Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 17 (19.5.1883)
- Date
- 1883-05-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 Sprechen und Singen. Von Profefsor Dr. Carl Stoerck. II. Der Gesangsunterricht im -Nahmen des neuen Schulwesens. — Die änerkennenswerthen Intentionen unserer Scbulbehörden, den Kennknißkreis unserer Jugend zu vertiefen und zu erweitern, zeigen sich in den Erfolgen, unserer heutigen Schnlerziehnng nahezu erreicht; sa vielfach glaubt man die Schüler sogar an der Grenze der Leistungsfähigkeit angekommen. Die große Wissens׳ summe, die das Maß eines heute mit einer richtigen Allgemeinbildung ausgestatteten Menschen ausmacht, ist eine stofflich so intensive und zugleich so weit gehende, daß deren Erlangung nahezu die ganze Aufopferung und jugendliche Frische erfordern würde, wenn nicht in demselben Maße die Hilfsmittel zur Errcichung und Erleichterung dieser Studien so mannigfach, so sinnreich wären. Wenn wir daher unserer Befriedigung über die modernen Ergebnisse des Unterrichts rückhaltslosen Ausdruck geben, so gilt dies nicht in gleichem Maße von der Einwirkung dieser Methode auf die Ausbildung des Gcmüths unserer Kinder. Die Verstandesausbildung und die Gemüthsbildung halten bei weitem nicht immer gleichen Schritt, und wir müssen auch befürchten, daß durch die. Häufung realer Kenntnisse, die sie auf den Lebensweg mitbekommen, um gerüstet zu sein für den Kampf um's Dasein, der ideale Schwung der Generation immer mehr und mehr verloren geht. Diese Anschauung macht es vom ethischen Standpunkte der Erziehung absolut nothwendig, daß wir nach allen jenen Mitteln greifen müssen, die direct auf das Gemüth wirkend, die Einseitigkeit jener Richtung zu paralysiren geeignet sind. — Der Gesangsunterricht als künstlerische Corrective des realistischen Unterrichtes. — Bei dem Bestreben, nicht nur realistische, sondern auch humanistische Bildung,zdem zukünftigen Bürger zu verleihen, darf die Schule nicht stehen bleiben; sie muß trachten, das Gefühlsleben wach zu erhalten, so lange die Individuen jung und noch eindrucksfähig sind. Die Schule hat es längst erkannt, daß es kein besseres Mittel als die Musik gebe, um das Gefühlsleben des Kindes in ursprünglicher Frische zu erhalten; und unter allen Erscheinungsformen der edlen Kunst ist keine für jenen Zweck geeigneter als der Gesang, denn kein musikalisch cs Instrument ist der menschlichen Stimme nur annähernd zu vergleichen, und durch keines können wir in gleicher Weise die innersten Regungen unseres Fühlcns und Denkens zu solch' innigem Ausdruck bringen. Wenn uns die Sage von dem Mühsal und den An׳- strengungeu erzählt, denen ein Demosthenes den Zauber seiner Rede zu danken harte, so will die Tradition damit nur sagen, daß zur Hervorbringuug einer f.ießend schönen Rede jahrelange Vorübung und jene technischen Behelfe nö:hig sind, die uns die Nethorik lehrt. In weit höherem Maße bedarf cs mühsamen Studiums und langer Uebung, um in einer Kette von Lauten, die nicht wie die allgemein verständlichen Worte festgeformte Gedankeubilder ausdrücken, Tonbilder wiederzugeben, die unsere geheimsten Seelenstimmungen und die wärmsten Empfindungen unseres Gemüthes spiegeln sollen. Dieses Vermögen, Singen genannt, muß als eine der edelsten Künste gehegt und gepflegt werden. Daß es gelingt, Töne der tiefsten Empfindung ohne jedwede Uebung und Kunst zu producireu, dieses zeigt uns das an den Berghalden wiedertönende Aufjauchzen eines, in lachender Landschaft in glücklicher Stimmung hinziehenden Landmannes. Beim Anhören eines solchen kräftigen Naturtones drängt sich jedem gebildeten Menschen der Wunsch auf: könnte dieser Mann mit seiner weithallenden, wcittönenden Stimme regelrecht singen, was müßte das für ein erquickendes Lauschen für das Ohr sein, was könnte diese Natur, in Kunstform gebracht, für ein Entzücken, bei uns erzeugen. Dieses Anhörcn von kräftigen Naturtönen bringt uns die moderne Erziehungsweise der.Stimme bei Kindern in Erinnerung. Schon N o u s s e a u sagt in seinem Emile: ,Unsere Kinder sprechen kaum richtig, denn mit guter Stimme sprechen, kann nur der Bauers Und bas ist gewiß wah׳׳. Baneinkinder, die gewohnt sind, sich im freien Felde mit ihren Gespielen zu verständigen, haben selbst im normalen Sprechen viel mehr Klang, als der in der engen Kinder- und Schulstnbe erzogene Städter. Der Erzähler im Salon muß sich wohl hüten, nicht zu laut zu sprechen, um nicht für unfein zu gelten; doch im Gesäuge, d. h. wo systematisch geordnete, wohlgeschulte, bestrickende Klänge der Kehle uns entzücken, da!verlangen wir, so lange und so oft wie möglich diesen schönen Ton zu hören. Vom Standpunkte des Hyzieniker's, Physiologen und Pädagogen und vom Standpunkte des Musikers drängt sich die Frage auf: soll der Mensch singen lernen, wann soll er dies lernen? Wir wollen diese Fragen der Reihe nach in Erwägung ziehen. Non Seite des Hygieniker's spricht Alles zu Gunsten des Singens. Singen ist für alle Nespirationsorgane eine höchst wichtige, höchst heilsame, gymnastische Uebung, und je früher ein jugendliches Individuum tief und ausgiebig athmen lernt, um desto sicherer, kann man auf eine günstige Entwicklung seines Thorax rechnen; und welch' große Vortheile eine gesunde, kräftig entwickelte Lunge auf den Gesammtorganismns ausübt, braucht nicht weiter erörtert zu werden. Die physiologischen Functionen des Kehlkopfes, die im Sprechen, Schreien, Singen und Athmen bestehen, können durch eine zeitliche systematische Uebung zu einer erstaunlichen Fertigkeit gelangen, einer Fertigkeit, die Kindern in einer ganz leichten Weise beizubringen ist, und die Erwachsenst sich später nur mit großer Mühe aneignen. Hieran reiht sich die pädagogische Erwägung: soll überhaupt in der Schule gesungen werden? Das Schulgesetz fordert, daß sowohl die Volksschulen als auch Mittelschulen, ja auch die Privatschulen zum Gesangsunterricht obligatorisch zu verhalten seien. Es schwebte dieser gesetzlichen Verfügung offenbar zum nicht geringen Theil der Zweck vor, die Kinder für den Kirchengesang zu verwenden. Es läßt sich gegen diesen Erlaß der Schulbchörden gewiß nichts einwenden, und es soll anch fortan in den Volksschulen gesungen werden. Es bildet das den Geschmack des Kindes, es bringt ihm das Gefühl der Rhythmik, und übt ihm das Gehör und das Gedächtniß; und welchen überaus veredelnden Einfluß es auf das Gemüth übt, das haben wir schon oben berührt. Allein cs ist nicht in Abrede zu stellen, daß gerade dieses Singen im Schulunterricht für spätere Zeiten auf die eigentliche musikalische Ausbildung im Gesang von schädlichster Wirkung ist. Bei der großen Zahl der Kinder, die ihre erste Bildung in der Volksschule gewinnen, ist aber der Vortheil, den sie. aus diesem Schulgesange ziehen, so groß, daß man die Nachtheile, die für einzelne Individuen daraus erwachsen, kaum bcrücksich- Ligen kann; es muß aber immerhin betont werden, daß man bei jungen Individuen, bei denen mau besonders günstige Anlagen für den Gesang wahrnimmt, sehr bald mit׳ dem Schulgesang aufhören muß. Im Schulgesange läßt sich erreichen, daß das Lied, das sie Alle unisono singen, und oft wirklich gedankenlos herabsingen, jedem Kinde cingeprägt bleibt, und haben somit die Kinder eine Anzahl Lieder gewonnen, die sie wohl ziemlich