Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 20 (12.6.1883)
- Date
- 1883-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 die sog. falschen Stimmbänder und von vorne nach rückwärts gehend die Auskleidungen der beiden Gießbeckenknvrpel ein har» monisches, an keiner Stelle besonders bervortretendes Blaßroth zeigen. Die Schleimhaut muß an allen diesen Stellen eine glatte, glänzende, feuchte-Oberfläche darbieten, beiläufig so, wie die Auskleidung unserer Wangenschleimhant. Grell'von dieser Schleimhaut hebt sich nur ab das blendend weiße, sehnig-aussehende, den Kehlkopß abschließende Stlmmbänderpaar,- welches vorzüglich der Phonation dient. Diese beiden wahren Stimmbänder/ denen die Hauptaction im Singen zufällt, müssen an ihren freien Äiändern idealgerade Linien zeigen. Ferner MUß das Stimmband selbst nach angestrengten Singen seine weiße Farbe behalten. ׳׳: In dem Mornente, wo man am freien Rande der Stimmbänder eine kleine Unebenheit entdeckt und wäre dieselbe noch so klein, so tritt dasjenige im Singen ein, -was die Sänger einen ^Faden* nennen, was in's Physiologische übesetzt so viel heißt: es tangirt das normaler Weise frei schwebende Stimmband an diesem Punkte das: gegenüberliegende Stimmband. Es ist ein solch'? kleines Knötchen-wie eine Sordine aufzufassen, oder wie ein Knotenpunkt. Solange dieses kleine Knötchen keine größere Stimmstörung erzeugt als etwas rauheres Tönen, gleicht der Sänger.durch stärkeres Svannen dieses Stimmbandes das Hinderniß ans; aber alsbald merkt er, daß ihm das Singen größere Anstrengungen als gewöhnlich koste, daß er leichter ermüde. Diese Kuvtenbildung tritt bei angestrengtem Singen ein- oder beiderseitig auf. Die beste׳ Heilung dafür ist Ruhe. Kommt es aber wiederholt zu solchen, Wenn auch nur vorübergehenden Anschwellungen, dann bleibt ein oder der andere Knoten zurück, welcher resistent und nicht leicht rückbildbar ist, und ein bleibendes Hinderniß für den- Gesang bildet.? . Eine zweite Erscheinung, die aber an ganz gradlinigen Stimmbändern zur Beobachtung gelangt, ist die, daß die Stimmbänder in ihrer Masse abgenommcn haben, so daß selbst die breiteste Ausspannung der Stimmbänder nicht hinreicht, den Larynxeingang zu decken. Auch dieser scheinbare Schwund ist das Resultat ermüdender, erschöpfender Gesangsübungen. Die Heilung solcher Zustände ist wieder einfach durch Ruhe zu erlangen. Sind derartige Schrumpfungen, häufig wiederkehrend und machen die Individuen, um diese geschrumpften Partien dennoch, zum phonischcn Schwingen zu bringen, größere Anstrengungen, so kann cs passieren, daß das Geschmälertsein der Stimmbänder ein bleibendes wird, und dann ist die Heilung rheils schwierig, theils unmöglich. Es kann nicht die Aufgabe dieses Aufsatzes sein, alle Erkrankurrgeu der Stimmbänder hier eingehend zu erörtern. Es genüge diese Anregung, damit Sänger zur rechten Zeit auf Abhilfe bedacht seien. Es ist ferner von Wichtigkeit, nicht nur die Stimmbänder in ihrer Stellung und ihrem Aussehen, sondern auch die übrigen Theile des Larynx zu beachten, weit man damit gewisse Fehler im Moment zu erkennen vermag. Um den Kehlkopf in seiner Totalität leicht zu übersehen, ist es nothwendig, daß der Sänger unter dem Kehlkopfspiegel den Ton ״e“ finge. Es ist die Constguration dann eine derartige, daß man das ganze Larynxinnere auf einmal übersieht. Das Einftellen des Kehlkopfes beim Anlauten des ffe(e ist Jene, die wir beim offenen Singen gebrauchen. Läßt man den zu Untersuchenden das tiefer klingende ״a“ anschlagen, so wird die Stellung des gedeckten Singens sichtbar. Beim sogenannten offenen Singen erhebt sich der ganze Kehldeckel und es zieht sich der Kehlkopf in tolo durch die seitlich verlaufenden, spannenden Muskeln des weichen Gaumens und der seitlichen Rachenmuskulatur hinauf. Beim sogenannten gedeckten^Gesang senkt sich das Gaumensegel, die seitlichen Nachen- Muskeln erschlaffen, der Znngengrund thürmt sich auf und überwölbt theilweise den sich stark senkenden Kehldeckel, so daß maw im besten Falle nur die Gießbeckenknorpel und die Hinterem Abschnitte der Stimmbänder sieht. (Fortsetzung folgt.) Der Milche Gottesdienst. XIX. Es kann nicht geleugnet werden, daß in den letzten Dcccn-- nien sehr rege an der Ausschmückung des synagogalen Gesanges gearbeitet wurde. An der Spitze steht aber auch hier der Nestor der Cantoren, ü)rofeffpE J5a 1 omjni Sulz erJ der Großes und? Erhabenes auf diesem Gebiete geleistet hat. Es darf offen ansgesprochen werden, daß der Weg, den er betreten, der einzig richtige und dem Ziele entgegenführende ist. Sein Unternehmen war ein edles, erhabenes Werk, ein Werk, auf welchem der Segen- Gottes ruhte. Ebenso muß aber auch Sulz er als Begründer der geregelten Cultusmnsik, ja als Begründer der Cultusordnung. .in dem Wiener Tempel bezeichnet werden. ,Mein Werk*, schreibt Sulzer in seiner ,Denkschrift an die Wiener israeltische Cultusgemeinde*, fand Gunst in den Augen der intettigentesten Indengemeinden, Anerkennnng und Nachahmung in den weitesten Kreisen. Die Wiener Cnltusordnung ward zum Musterbilde und Regulator erhoben, die Melodien unserer Synagoge fanden selbst, jenseits des Oceans freundliche Aufnahme und Verbreitung. . . So haben meine Werke .Scbir-Zion* und ,Dudoim* sich rasch verbreitet und in dem reichen Absätze, den sie erreichten, darf wohl ein Zeichen aufmnnterndcr Anerkennung erblickt werden. Ziehe ich nun die Summe und will ich zum 50jährigen Jubiläum Besitz von dem ergreifen, was die Wiener Cultusgemeinde durch mich bewirkt hat, so muß ich für unsere Synagoge folgende, vielleicht nicht ganz unerhebliche Verdienste in Anspruch nehmen. Zunächst und zuerst die Entwilderung und Veredlung der gemeinschaftlichen Andacht, die den Chasan wieder in sein Priesteramt einsetzt, und den Unarten und Dissonanzen, welche die ,Judenschule*, wie der Pöbel sie nannte, in Verruf brachten, ein Ende bereiteten. Auf diese Errungenschaft blicke ich mit voller Genugthuung zurück, die mir di: Vorsehung angedeihen ließ, für die Opferwilligkeit, mit der ich in den Dienst meines Volkes trat und den lockendsten Versuchungen, die meiner natürlichen Sängergäbe die lucrativsten Wirkungskreise verhießen, widerstand, um nichts als Chasan und der Regenerator der Synagogenmusik zu sein. Nur dadurch gelang es auch in den nachstrebenden jüngeren Chasauim das S t a n d e s g e f ü h l zu wecken, sie dem Stehgr ei fl eben zu entreißen und für ernstes Studium ihres Berufes zu gewinnen*. Unter den verschiedenen Wünschen und Rathschlägen, die Sulzer in der genannten Schrift für den künftigen Weiterbau des synagogalen Dienstes niederlegte, nimmt die Einführung der Orgel in die Synagoge den ersten Platz ein Früher wurde der Einführung von Chor und Lied der heftigste Widerstand entgegengesetzt, heute geschieht dies gegen die Orgel. Allein wie die Macht des Fortschrittes den Unfug des Durcheinanderschreiens beseitigte und einen geordneten Gesang ermöglichte, so muß auch der Geist der modernen Zeit den Widerstand gegen die Orgel besiegen! Wenn z. B. Mose heute vom Himmel zur Erde herniederstiege, so würde er von den neuorthodoxen Rabbinern und Predigern nur dann für voll anerkannt werden, wenn er mindestens als .elftes Gebot* etwa folgendes hinstetten würde. Eine Synagoge, die eine Orgel hat, ist keine Synagoge mehr, darf auch wenn die Orgel nicht spielt, gar nicht betreten werden»