Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 18 (27.5.1883)
- Date
- 1883-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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es dem scharfen Pfluge zugänglich, für bessere Saaten empfänglich sei. Aber es war von Unkraut überwuchert, von wildem Geftrüppe und wüstem Gerolle unwegsam gemacht, die Natur seines Erdreichs war mißkannt und von ungeschickten Händen unrichtig behandelt worden. . . . . Ein Schlendrian hatte sich eingclebt, der mit dem Vorurlheile und einer falschen Pietät für ein vermeintliches Herkommen einen Bund schloß, um jeder Verbesserung hindernd in den Weg zu treten, das Mißtrauen dagegen'wachzurufen, und jede Regung des Kunstsinnes als Neneruugsfrevel zu verdächtigen? — Nun, Gottlob, die Zeiten haben sich in dieser Beziehung gar sehr zum Guten geändert. Denn die. herrlichen Tondichtungen der modernen jüdischen Eantoren erklingen nicht blos in jenen Synagogen, wo eine Nachahmung christlicher Cultusformen das jüdische Gefühl ninlmer verletzt, sondern sie wußten sich selbst in die orthodoxe Synagoge den Weg zu bahnen! Der gläubige und andachtsuchende Jude mag heute seinen Fuß setzen, wohin er wolle, fast überall wird er die Spuren des läuternden ,ScHir-Zio.n' finden, in allen Gemeinden, wo die wahre Religion des Herzens, des Gemüthes und Geistes, wo das Bestreben zur Erweckung eines lebendigen Interesses und eines thatkräftigeu Glaubens in Israel in den Vordergrund tritt, wird sein Ohr einem weihevollen, regelrechten Gesang begegnen, einem Gesang, der den andachtsuchenden Beter zu dem Ausrufe entzückt: ,Ich freue mich, wenn sie zu mir sprechen: nach dem Gotteshaufe lasset uns gehen!״ In einer seiner bekanntesten Schriften sagt Liszt über Sulzerr ,Um ihn zu hören, gingen wir zur Synagoge, deren musikalischer Leiter und Vorsänger er war. Selten haben wir eine so überwältigende Erschütterung aller Saiten der Gottesverehrung und des menschlichen Mitgefühls erlebt, als an diesem Abend, wo beim Schein der den Plafond gleicy Sternen übersäenden Kerzen ein seltsamer ,Chor anhub ’ von dumpfen gutturalen Stimmen, als wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefen sie sich rangen, um dem Gotte der Bundeslade zu lobsingen. Beim Aussprechen dieser hebräischen Worte glaubte man, dunkle Blumen sich von ihren Stengeln erheben und ihre klingenden Kelchblätter in die Lüfte verstreuen zu sehen'. Or. 6t. (Fortsetzung folgt.) Aphorismen. ,Nimmer zu Hohem gelangt, wer nach dem Höchsten nicht strebt', ist ein wegen Inhalt und Sinnesfülle höchst merkwürdiges Sprüchlein. Das Hohe wie das Höchste ist es bekanntlich, um das alles menschliche Hoffen, Sehnen und Streben fast automatisch sich bewegt; allein, so grundverschieden die Menschheit ist in ihrem Thun und Lassen, ebenso divergirend ist der Begriff dieser Höhenstufen. Alles, was lebt und leibt auf Erden, strebt ein höheres Endziel an, gleichviel ob dieses Ziel ein realistisches oder ideales ist, und Jeder thut dies nach seiner ureigenen Weise. Ein Grundprincip steht jedoch unanfechtbar da, in diesem Punkte ist alle Welt einig: Mögen wir uns in welcher Sphäre immer bewegen, der Arbeit und des Fleißes können und dürfen wir uns niemals entschlagen; arbeiten und schaffen müssen wir Alle, sei es um irdische Güter, Ehren oder Würden, sei es auch nur um eine halbwegs anständige Subsistenz zu erstreben. ,Der Mensch allein ist seines Glückes Schmied', seine irdische Laufbahn ist mit ehernen Zügen markirt; sie zu erfassen und in die rechte Bahn zu lenken, ist unsere Lebensaufgabe. Wer da wähnt, er sei dieser oder jener Aufgabe nicht gewachsen, dieses oder jenes Studium sei so überwältigend, als sei es dem Bereiche seines Könnens himmelhoch entrückt, der bleibt ein Stümper sein Leben lang, der wird von seiner minimalen Stufe niemals sich höher schwingen. Und in der That müssen wir einen Hellen Kopf, eine ausdauernde und rastlose Energie mitbringen, aU’ unsere Willenskraft einsetzen, wenn's gilt, Brod und Entgelt zu erarbeiten, den Kampf um's Dasein mit einiger Aussicht auf Erfolg aufznnehmen; wir ,versäuern' hingegen, so wir jung und thatkräftig uns dem lieben Nichtsthun einer fruchtlosen Stagnation in die Arme werfen, wir unterbinden unsere Zukunft, ja wir untergraben sie "vielmehr eigenhändig, so wir ihr eine anscheinend glänzende Gegenwart vorziehen. Aus dieser aphoristischen und nicht lückenfreien Einleitung, geht es nichtsdestoweniger klar hervor, daß derjenige, welcher seine berufliche Fähigmachung nach Brod mißt — und wer thäle daS nicht in unserem, vom crassesten Materialismus zerfressenen Zeitalter? — nach möglichster Vollständigkeit streben müsse. Dies zu Capital schlagend, wollen wir uns die relevanten Kenntnisse eines israel. Cantors näher bei Licht besehen. Wir thun dies mit Rücksicht auf die überwiegende Zahl unserer provinzlichen Collegen so trivial als möglich, und ziehen nachstehendes Facit: 1. Muß der Cantor ein mit seinem heiligen Berufe streng übereinstimmendes Sittenleben führen. 2. Ist es vonnöthen. daß er vom Hebräischen und seiner Grammatik so viel sich zu eigen mache, als zum Verständnisse des biblischen und gebetlichen Urtexteszur Kenntniß der richtigen Jnterpunction und Silbenbetonung nothwendig ist. Selbstverstündlich muß auch das pijutanische Kauderwelsch und vorzüglich da, wo es noch an Wochen-, Feier- und Samstagen usuell ist. mit in den Kauf genommen werden. . 3. Muß jedes fick ,Cantor' nennende Individuum über Stimmmittel verfügen, je mehr diese an Schulung, Klang, Umfang und Intensität auszuweisen haben, desto günstiger das Prognostikon, welches für ihn und seine Carriere gestellt werden kann. — 4. Ist es unumgänglich nothw endig, daß er ein gewandter Treffer sei, wenn nicht frischweg (prima vista), so doch zumindest leicht und fließend vom Blatte singe; a) mit den 24 Tonscalen, mit allen Tactarten und Jntervallen-Verhältnissen innigft vertraut sei; i>) ein fein musikalisches Gehör und eine reine Intonation besitze; 6) ein joclea nagen und ein guter Kenner des traditionellen Obasonis sei, wozu wir die Bekanntschaft mit synagogalen, kirchlichen und weltlichen Gesängen, wie sie die gegenwärtige Musikliteralur in allen möglichen Qualitäten zu Tage fördert, hinzu addiren; ä) derselbe soll auch einfach und stimmungsvoll im Vortrage sein, möglichst wenig der coloristischen Bravouren sich bedienen, alle fastidiösen Verzückungen, wie sie das polnisch-frygischs Recitativ mit sich bedingt, bei Seite lassen; 6) dem localen und volksthümlichen Geschmacke vorwiegend, aber den ihm zu Gebote stehenden Gesangskräften nach Tbunlichkeit Rechnung tragen, wenn er nicht leeres Stroh dreschen und statt Zufriedenheit ein unverholenes Murren einheimsen will. 5. Ist die Handhabung eines Instrumentes und Vorzugsweise die eines Klavieres oder Harmoniums wärmftens zu empfehlen. Dadurch allein ist es möglich, einen gründlichen Einblick in's innerste Wesen der Musik zu gewinnen, das lästige Eindrillen von Chorälen, gleichviel ob zwei-, drei- oder vierstimmig, zu erleichtern, Stimme und Respirationsorgane zu verschonen. Ob aber allen Collegen die Anschaffung und halbwegs befriedigende Erlernung eines Tasteninstrumentes gleich zugänglich sei, ist eine Cardinalfrage, deren .Beantwortung wir dahinstellen. Dessenungeachtet hat jeder Cantor, der die im §. 4 declarirten Fähigkeiten sich voll angeeignet, das Recht, das Prädicat ,musika»