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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-06-04 · Heft 19 (4.6.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 19 (4.6.1883)
Date
1883-06-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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— 5־ — Probe gewählt. Der Erstberufene findet großen Beifall, aber man sagt ihm: .Sie haben zwar außerordentlich gut gefallen, :wir haben gegen Sie auch nichts auszusetzen, aber wir haben noch 5 zur Berufung bestimmt und diese müssen wir auch noch chören. Wenn die Gemeinde Reisekosten vergütet, warum nicht? -Sie zahlt für das Vergnügen ihr gutes Geld und die Cantoren -haben doch wenigstens keinen materiellen Schaden. Eine solche ׳Gemeinde aber, die keine Reisekosten vergütet und, trotzdem der -Erstberufene ihrem Wunsche vollkommen entspricht, dennoch in rücksichtslosester Weise noch 5 andere Cantoren zu sich bescheiden :läßt, um einfach auch diese zu hören, eine Gemeinde, die es für keine Sünde hält, die armen Cantoren um ihr schwererworbenes oder erborgtes Geld zu bringen, ja eine solche Genneinde kann man mit gutem Gewissen als eine höchst inhumane, .unmoralische bezeichnen. Wie oft ist es nickt sckon der Fall gewesen, daß gerade dort, wo keine Reisekosten vergütet wurden, -alle 6 Probccandidaten unbefriedigt abzogen und 6 andere wiederum an die Reihe kamen, und schließlich hieß es gar: »Wir ׳behielten den Alten*. Wie oft ist nicht sckon eine Stelle beinahe ein Jahr vacant geblieben, und die Gemeinde ergötzte sich wähwend dieser Zeit an Probevorträgen? Daß die Nichtvergütung der Reisekosten aber auch für die ׳Gemeinden unheilbringend ist, will ich hier durch eine Thatsache .beweisen. Ein ziemlich wohlhabender, ungefähr 58jähriger Mann erzählte mir, als ick ihn fragte, warum er von seiner Frau getrennt lebe, seine Lebensgeschichte. .Mit 20 Jahren heiratete ach meine erste Frau .Neckele* selig, die einzige Tochter des .reichen S. Lubowzer aus B. Trotzdem dieselbe viele Mängel und Eigenheiten hatte, lebte ich mit ihr doch 1272 Jahre in Frieden und Eintracht. Sie starb, ick grämte mich sehr, heiratete -aber nach 10 Monaten wiederum. Die Zweite war viel schöner .und gebildeter als die Erste, aber bald vermißte ich bei ihr alle -guten Eigenschaften einer pflichtschuldigen Ehefrau, und nur mit Mühe und mit großen Kosten konnte ich die Scheidung erwirken. Ich heiratete nun zum dritten Male. Die wahre Liebe zur Frau -empfand ich nicht mehr. Meine Frau mochte sich vielleicht deswegen zurückgesetzt gefühlt haben, weshalb sie mir arg zusetzte. Was thun? Wiederum scheiden? Hm, das kostet viel Geld! ,Weißt Du was', sagte zu mir ein Freund, mache es ihr so, ׳:daß sie schließlich froh ist, wenn Du ihr .גט* gibst, vielleicht zahlt sie Dir noch heraus. Nichtig, nach kaum zwei Monaten wurde ich zum Rabbiner gerufen. Meine Frau war schon dort und es wurde mir eröffnet, daß sie von mir geschieden sein will. Mit der Miene eines Beleidigten weigerte ich mich anfangs, gab ihr aber schließlich mit Freuden den verlangten ,גט*, ohne daß es mich etwas kostete. Ich wollte anfangs gar nicht mehr Heiraten, aber die Notwendigkeit zwang mich schließlich doch dazu. Weit unter meinem Stande heiratete ich nun zum vierten Male. Nach Verlauf von 14 Monaten war ich wieder auf derselben Weise, wie von der Dritten geschieden. Das Zutrauen zu den Weibern war von mir gänzlich geschwunden, und doch mußte ich eine Frau haben; denn wer sollte mir die Wirtschaft führen, während ich im Geschäft zu thun hatte? Ich suchte vergebens nach einer Frau. Ich war verschrieen und keine Frauensperson wollte mehr an mir anbeißen. Nach ungefähr 3'/2 Jahren fand ich endlich eine dicke, breitschultrige Dienstmagd, einen süßen Engel. Ich heiratete also zum fünften Male, natürlich nicht aus Liebe, aber weil ich eben mußte. Das Bewußtsein, durch ein leichtes, billiges Mittel von einer Frau bald wieder Erlösung finden zu können, stumpfte in mir den kleinsten Rest von Gefühl und Empfindlichkeit für eine Frau derart ab, daß ich diese — :ich muß es selbst sagen — gleich von Anfang nicht wie eine Frau, sondern wie eine wirkliche Dienstmagd behandelte. Sie will aber keinen .גט', sondern lebt jetzt schon beinahe 8 Jahre getrennt von mir. Meine Lebensgeschichte ist gewiß traurig, nicht wahr? Aber wissen Sie, wer die größte Schuld daran hat? Mein Freund, der mir gerathen hat, auf billige Weise eine Frau los zu werden'. Meine geehrten Collegen! Ich habe diese Geschichte getreu nacherzählt und sagen Sie selbst, ist es nicht mit den Gemeinden, die keine Reisekosten vergüten, fast ebenso? Dis Gemeinde weiß, daß die Anstellung eines neuen Cantocs sie nicht nur nichts kostet, sondern ibr eine Zeit lang die schönste Unterhaltung bietet, daher empfindet sie keine wahre menschliche Anhänglichkeit zu ihrem Cantor. und die kleinsten Fehler werden elephantengroß angesehen. Es wird keine Nachsicht geübt, nur sofort gekündigt. Ist aber die Gemeinde einmal an das ständige Wechseln gewöhnt, dann ist es keinem Beamten mehr möglich sich Achtung zu verschaffen. Gemeinde und Cantor haben nie von einander den rechten Genuß. Schließlich werden solche Gemeinden verschrieen und gemieden, und bekommen höchstens einen durchreisenden Handwerker, der ans Anregung der Gemeinde erst Schechitos lernt und die Stelle annimmt. Einen ordentlichen Cantor kann eine solche Gemeinde nie mehr bekommen. Damit glaube ich also, evident nachgewiesen zu haben, daß es ebenso im Interesse der Cantoren wie der Gemeinden liege, jene abscheuliche Klausel aus der Welt zu schaffen, die da lautet: .Nur dem Acceptirten werden Neisespesen vergütet. H. Perlmutter, I. Cantor der israel. Gemeinde Jchenhausen (Bayern). Eingesendet. Der so instructive Aussatz des Herrn Schwarz in der jüngsten Nummer Ihres schätzbaren Blattes, ist besonders in dem Schlußpaffus so verlockend, darauf zu reagiren, daß ich nicht umhin kann, einer kurzen Entgegnung einige Zeilen zu widmen. Verfaffer des Artikels scheint mehr vom praktischen Standpunkte ausgegangen, und zumeist den musikalisch-gesanglichen Theil der cantoralen Wirkungssphäre in's Auge gefaßt zu haben, und darum vermißt man mit Recht ein wichtiges Moment, das er zu wenig betont, oder beinahe gar nicht berührt hat, ich meine die R e l i g i o n. Oder sollte er das religiöse Verhalten, des öffentlich als jüdischen Beamten auftretenden Functionärs für selbstverständlich vorausgesetzt haben und dasselbe identisch halten mit einem sittlichen Lebenswandel, worunter auch zu verstehen wäre, eine nach jeder Richtung hin rorrecte Haltung, die nirgends und in keiner Beziehung Anlaß und Anstoß zu Aergerniß gibt. Jedenfalls hätte darauf direct und deutlich hingewiesen werden sollen. Das wird doch wohl jeder einräumen, daß moralische Lebensweise immerhin einen integrirenden Beftandtheil unter den bezüglichen Berufspstichten bilde, aber keineswegs Alles erschöpf und ausschließlich genüge, denn sonst könnte ja auch ein sittlich unbescholtener Anders- und Ungläubiger eben so gut mit vollem Fug und Recht als Cantor fungiren, wenn er nur den anderweitig geforderten intellectuellen Bedingungen entspricht. Mir ist thatsachlich ein Fall bekannt, wo in Wien zu den hohen Feiertagen in einem der vielen improvisirten größeren Betlocate nichtisraelitische Choristen mit Tallis und Ornat beim Gesänge mitwirkten, was doch in gewisser Hinsicht nicht gebilligt werden kann, da es einerseits eine Täuschung involvirr, andererseits als theatralische Beimischung verworfen werden muß. Ueberhaupt sollte Keiner diesen hohen und heiligen Beruf des *TDtt שליח erwählen, der nicht vom Hause aus religiös gesinnt und erzogen, aus innerstem Drange und

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