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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-05-19 · Heft 17 (19.5.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 17 (19.5.1883)
Date
1883-05-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 schleckt vorzutragen in der Lage sind, es bleibt aber immerhin die Möglichkeit, seiner.Gemüthsstimmuug durch ein derartiges Liedchen Ausdruck zu geben. Uebelstäude des gegenwärtigen Schul-Gesaugsunterrichtes. — Das Ideal des Schnlgesanges wäre, wenn man es dahin brächte, daß. jedes dieser Kinder diese Schnllieder richtig vorzutragen erlernte. Im Großen und Ganzen ist selbst dies sür das einzelne Kind, für seinen Keblkopf und seine bessere Ausbildung selten von Vortheil. Der Schullehrer am Lande bietet in dieser Hinsicht schon etwas mehr Vortheile als der Lebrer in einer großen Stadt, da er zumeist die Sor,.e sür seine Kirchenmusik anck selbst trägt und daber bemüht ist, die besten Stimmen herauszufinden, um sich dieselben sür seine musikalischen Zwecke zu drillen. Daher kommt es. daß wir oft ganz vorzüglich zusammengestcllte Stimmgruppen in Kirchen am Laude zu hören bekommen. Das Zusammensingen solcher Kinder trägt seine Früchte auch oft für die Uebrigen. Es wird jedem aufmerksamen Touristen ausgefallen fein, wie schön oft Abends Banerndirnen und Burschen in den entlegensten Dorfgemeinden Duette und Quartette singen, wie zwei nebeneinander gehende Bursche tadellos in Zweigcsängen erste und zweite Stimm.e singen, ja wie cs gar nicht vorkommt, daß solche scheinbare Naturalisten in einander singen. Wer dem Gesangsunterrichte in den modernen Gesangsschulen öfter beigewohnt bat, wird die Beobachtung gemacht haben, wie häufig selbst weil vorgeschrittene Gesangsschüler es nicht zu Stande bringen Prime und Secoude zu fingen, sondern schon nach wenigen Tacten, insbesondere wenn sie auswendig fingen, in Prime zusammenfließen. Dazu noch Eins. Während der Dorfschullehrer außer seinen obligatorischen Singstunden den befähigteren Kindern zumeist auch noch Separatstundcn gibt im eigensten Interesse, um diese Vollkommenheit zu erreichen, können wir dasselbe nicht in ein oder zwei Gesangsstunden per Woche von einem städtischen Gesangslehrer bei 60—80 Schulkindern erwarten. Dazu fehlt diesem bei den besten Intentionen die Zeit. (Fortsetzung folgt.) Die 4. WMImlnge der ,Mrr.-ung. Cnktllrkn-Zcitlllig" Ni cho moclio für Sch’wuoth und Adon 010m in G-dur (von Professor S. Sülze r). Ein unter dem Namen (,Sulzers veröffentlichtes Synagogengesangswerk bürgt von vornherein für eine treffckche Nedigirung der Composition und ist für jeden jüdischen Cantor eine sehr willkommene Gabe. Es wäre demnach thöricht, diese beiden Compositionen kritisch beleuchten zu wollen. Die Bestrebungen Snlzer's find bekannt und über ihre außergewöhnliche Bedentuug hat die ganze Welt entschieden. Wir find der sicheren Ueberzengnng, daß dieser von S n l z e r gebotene Ni 01,0 moclio schon am nächsten Soh’wuoth in unzähligen Gotteshäusern Israels ertönen und von der Versammlung als charakteristisch, der Stimmung des Tages Ausdruck verleihend, angehört werden wird. Für heute wollen wir uns daher lediglich mit der zweiten Nummer der Mufikbeilage, dem Adon 010m beschäftigen, weil derselbe sowohl dem Fachmanne als auch dem Historiker eine unerschöpfliche Fundgrube der Betrachtungen und Anschauungen bietet. Der Adon 010m ist nach dem Anssprnche des Meisters, in den allerersten Jahren seiner cantoralen Wirksamkeit entstanden, demnach eine Jugendarbeit. Ist es nicht sonderbar, daß S-, der in seinem Pulte Schätze von Mannscripten der pompöfesten und modern gefärbten Compositionen birgt, jetzt, am Abende seines ruhmvollen Lebens, gerade diese einfache, einer längst entschwundene Zeit angehörige, den Stempel eines leider gleichfalls geschwundenen Geschmackes tragende Arbeit, als Geschenk für seine Collegen wählt? Nein, nein! Das interessante, immer noch schöne Haupt Sulzers prangt im Strahlenglanze der zartesten Silberkrone, die imposante, wahrhaft männliche Körperhaltung beginnt bereits einer etwas gemäßigteren Form Raum zu verleihen, dis Töne verklingen — die Lebenssonne senkt sich allmälig tiefer — nur der Blick, dieser allbekannte Falkenblick Sulzers, hat seine durchdringende Kraft nicht eingebüßt und, obgleich die eigentliche Sehtraft etwas geschwunden, liebt er es dennoch, sein Augenmerk nach fernen weitab liegenden Vorkommnissen und Thatsachen zu richten; er eizählt so fesselnd, wie dies oder jenes entstanden — welches Erbe er da und dort angetreten, was er arbeiten, dulden, wie schrecklich (?) er sich plagen mußte n. s. w., und indem er die. vergangenen Zeiten vergegenwärtigt, erheitern sich seine Züge, röthet sich die alternde Wange — sein selten schönes Silberhaar flattert im Abendwinde — doch er scheint am Hellen, strahlenden Lenzesmorgen seine jugendliche Braut zu küßen. Das ist das Motiv, weßhalb Sulzer uns jetzt diesen längst entstandenen Adon olom zum Geschenke überreicht. Unsere modernen Synagogenkriliker werden wieder, mit der Loupe und Sonde bewaffnet, nachzuweisen bestrebt sein, daß da und dort ein zufällig erhöhtes Dis nach der strengen Schulregel sich eigentlich nach E und nicht D auflöscn dürfe, daß der Inhalt nicht musikalisch verwandt zum Ausdruck gebracht erscheint; daß der Melodienfluß überhaupt kein zeitgemäßer sei — auch eventuelle sprachliche Todsünden vorkämcn — das kann alles sehr schön und wahr sein, wenn wir die Composition unserer heutigen Anschauung gemäß beurtheileu. Allein ein Zurückgreifeu auf die entschwundene goldene Zeit der Glanbeustreudigkeit, ein sachgemäßes Versenken in den Geist jener Tage wird uns den Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses bieten, wie schön, wie stimmungsvoll, wie andachterregend und herzerquickend die Composition war und ist. Wir dürfen keineswegs nun die altersschwache Gestalt, den etwas welken Körper in unmoderne Kleider gehüllt, die Wangen verblaßt und verwelkt rc., für ein Gebilde der Jetzizeit hinnehmen und hiernach unser Urtheil abgeben, wenn uns Meister Sulzer heute den Gegenstand seiner einstigen Anbetung vorführt; der Körper war einstens jugendlich, elastisch, das Haar blendend schön, die Kleider modern und farbenprächtig, das Gesicht rosig angehaucht und das Auge poetisch durchglüht. Ist es ein Wunder, wenn Papa Sulzer, angesichts eines solchen Phantasiegebildes in Entzückung geräth, seine jugendliche Braut in die Arme schließt und ihre Purpurlippen glühend, und heiß küßt? — Das ist die Geschichte dieses Adon olom. Der jüdische Gottesdierck. XVI. Ans demselben Grunde find wir aber verpflichtet, die Gebete, welche in jener traurigen Zeit entstanden find, in unseren Tagen auszulachen oder abzuändern, und zwar aus moralischen Motiven. Denn es muß geradezu als unmoralisch bezeichnet werden, heutzutage noch Rachegebete zu verrichten, es ist eine Unwahrheit, wenn man am Rosch-Haschanah und Jom- Kipur mehrere Male betet: .Herr, unser Vater und König, räche vor unseren Augen das vergossene Blut deiner Diener*; unmoralisch ist auch das Gebet .N?4a1nal8ckinin1*. Wohl wurde das Gebet gegen unmoralische Menschen verfaßt, gegen die

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