Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 19 (4.6.1883)
- Date
- 1883-06-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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erwarten sind. Wir müßten uns daher nur in Negationen bewegen, wollten wir das bisher in der Sache Veröffentlichte einer kritischen Sonde unterziehen,׳ Positives ließe sich! nur wenig herausbringcy. Zu diesem letzteren müssen wir jedenfalls dasjenige zählen, was unser geehrter College und Mitarbeiter Notier seinerzeit in Vorschlag gebracht hat. ,Keine Concurrenz um j edrn Preis* müßte unser Schlagwort sein, soll Ab- Hilfe geschafft werden. Die Gemeinden wären dann genöthigt, mildere Saiten aufzuziehen, und den Cantoren gegenüber etwas menschlicher vorzugehen. Freilich wäre hiezu eine Solidarität nöthig, wie sie leider bis jetzt nur ein frommer Wunsch ift.] Wir wurden vielleicht an der Möglichkeit einer solchen Solidarität verzweifeln, wäre nicht gerade heute, wo wir diese Zeilen schreiben, ein Jahr um seit jenem für Uns denkwürdigen Lage, an dem der Cantorentaz in Wien versammelt war, um einen für das Wohl und Wehe unseres Standes wichtigen Schritt -einzuleiten. In diesem Jahre ist Vieles"geschehen,°j Vieles geschaffen worden, .was uns die Hoffnung auf größere Erfolge gibt, was uns den Muth einflößt, eine Besserung in 'unseren Verhältnissen mit Sicherheit zu erwarten. Und so sind wir auch der festen Ueberzeugung, daß sich unter unseren Collegen immer mehr Lie Einsicht Bahn brechen werde, wie unumgänglich nöthig solidarisches Zusammengehen, einmüthiges, zielbewußtes Streben fei, und wenn dieses erreicht werden wird, dann haben wir für unsere Bestrebungen den reichlichsten Lohn zu erwarten, dann geht unser Verein und mit ihm der ganze Cant orenstand * der vollsten Blüthc entgegen. Sprechen und Singen von Wrofesfor Ar. Karl Stoerck In unserer raschlebigen Zeit wird jedoch der hier vorge- <hriebene ideale Unterrichtsgang nur zu selten eingehalten. Der geringste Vergleich mit einer anderen Kunstform, z. B. mit dem Klavierspiel, wird uns lehren, daß die des Gesanges Beflissenen bis jetzt in den meisten Fällen auf falscher Unterrichtsfährte sind. -Es wird einem Klavierspieler nie beifallen, nach einer einjährigen Uebung seiner Fingermuskulatur eine Beethoven'sche Sonate öffentlich spielen zu wollen, und es würde Jeder lachen, wenn der Versuch gemacht würde; aber es wird nicht leicht eine Sängerin anstehen, die die Uebung ihrer Kehlkopfmuskulatur nicht länger als ein Jahr vorgenommen, das Vollendete im Gefange — ein Lied, eine Arie vortragen zu wollen. Und wenn ihr dies nicht gelingt, so trägt nach ihrer Meinung niemand Anderer die Schuld, als ihr Gesangslehrer. Nun tritt die Sängerin in eine zweite Phase. Sie verläßt den nach ihrer Meinung ungeuügenden Gesangslehrer und sucht einen zweiten auf, der natürlich nichts Eiligeres zu thun hat, als ihr das bisher Gelernte entweder umzumodeln, oder als unbrauchbar und unverwendbar zu Verwerfen. Nicht selten nimmt ein dritter Lehrer einen Ton wahr, der für eine ganz andere Stimmlage, die Sängerin als geeignet erscheinen läßt. Die Sängerin, schnell bereit, aus dem beschränkten Kreise ihrer Altpartie in die Sopran-Region zu steigen, läßt sich diese Stimmerweiterung gern gefallen und mit -eisernem Fleiße wird die Stimme von Tag zu^Tag um einige halbe Töne höhergeschraubt. Theils die neue Anstrengung des Höhersingens, theils die Vernachlässigung der früheren Stimm» Lage bedingen es, daß nach einiger Zeit die so glücklich metamor- ^hosirte Sängerin in gar keinem Register mehr richtig singt. Sie geräth in's Schwanken und es fehlt' ihr dann dasjenige, was man einen richtigen Ansatz nennt, das heißt die Fähigkeit: den Kehlkopfmuskeln die für jeden Ton entsprechende Spannung mit Sicherheit zu geben. Die Orchestral- und Kammermusik, wies wir sie hier in Wien cultiviren, entspricht den höchsten Anforderungen der Kunst und selbst die privaten Leistungen, die Dilettanten-Productionen lassen Scbwung, ja einen wahren Kunstsinn und Fortschritt nicht mehr verkennen. Wer sich erinnert, in welcher Weise noch vor dreißig Jahren in Wien, in Privathäusern das Klavierspiel culsiivirt wurde, welche Geschmacklosigkeit in der Wahl der Tonstücke damals vorherrschte, und wer die Musikprodnctionen in Privathäusern^heute mitgenießt, dermuß den erstaunlichen Fortschritt im Geschmack an elastischen Vorwürfen anerkennen. Dieser Geschmack hat sich bestimmt an den Leistungen der Gesellschaft der Musikfreunde und denen der Philharmoniker allmälig herangebildet. So wie sich aber der Geschmack an Instrumentalmusik gebessert hat, hat sich , auch unsere Hörfähigkeit gebessert. Unser Gehör ist von den einfachen einschmeichelnden Melodien Dittersdorf's bis zu Beethoven und den höchst merkwürdigen׳ .instrümentalen Concerten Berlioz' und den tiefen Werken Wagner's um ein Erkleckliches in seinem Auffassungsvermögen entwickelt worden. Wenn^wir also zur Vervollkommnung unserer instrumentaten Musik gelangt sind, so müssen wir trachten, auch jene Mittel ausfindig zu machen, welche, die vocale Musik zu vervollkommnen zu verbessern, oder richtiger gesagt, in ihrem Verfalle aufzuhalten, im Stande wären. C. S. Camillo hat es in seinem Buche ,Kriterien der modernen Gesangskanst* unternommen, berühmte" Sänger und Sängerinnen aus dem Jahre 1830, neben solche aus den folgenden drei Jahrzehnten zu stellen und wir müssen in der' That als Ergebniß dieser Comparation constatiren, daß die Zahl der Berühmtheiten in einer wahrhaft erstaunlichen Weise abgenommen hat. Er füllt mit den Namen dieser Berühmtheiten nahezu fünf Seiten seiner Abhandlung aus. Ich glaube, wollten wir heute die Namen unserer Gesangsberühmtheiten nebeneinander schreiben, wir kämen auf einem kleinen Bruchtheil eines einzigen Blattes aus. Es ist daher eine lohnende Aufgabe, zu eruiren, woher dieser Rückschritt der Gesangskunst datirt. Bei dem nachweisbar, gebesserten Geschmack der heutigen Musikwelt, bei der leichteren Erlangung der Mittel zur Ausbildung, wäre dies unaufgeklärt, könnten wir es nicht mit bestimmten Facten erklären. Hat denn die Gesangslust nachgelassen, singen die Menschen jetzt weniger? Nein, im Gegentheil, es wird mehr gesungen, es wird nahezu zu viel gesungen. Daß wir es aber zu weniger Berühmtheiten gebracht haben, das liegt in verschiedenen Ursachen: vorerst in dem großen Bedarf an Sängern und Sängerinnen. Wenn cs früher ein Dutzend größerer Operntheatcr gegeben hat, die eine Anzahl gut geschulter Sänger benöthigten, so gibt es jetzt deren vielmehr, so daß^der Bedarf ein bedeutend gesteigerter ist. Mit dem größeren Bedarf an Sängern muß unbedingt auch deren Ausbildung rascher erfolgen und daher kommt es, daß sich viel mehr Stimmen abnützen als früher. Die mit Zuhilfenahme von Dampf und Elektrizität und der modernen Communicationsmittel im Großen betriebenen Concerttournes gehen auf Kosten der physischen Kräfte, somit auch der Stimmmittel. Derartige Parforce-Jagden in der Musik consumiren eine , riesige Menge von Stimmen. Ein weiterer Grund'für den Verfall des Gesanges liegt in der Art der Ausbildung. In unserer rasch- und leichtlebigen Zeit, in der das Bedürfnis so hoch gestiegen ist, werden auch die Vorbereitungen für Kunstleistungen nicht mehr breit genüg angelegt.