht. Seit dem Tage, wo ich Ihre Vergangenheit kennen zu lernen ansing, haben sich meine Ideen ans die religiöse Geschichte der Menschheit sixirt. Das Stadium des Cbristenthums flößte mir den Entschluß ein, die Geschichte seines Ursprunges zu schreiben. Aber, meine Herren! was ist diese Geschichte, es ist wesentlich Ihre eigene. Ich erkenne es an, daß, um ganz logisch zu sein, ich die Geschichte des Ursprunges der Christenheit mit einer Geschichte des jüdischen Volkes hätte beginnen sollen. Wenn ich dennoch sozusagen mit der Mitte begonnen habe, so geschah dies nur, weil man die Dauer seines Lebens nicht kennt und also zu dem Dringendsten greisen muß. Ich wollte aber auch, daß, nachdem ich die ersten 150 Jahre des Christenthums, geschildert habe, mein übriges Dasein der vorhergängigen jüdischen Geschichte geweiht sein könnte, in welcher mau ausschließlich die Erklärung des Ersteren sinden kann. Der Ursprung des Christenthums hat thatsächlich 750 Johre vor Christus zu jener Zeit begonnen, wo die großen Propheten erschienen und eine ganz neue Religionsidee schufen. Das ist der große Ruhm von Israel; das ist das große Geheimniß, dessen Bewahrer Sie noch immer sind, daß ungefähr sieben oder acht Jahrhunderte vor Christus — diese Zeit läßt sich nicht genau bemessen — sich im Schoße des Judenthums der Uebergang vollzog von der primitiven, noch mit allerlei Aberglauben geschwängerten Religion zu der reinen, und man kann es sagen, zu der definitiven der Menschheit. Die primitive Religion hatte, so viel man noch davon bemerken konnte, eine gewisse Rohheit, wie sie dem Ursprung-, lichen Menschen innewohnte. Es war eine ganz egoistische Neligion. Man stellte sich Gott oder die Götter ganz dem Menschen ähnlich vor, und man suchte die Gottheit oder Gottheiten auch auf gleiche Weise wie die Menschen zu packen . durch das Interesse, durch Gaben und Geschenke. Man suchte sich in ihre Gunst einzuschleichen, indem man ihnen irgend eine angenehme Sache bot: Opfer vor Allem, von denen man voraussetzte, daß sie gut ausgenommen würden. Es m>ar ein ganz interessanter Cultus. Der Menlch glaubte sich von Schrecken umgeben, von unbekannten Sachen, und er bildete sich ein, zu seinem Zwecke zu gelangen, wenn er die Gunst dieser Unbekannten erwerben und sie zu Werkzeugen seines Ehrgeizes oder seiner Leidenschaften machen würde. Lesen sie doch die unlchätzbare. von Mescha gewidmete Inschrift, die wir im Louvre haben, und welche den Gewissenszustand eines moabitischen Königs 900 Jahre v. Chr. so deutlich zeigt. Er bietet Opfer an, er sucht seinem Gotte Kamos so angenehm als möglich zu sein, der ihm Siege erringen hilft und ihn in jeder Weise beschützt. Mescha mit einem. Worte ist der Günstling von Kamos. Und warum? Weil der König ein Mann von. erhabener Moral ist? Das ist wenig wahrscheinlich. Wir haben nur geringe Kenntniß von jener Epoche, dennoch aber glaube ich behaupten zu können, daß Kamos sich um die Moral wenig kümmerte. Gehen wir von der Religion Moab's zu der Israels über, so ist der Contrast frappant. Lesen wir beispielsweise den 15. Psalm, der allerdings nicht datirt ist, der aber den AuS- / druck eines sehr alten Gefühls hat. Was sinden wir darin? I Der Psalmift fragt sich, was man thun muß, um der Schützling

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