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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-05-27 · Heft 18 (27.5.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 18 (27.5.1883)
Date
1883-05-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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richtigen Schwebung genommen. Fühlt er, daß er zu tief oder zu hochMngesetzt, so kann er 'dies beim Massengesang durch Nachlassen ׳ oder Spannen seiner - Stimmbänder rectificiren, ohne die Klangfülle '!und die Harmonie wesentlich zu störül. ׳ In! Sologesang wäre einesolche Correctur absolut unerHGt,"-denn, der Betreffende -würde einfach falsch! oder unrein siügen. v Mithin kann man im Chorgesang akustisch rein nicht frngenWrnen; daher ist es unmöglich für das einzelne Individuum, im Chorgesange seine Empfindungen, Gedanken, Gefühls- Äußerungen in ästhetisch vollendeter Form zu produciren. Beginn des Gesangs-Unterrichtes. Eine der wichtigsten und oft ventilirten Fragen ist jene, ob man den Singünterricht zeitlich beginnen soll, oder ob . dies erst nach der Cntwicklungsperiode zu geschehen habe. Die Empirie weist nach, daß vielen großen Sängern und Sängerinnen, mit ganz volubiler Stimme die leichte Art zn singen, die leichte Beweglichkeit ihrer Stimme, schon in frühester Kindheit gegeben war. Wenn auch hieraus für alle anderen Sänger einen Schluß zu ziehen nichl gestattet ist, so.,steht es doch außer Zweifel, daß wir in den zarteren Organen die später gewünschte Beweglichkeit leichter ausbilden können, als in den vollkommen und völlig entwickelten Organen. — Da Singen nichts anderes als eine Muskelbewegung ist, und zwar der verschiedensten Muskelgruppen des Kehlkopfes, des Schlundes, Nachens rc., so kann diese Muskelthätigkeit nicht zeitlich genug geübt werden. Bei Mädchen muß diejenige Zeit zum Beginne des Singens gewählt werden, wo man mit Bestimmtheit schon andere geistige Fähigkeiten entwickelt weiß, wo das Gedächtniß, das. feinere, das musikalische Gehör bereits vorgeschritten ist. Eine genaue Grenze anzugeben, ist geradezu, unmöglich, denn es gibt Kinder von d-.bis 5 Zähren, die mit Leichtigkeit eine Melodie nachzusingen und zu behalten im Stande sind, während anderen, sonst begabten, viel älteren Kindern jedes musikalische Gehör zu fehlen scheint. Bei Mädchen ist das Alter von 7 bis 8 Jahren in der Regel dasjenige, wo man voraussetzen darf, daß sie den für den musikalischen Rhythmus nothwendigen Sinn schon erlangt haben. Die Mädchenstimme entwickelt sich von dieser Zeit an, mit jener der Knaben aus demselben Alter, gleichmäßig, und beide halten gleichen Schritt bis vor der Pubertät, dem Zeitpunkte der Reife. Da ändert sich bestimmt die Stimme des Knaben, nicht aber immer die des Mädchens, welche zwar immer klangvoller, kräftiger wird, aber in den meisten Fällen ihren Charakter — ihre Lage beibehält. Es ist daher oft gar nicht nöthig, bei Mädchen den Gesangsunterricht zu unterbrechen, während dies bei Knaben unbedingt nothwendig ist. Letztere werden zur Mutationszeit in ihrer Stimme wankend, bis sich der Kehlkopf so organisirt, wie er dann für die Mannesperiode bleibt. Diese Veränderung nimmt ein Jahr, oft auch zwei Jahre in Anspruch. Der höhere Gesangsunterricht beginne mithin mit der bleibenden Stimmform, also uach der Entwicklungszeit. Sowohl der Jüngling, als auch das Mädchen nehmen aber aus der frühereu Unterrichtsperiode die leichte Beweglichkeit der Stimme, respective die leichtere Bewegtichkcit ihrer Muskeln mit hinüber. Die Wahl des richtigen Gesangslehrers ist dem Privaten!sehr schwer gemacht, weil cs bisher gesetzlich ausreichende Normen der Ausbildung nicht gab. Eigentlich gibt es für keine Kunstform Gesetze, — aber Hergebrachtes und Langerprobtes gilt schließlich doch dem Denkenden als Gesetz. Und so sollte man denn auch beim Gesangsunterrichte darauf Bedacht nehmen, daß der Schüler nicht nach seiner Willkür, nicht nach seinem Geschmacke oder dem Geschmacke seiner Umgebung, Tonstücke versuche; es muß ihm direct vorgeschrieben werden, welche seit Jahren bewährte Uebungen er für seine Stimme durchmachen muß. Und nur in dieser׳Weise wird es -möglich sein, -im Verlaufe von 2.bis 3 Jahren die Stimme so weit-geübt zu hübennck an die höheren Aufgaben der Gesangskunst gehen zu können. (Fortsetzung folgt.) . Der Mische Gottesdienst. XVII. ■ ' In einem anderen Buche ,Beth Jehuda* fügt Leon zu Veraobot 29 b. erklärend hinzu, daß die Andacht beim Gebete die Hauptsache, daß nur ein kurzes Gebet zu verrichten sei und nicht so viel Geschwätz und kindische Dichtungen hinzuzufügen. Bezüglich der Verschiedenheit der Babylonier und Palästinenser sagt er: .Daraus ist zu ersehen, daß alle mit Lebensmitteln, Berufsbeschäftigungen, Gewohnheiten der Menschen in Verbindung stehenden rabbinischen Anordnungen von Zeit und Ort abhängen. Dies finden wir mehrfach in der Gemara V Diese Worte könnten von großem Erfolge sein, wenn sie wenigstens heute, 250 Jahre nach Leon di Modena, von unseren .-frommen" Nabbinen beherzigt und der Talmud auch dann von ihnen respectirt werden, wenn er etwas sagt, was nicht in den Kram der neuorthodoxen Romantik paßt. Schon 1605 begleitete Leon die von Salomon Rossi herausgegebenen vierstimmigen Synagogengesänge mit einem Gutachten und polemisirt gegen die Scheinfrömmigkeit, die einem geordneten, regelrechten Gesänge den Eintritt in die Synagoge wehren wollte. Es gibt wohl, noch heute Gemeinden, die Chorgesang undmusikalische Bildung bei Cantoren als etwas Uujüdisches hinstellen, und in den echten Chasanim alten Schlages das Heil des Judenthums erblicken. Und doch war - es der gewiß sehr orthodoxe R. E f r a i m L e n t s ch ü tz (16. Jahrhundert), der sich üb er solche Chasanim, die diesen ehrwürdigen Namen nicht verdienen, lustig machte. Er sagte: ,Viele Chasanim fingen zu viel und dehnen jedes Wort aus, auch gestehen sie es selbst ein, daß sie bei ihrem Singsänge gar keine Andacht haben und den Meisten komml's nur darauf an, dem Publikum zu gefallen, damit die Leute sagen: '»Seht, welch' eine kräftige Stimme u. s. (Ir Gibborim 50.) Wie der Staub an den Wänden, - galt auch der Unfug des Durcheinanderschrciens und des Singsanges als unantaftbar, und wer Beseitigung wollte, fand Widerstand, als ob er das Judenthum zerstören wollte. Der Mangel eines ästhetischen Sinnes ließ die größere Mehrheit die Nothwendigkeit, sich einschränken zu müssen, gar nicht einsehen und sie betrachtete Chor und Lied als Nachäffung, obgleich beide lange vor Entstehung des Christenthums vorhanden waren, und in die christliche Kirche aus dem Judenthum übergegangen waren. Jeder in alten Lebi'Iot Ausgewachsene wird zugeben, daß cs nicht zu den Seltenheiten gehörte, von einem orthodoxen Chasan im weißen Kittel die schönsten Gebete nach der Melodie obscöner Operetten fingen zu hören! Wie wahr ist es, was Sulz er, dieser Negenerator des jüdischen Gottesdienstes, dieser Schöpfer einer neuen und höchst würdigen Lithurgie, in der Vorrede zum »8ebir-2ion' über die Verwilderung des früheren Gesanges sagte: ,Die Welt der Töne schwieg niemals gänzlich und die edleren Weisen, die aus einer besseren Vergangenheit herüberklangen, erhielten sich noch lange im Munde und im Herzen. Allein, wie mißhandelt wurden sie, welche Gesellschaft mußten sie sich oft gefallen lassen, wie grob hatten Unbildung und Geschmacklosigkeit sich daran vergangen! Wäre das Feld, das ich zu bearbeiten begann, - nur brach und öde gewesen, ich hätte mich gerne damit getröstet, daß

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