Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 19 (4.6.1883)
- Date
- 1883-06-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 Eine mehrjährige Schulung, wie sie zur Ausbildung der Stimme unbedingt nothwendig-ist, kommt gerade bei Denjenigen, bei denen man zeitlich große Stimmmittel entdeckte, immer seltener vor. Kaum sitzt ein schöner Ton in einer Kehle fest, findet sich auch schon der Impresario, der dieses bischen Metall der Stimme in Gold umzuletzen sich beeilt, unbekümmert darum, ob durch dieses zu frühzeitige Heraustreten die erwünschte Vollendung erreicht werde oder nicht. Gesangsmethoden. Es käme jetzt die Frage an die Reihe, welche Methoden dienen zur Ausbildung der Stimme besser, die moderne deutsche oder die alte italienische. Principiell läßt sich diese Frage nicht entscheiden. Die alte italienische Methode hat so viel Bestechendes für sich, daß sie von guten Musikern und guten Musiklehrern noch heute eklektisch benützt wird. In der deutschen modernen Methode zu singen, liegt gewiß eine große Berechtigung, wie Alles, was lebt und exiftirt, eine Berechtigung hat; allein die vollkommene Vernachlässigung der früheren Methode der alten italienischen rächt sich dadurch, daß wir jetzt immer mehr und mehr ungelenkige Gesangsarten und immer seltener die weichen, lyrischen Gesangsweisen oder den unser Ohr erquickenden Coloratur-Sänger zu hören bekommen. Die frühere italienische Methode pradisponirt zu reich colorirten Gesäugen; das ist aber durchaus kein Hinderüiß, daß derartige Stimmen es auch zu mächtiger Klangfülle bringen, und die Anschaumig ist ganz falsch, die da meint, je größer, je dramatischer die Stimme angelegt ist, desto weniger eigne sie sich zu colorirtem Gesang. Echte Sänger, mit feinem musikalischem Gefühl und, genügender sogenannter italienischer Vorbildung, sind im Stande eolorirte, sowie auch mächtig getragene Gesänge zu produeiren. Die Behelfe dazu nach allen Richtungen hin auzugeben, kann nicht Aufgabe dieses Aufsatzes ׳sein. (Fortsetzung folgt.) Der.jüdische Gottesdienst. XVIII. Die verschiedenen Künste, .die Baukunst, die Bildhauerkunst, die Malerei, die Dichtkunst, die Musik, insbesondere aber der Gesang, . sie sind alle von der Religion gehegt und gepflegt worden, sie sind alle auf dem Boden der Religion gewachsen. Die alten Egypter bauten jene colossalen Spitzsäulen, führten jene riesengroßen Palmenhaine von Stein in der Gestalt von Tempeln auf zur Ehre ihrer Gottheit. Dasselbe ihaten die Griechen mit ihren lichten Zeus- und Apollotempeln. Und derselbe religiöse Drang war es, der einen Phidias antrieb, seine Gotteswerke aus Stein zu meißeln. Und die Gluth religiöser Begeisterung beseelte einen Angelo und Raphael, als sie jene unübertroffenen Bilder schufen! An die Stelle des Heidenthums ist der geläuterte Gottesglaube, an die Stelle der Göttertempel und Götterbilder ist später die Ton- und Dichtkunst getreten, und in diesen beiden Künsten hat Israel Großes geleistet. Durch Gesang hat David die. bösen Geister Sauls verscheucht und aus dem Wohlklang der Saiten der Harfe und Zither schöpften Dichter und^Propheten Israels ihre höchste Begeisterung. Und sind es nicht Israels heilige Urkunden und unsterbliche Lieder, die Propheten und Psalmen, die heute noch für Millionen, die nicht dem Glauben. Israels angehören, einen unerschöpflichen Quell von Kraft, Trost, Erhebung und Glückseligkeit bilden? Ja, die Psalmen sind zum Gesangsbuch der gesammten gesitteten Menschheit geworden und aus diesen ist die Musik, die erhabenste und himmlischeste aller Künste, hervorgegangen. Es ist erhärtete, geschichtliche Thatsache, daß die Orgel auf heiligem Boden Palästinas den Ursprung hat. Einige behaupten, daß die Orgel schon im Tempel Salomonis, aber thatsächlich ist es, daß sie im zweiten Tempel gespielt wurde; denn das in demselben übliche ,MagrephaV wird der Orgel sehr ähnlich beschrieben. Wäre es da nicht um so höhere Pflicht von uns, unseraltes Erbe mit wahrem Danke gegen die, welche es un r erd essen vervollkommnet, als unser rechtmäßiges Eigeuthum wieder zurückzu ford ern? Die gebildeten Nabbinen des Mittelalters hegten eine besondere Vorli be für die edle Tonkunst. Immanuel beu Salomo preist im 13. Jahrhundert dieselbe als eine herrliche und wunderbare Kunst, die in der biblischen Zeit in Israel einheimisch mar, jetzt, aber ausschließlicy in den Händen der Christen ist. In Mantua schrieb Jehuda Moskato im 16. Jahrhundert eine Abhandlung zur Verherrlichung der Musik. Ein Zeitgenosse desselben, der gelehrte Arzt Abraham da Porta Leone, ebenfalls in Mantua, rühmt Moskato's Abhandlung, bespricht aber die Musik und deren Principien viel eingehender und liefert eine ausführliche Dissertation über die Musik und die musikalischen Instrumente des Ierusalemischeu Tempels. Ein anderer Zeitgenösse dieser Musikfreunde, der schon früher erwähnte freisinnige und philosophisch gebildete Rabbiner Leon de Modena, ertheilte sogar in Venedig Unterricht in der Musik! Aber selbst in Deutschland, wo sich die jüdischen Schriftgelehrten nicht mit der Theorie der Musik beschäftigten, gab es doch selbst einzelne Talmudiften, die mehrere musikalische Instrumente zu handhaben verstanden, und Rabbi I a i r Chasim B a ch e r a ch, im 17. Jahrhundert, wurde befragt, ob ein solcher Talmudift sich nichts vergebe, wenn er Hochzeitsgäste mit feinem Spiele erheitert. Die Wirkung des Gesanges ist im Jndenthume zur Lebensfrage der Religion, der Zukunft geworden. Der Sohn der Neuzeit findet im gesprochenen Worte keine genügende Befriedigung, nur auf den Wellen des Gesanges läßt sich der Geist zu Dem emportragen, dessen Lob kerne sterbliche Zunge zu lallen vermag. Nur der Gesang, nur die Musik hat Klänge, die jeden Zweifel und jeden Unglauben ausschlicßen, die allverbrüdernd, allumschließend wirken, die ganz allein geeignet sind, Weltsprache zu werden. Sie haben für jeden Schmerz Trost, für jedes Leid süße Linderung, für jeden Kampf Begeisterungsglnth, für jede Freude Feierklang und Weihe. Der Vater, der mit einem neugeborenen Kinde beglückt wird, der Bräutigam, der unter der ,Chuppah" der Braut den Ehering überreicht, das Kind, das den Vater oder die Mutter zur Gruft begleitet, Jeder, den die religiöse Stimmung in's Gotteshaus führt, Alle, Alle müssen von dem Gesänge, von der Musik gerührt, gehoben werden. Israel, das sangreiche, muß das neue Lied wahrer Freiheit anstimmen, es muß dem Gesang, der Musik ein größerer Raum, eine höhere Stellung angewiesen werden im Cultus. Er muß mit dem belehrenden und tröstenden Worte einen Rang einnehmen, mit der Predigt gemeinschaftlich den Mittelpunkt bilden, der Andacht. Soll aber dieses Ziel erreicht werden, soll dem Gesänge eine ihm gebührende Stellung im Organismus des Gottesdienftes gewährt werden, so muß aber auch der Träger desselben, der ״Schliach-Zibbur", der Sanier, gerechten Ansprüchen zu genügen bestrebt fein. Die Anforderungen, welche Herr I. Schwarz in Kanitz in seinem Artikel: ,Aphorismen" an die Cantoren stellt, acceptiren wir vollständig. Wie man heutzutage von dem jüdischen Prediger einen regelrechten Studiengang mit Recht fordert, so muß auch der Cantor, wenn zu seines Amtes Bürde auch des Amtes Würde sich gesellen soll, einen von Fachmännern vorzuschreibenden Studiengang absolvirt haben. Unsere Zeit be