Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 17 (19.5.1883)
- Date
- 1883-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— -L — Denunzianten, welche in ihrer hochmüthigcn ״Frömmigkeit" ihre Gegner bei der römischen Negierung verdächtigten ,und verleumdeten und dennoch sollte es abgeschafft oder wenigstens umgeändert werden. Zn dem Joel'schen Gebetbuche heißt es: ״Mamai- «ckimis", ״das verleumderische Wort mache wirkungslos, jeden Frevel kraftlos, jeden Uebermuth beuge. Gelobt seist Du, .0 Gott, der den Frevel tilgt und den Uebermuth beugt". Diese Fassung ist jedenfalls eine verhöhnlichere und entspricht mehr den Intentioncn unserer aufgeklärten, humanen Zeit. Wir kehren nach dieser Abschweifung zu unserem Gegenstände zurück. Trotz den Widerwärtigkeiten und der Mißgeschicke, die unsere Väter getroffen, waren sie doch bemüht, auch poetische Gebetstücke zu verfassen, Poesie in die kellerähnliche Synagoge einzuführen! Freilich ist der Inhalt gar oft barock, die Sprache ungefügig, die Form geschnörkelt, geschraubt und geziert. Denn wer veimag die kindische Auffassung zu leugnen; wenn am Pesiach Gort nach seinen schönen Gliedmaßen, als Myrrhen- Lündel, rasches Neh und dergleichen gepriesen wird? Oder wenn in den Kedusekak’s die heiligen Thiere im Himmel nach Füßen, Flügeln, die Engellegionen nach Rang und Stand beschrieben werdrn? Und dann die mit religiöser Pendanterie vor^ getragene Belehrungen über halachische Gegenstände, die eher für eine Studie als für ein Gebet passen! Jedoch wie hatte es anders sein können? Das Gebet war der Mittelpunkt, um welchen das politische wie das religiöse, das denkende wie das Poetische.Israel sich bewegte. Was Wunder, daß mit der Zeit diesem alle geistigen Schätze zufielen und in den Gottesdienst Nalionalgcschichle, Leiden, Vergangenheit, Zukunft, überschwengliche Lobeserhebungen der Gottheit, kindische Legenden, seltsame Geschichten, halachischr Streitigkeiten, die eigene ungezügelte Phantasie, sowie all' die dichterischen Stoffe, die in Schrift und Hagadah aufgehäuft lagen, ausgenommen wurden. So ist aus den einfachen Elementen des ältesten -Rituals: dem Lokema, der Tefllla und der Kedusckak die reiche gottesdienstliche Ordnung hervorgegangen, die, wie bei keinem Volke sonst, in sich allein eine Schatzkammer von -Religion und Geschichte, von Philosophie und Poesie ausmacht. Die fortwährende Vermehrung der Piutim war ein Protest gegen den festen Abschluß der Liturgie, war ein lebendiger Fortschritt, weil sie doch der fr ei e n, zeitgemäßen Entwickelung das -Recht der Acußerung einräumte. Es ist natürlich, daß die Zerstreuung Israels in entlegene Länder der Bildung abweichender Rituale großen Vorfchub leistete, ebenso, daß die Bildungsstufe und die Sitten der Völker, unter denen die Juden wohnten, von entscheidendem Einsiusse auf die Gestaltung der Gebete waren. Die unter Persern und Arabern,' unter Syrern und Griechen, unter Galliern und Gothen rc.,. die in heißen oder gemäßigten Erdstrichen Lebenden mußten die Wirkung auf Gcbetsiuhalt und Ritus verspüren. Unzählige Vorstellungen und Gebräuche haben ihren Ursprung, ibre Fortbildung in dem Zusammenhänge des Lebens mit andere Völkern. Das Klima und die Sille, die Cultuc und die Sprache spiegeln sich auch in dem Gottesdienste ab. Somit wäre auch der Haupteinwand, den in der Regel die Orthodoxen gegen Gebetreformen erheben, nämlich, daß alle Reformen des jüdischen Gottesdienstes etwas Neues seien, beseitigr. Denn wenn man die Vertreter der Stabilität hört, so müßte mau glauben, daß unser Synagogencultus so alt wie die Welt, mindestens aber wie Mose und die Propheten sei und daß derselbe zu allen Zeiten und an allen Orten eine gleiche Gestalt gehabt, hätte. Dem ist aber nicht so, wie ich zur Genüge nachgewiesen habe, immer war das Streben rege, dem Abschließen und V e r f e st i g c n der Liturgie entgegenzuarbeiten. Wohl wurde in verschiedenen Gemeinden ein bestimmtes Pflichtgebet ein für allemal aufgestellt, aber gegen dieses Vorgehen erhoben sich gar bald mehrere denkende und innerlich religiöse Nabbinen, freilich häufig ohne Erfolg. Besonders zwei große Geister aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts zeichneten sich durch ihren Kampf gegen die Starrheit und Stabilität ihrer Zeit aus. Diese Denker beißen: Juda Ars eh di Modena, Rabbiner zu Venedig 1571—1648 und Josef Salomon del Megido 1591—1655, welcher 29 Jahre berühmte Werke schrieb. Ersterer schreibt: ,Bekanntlich sind in allen Confessionen die Stark gläu big sten die Ver sta n desl os c n, das gemeine Volk, die Frauen, denen Alles gleich ist. Wesentliches und Unwesentliches; sie legen sich noch Erschwerungen auf, welche die Weisen gar nicht kennen. Sie fürchten sich vor dem Höllenfeuer und sehnen sich nach den Genüssen des Paradieses. Sie sind allerdings gläubig, verachten die Veruunft, verwerfen das Nachdenken als thöricht, fasten reichlich, während der Forscher sich mühsam durch so viele Zweifel hindurchzuringen hat. Zu dieser,Glaubenshöhe", die die Thoren und die Weiber einnehmen — haben sich die Kabbalisten emporgeschwungen". Seinen Auslassungen über die Kabbalah fügt Leon hinzu: ״Wir baden genug Ueberbürdungen und brauchen uns nicht noch andere a u fz u b ürden!" (A. N.) Man bedenke, der Mann lebte im 16. Jahrhundert! Dr. G. (Fortsetzung folgt.) Musikbeilagen. Selten zu schreiben, ist mir Grundsatz; doch dieser Part der Ueberschrift zwingt mich, endlich doch auch ein Lebenszeichen von mir zu geben. Alle Achtung der Nedaction! Sichtlicher Eifer und heiliger Wille sind ihre Triebfedern. Und doch sind die bis nun erschienenen Beilagen für zwei Drittel der Cantoren und gerade für diejenigen, welche der Musikbeilagen benöthigen, da ihnen keine anderen Werke zur Verfügung stehen, unbrauchbar. Vierstimmige Chöre, Soli und Chor mit Orgelbegleitung. — betrachten wir vom pädagogischen Standpunkte aus diese Erscheinungen, -so müssen wir lachen. Die Herren Eomponisten haben immer nur die Oberclaffen der Mittelschulen, die Lehrerbildungsanstalten im ׳Auge: für diese schaffen sie, wollen sie nur schaffen, was kümmern sie die.vielen ein-, zwei-, drei- und vierclasfigen Volksschulen? — Fürsten-Componisten will ich sie alle nennen — denn nur um mit ihrem theoretischen Wissen zu glänzen, schaffen sie, den edlen Zweck haben sie nicht im Auge.*) Pestalozzi's sollt ihr sein! Fibeln schaffet! Lesebüchelchen für die ein-, zweiu. s. w. classigen Volksschulen! Hinaus geht, ihr Herren Eomponisten, hinaus in die Landgemeinden und hört was, zu thun ist. welches Feld euch fruchtbringend offen liegt. Jenen Gemeinden, in denen mit Mühe ein zweistimmiger Chor hervorzurusen ist und die Herren doch einen Chor verlangen,׳ sollt ihr gerecht werden. So, wie wir für die verschiedenen Elassen ein- bis dreistimmige Lieder haben, sollen Gesänge componirt werden für die Landgemeinden. Das würde vergriffen werden, das würde Anklang finden, das wäre gearbeitet für den Zweck, auch mit ein- und zweistimmigem Chor einen schönen Gottesdienst herzustellen. Diese Melodien *) Wir können es uns zwar nicht verhehlen. daß der^ Wunsch des geehrten Herren Collegen Holzer ein berechtigter ist, doch nrnsszn wir uns im Namen Derjenigen, welche bisher Musikveilagen geliefert haben, dagegen v erwahren, daß Sie sich nur von dem angeführten Motive bei Composition derselben leiten ließen. Die Nedaction.