Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 22 (28.6.1883)
- Date
- 1883-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — Wahrheit; der objective Fachmann muß sogar einräumeu, daß ein von hundert oder tausend Meuscheukehleu gesungener Choral eine überwältigende und erhabene Wirkung äußert, indem er das Herz tief ergreift und begeistert und die menschlichen Sinne gefangen nimmt und berauscht; allein ist die Wirkung des einfalben 8anotus׳GlöckIein-Tones, oder der sinnbestrickende Dust der zur Kirchen decke aufsteigenden blauen Weihrauch-Wölkchen vielleicht -ein geringer? Wir haben nicht die Aufgabe, zu verzeichnen, welch' heilige Andachtsschauer die christlich-gläubige Gemeinde erlaßt, wenn der einfache zarte Ton des Glöckchens bei Sanctus Dominus Deus Zebaoth durch den heiligen Raum erzittert und heilige Stille hie majestätischen Hallen erfüllt. Alles verneigt sich demüthig nnd klopft reuig an die Brust, im Bewußtsein seiner Schwäche und seiner Sündhaftigkeit: Herr vergib! Nun, dieses Sanctus ist ja gutjüdischen Ursprunges, —קדוש קתש קדוש יי צבאית — allein es würde uns interefsiren, diejenige jüdische Gemeinde kennen zu lernen, die zur Erhöhung des feierlichen Eindruckes bei den obigen Worten der ,*קדוש!־ ein Glöcklein ertönen ließe. Oder — Näucherwerk übt ja bekanntlich eine auf alle Menschen ahne Unterschied des Glaubens gleich angenehme Wirkung; Allein wir wollten den Eindruck sehen, den die Verbreitung von W e ihr a u chdüftcn in dem Augenblicke auf die jüdische Gemeiude macht, wenn dieselbe an יום 122ד bei der עבודה (allwo eine Stelle sogar von Tempel-Räucherungen handelt) innerhalb des Synagogenraumes in heiliger Andacht versammelt ist. Dieses 8anetu8-Glöckleiu und andere hochheilige Eiurichtungen sind eben Kinder der christlichen Religion, aus ihrer Geschichte hervorgegangen, mit ihrer Entwickelung großgezogen und haben demnach, nur dortselbst ihre Berechtigung; ganz so der Choral. . Derselbe ist wie erwähnt ebenfalls erst mit dem Christenihume entstanden, fand von den ^christlichen Kirchenfürsten Ambrosius und Gregor, die umfassendste Pflege indem namentlich der Letzere noch die letzten Ueberbleibsel von Gesangs-Melismen entfernte und hauptsächlich den willkürlichen Taet oder die Loslösung des Kirchengesauges, namentlich des Chorales von jedem Metrum bewerkstelligte — demgemäß ein intcgrirender Theil des christlichen Gottesdienstes wurde. Der Choral hat eine Geschichte, wie dieselbe eine andere Musikgattung kaum aufzuweisen hat; hatte auch seine Verfallsperiode, indem um die Zeit des 14. Jahrhunderts die Neigung für den geordneten rhythmischen Gesang sich geltend machte und die für uns jüdische Cantoren interessante Gesangsmanier allgemein beliebt war, daß der Diseantus alla mente einen gregorianischen Choral sang, während die andere Stimme nach eigenem Gutdünken (ähnlich wie alte משוררים) auf gut Glück über demselben verschiedene Colaratur anbrachte. Der 'Chorgesang war tief gesunken, so tief, daß Luther keinen Anstand nahm, in gerechter Entrüstung über die Eigenkhümiichkeit desselben, ihn ein ,Eselsgeschreizu nennen und gewiß wäre der Choral damals einem sicheren Ende entgegengeganden, Hätte der Protestantimus aus der verstümmelten Sangesweise die letzten Neste des im Sturme zerfetzten Wracks nicht gerettet und daraus das sogenannte deutsche Kirchenlied gestaltet. Dieses aus dem Choral hervorgegangene deutsche Kirchenkied ist wieder das echte Kind des Protestantismus, welcher für hie Umgestaltung seines Gottesdienstes auch eine neue Form der Gesangsstücke nöthig hatte, und dieses deutsch-protestantische Kirchenlied war der Leitstern, der unsere neuen jüdischen Comchoniften verleitete, dem Choral in der Synagoge ein Heimatsrecht zu verschaffen. Allerdings sträubte sich das hebräische Volk gegen eine natürlich leichte Vereinigung mit dem fremden Eindringling, der leichtfüßige ObatakDassachund das gelenkige 8ehevva standen der schwerfälligen V4 Note und dem gravitätischen Halter betroffen gegenüber und selbst den Componisten war es unmöglich, einem Choral irgend einen hebräischen Text unterzuzwängen. Doch so überaus wichtig erschien die Verwendung des Chorals beim Syuagogengesauge dieses falsche Ideal, welches der Pflege unseres allein echten Ideals, des leichten rythmischen Gesanges und der alten Melodie lange genug hinderlich war daß man kurzen Prozeß machte, und um nur dem Choräle um jeden Preis den Eintritt in die Synagoge zu ermöglichen, ihm sogar die hebräischen, liebgewonnenen und erhabenen Texte opferte. Jetzt war das hehre Ziel erreicht! Die Synagoge verlor die alten, hebräischen, aber historisch gewordenen Gebettexte und erhielt dafür die hochwichtige Errungenschaft/ ,das deutsche Lied.' Ganz nach dem Muster protestantischer Gebetbücher wurden die aus langathmigen Noten bestehenden Choräle den deutschen Gebettexten mitbeigegeben und der gläubige Israelit erhielt nun ein deutsches Gebetbuch mit Musiknvten. Diese in den Text gedruckten Musiknotcn mögen dazumal ungemein imponirt haben; wir wollen es auch ehrlich zugestehen, daß dieselben für die Neugestaltung des Synagogengcsanges, in didaktischer Beziehung, nicht ganz unwichtig waren; allein, was ist aus diesen Gebetbüchern innerhalb der kurzen Spanne Zeit geworden? Die Geschichte bleibt in solchen Dingen die allein maßgebende Richtern!. Das allererste jüdische Gebetbuch mit deutschem Liedertexte ,für Andacht und Erbauung' erschien im Jahre 1810 zu Cassel und war von Dr. E- Kley und dem hochberühmten I. Johlson redigirt und die Melodien von verschiedenen Musikern componirt. Das Büchlein erlebte allerdings nur eine Auflage und schon heute, nach 73 Jahren, ist kein einziges Exemplar dieses Gebetbuches vorhanden; welche inhaltsreiche, geschichtliche Wahrheiten mögen in demselben enthalten gewesen sein, wenn dasselbe nach kaum 8 Decennieu vollständig vom Schauplatze verschwunden ist. Auch das zweite im Jahre 1832 zu Cassel erschienene Buch קול זמריה oder ,Gesänge zur Erweckung der Andacht und des religiösen Gefühls," ist nur noch in wenigen Exemplaren bis auf unsere Zeit gekommen, um nicht etwa auch nur in einer einzigen Synagoge Verwendung zu finden, sondern als trauriger Zeuge der damaligen falschen Bestrebungen zu gelten. Man mißverstehe uns nicht! Wir anerkennen 1111b werthschätzen den guten Willen und die redliche Absicht, die diesen erwähnten Bestrebungen, innewohnt, wie jedwede Arbeit nur Anerkennung verdient, müssen jedoch der Richtigstellung wegen, die Richtung der Bestrebungen als für die Fortentwicklung des Synagogengesanges, ungeeignet verzeichnen. Es war verfehlt, dem Judenthum nur aus weißen Notenköpfen bestehende, fremde Gesänge aufzudrängen, wie es verfehlt war und bleibt, den lieben Gott in Reimen, wie ,Brust und Lust — Herz und Schmerz' 2c., anzubeten. Der Fehler hatte seine traurigen Folgen, aber die fehlerhafte Thal fand auch ihren verdienten Lohn in der geschichtlichen Thatsache, daß die angeführten Gebetbücher keine Verwendung -fanden, sondern längst vergessen und verschollen sind. Wenn das Judenthum einen Gemeindegesang und eventuell einen volkssprachlichen Gemeiudegesang brauchte und braucht, daun hat es wahrlich nicht nöthig, seine nach mehreren hundert Jahren zählende gesangliche und dichterische Tradition sofort über Bord zu werfen, daß man, was Melodie und Textsorm betrifft, zu den Formen fremder Culte greifen mußte. (Fortsetzung folgt.)