Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 16 (11.3.1883)
- Date
- 1883-03-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— .4= — Ai! der ,Synagoge am neuen Markt' ist Herr Qsias A b raß, der unter dem Volke den Namen ,Picci" führt, angestcllt. Derselbe war zuerst in :der Gemeinde Taruopol in Galizien, dann (im Jahre 1842) in Lemberg engagirr. Von dort wurde er an die große Stadt-Synagoge in Odessa berufen, da der damalige Cantor S rul Zallel, ein wohlthätiger, frommer Mann, abtrat, um nach Jerusalem zu reisen. Abraß wirkte nun lange Jahre mit Pflichttreue, schuf sich in Folge seiner Beliebtheit ein großes Vermögen und baute ein Haus im Werthe von über 100.000 Rubel (ein unter den Cantoren gewiß seltener, vielleicht einziger Fall), bis er vor 4 Jahren, da Herr I. Bachmanil au seinen Posten berufen ward, pensionirt wurde. Aus Liebe zum Gesänge nahm er aber den Posten als Cantor an der Synagoge am neuen Markt an, wo er unentgeltlich wirkt und noch jetzt mit seiner kraftvollen schonen Baritonstimme große Erfolge erzielt. Er hat auch vor 10 Jahren bei P. Gothard in Wien ein großes Werk für Synagvgengesang herausgegeben, das aber, trotzdem es schöne Sachen enthält, wenig Verbreitung gefunden. Unstreitig das schönste und größte,Gotteshaus ist aber die große Stadtsynagoge, auch , Hauptsynagoge genannt, ein Niesengebäude, das sowohl durch -feine Pracht als Größe überrascht und eines der wunderbarsten Heiligrhülncr Israels ist. Jetzt fuugirt dort seit 4 Jahren der Obercantor Herr Jacob Bachmann, auf den nicht nur feine Gemeinde, sondern auch feine College», ja das ganze Judenthum stolz sein kann. Man kann sich keinen Begriff davon machen, welch' ein Ansehen Herr Bachmann hier genießt und welchen Enthusiasmus er jedesmal hervorrnft. Seine Stimme ist ein kraftvoll blühender, hoher Tenor, dem sowohl der kräftige Schwung als auch das Lyrisch-Zarte eigen sind und die in allen Lagen ausgeglichen und in allen Räumen dieses ungeheuren Gebäudes hörbar ist. Deßhalb ist es auch erklärlich, daß jedesmal, wenn Herr Bachmann vorbetet, und sei's auch nur Freitag Abends, über 6000 Personen, worunter eine Menge Christen aus den höheren Ständen (mehrmals war schon der Generalgouverneur da), Musikkritiker, das schöne Geschlecht versammelt sind, um dem . Vortrage dieses eminenten Gesangskünstlers zu lauschen. Es ist, wirklich merkwürdig, daß Herr Bachmann den ihm beinahe täglich gestellten, höchst verlockenden Anträgen, zur Bühne zu treten, widerstehen konnte und noch widerstehen kann. Einmal nur ist cs feinem Bruder Leon Bachmann, dem größten Architekten Rußlands (derselbe, der das Monument Puschkin's erbaut Hai) gelungen, ihn zur Ausbildung am Conservatorium zu bewegen. Nachdem aber Herr Bachmann das Conservatorium in Petersburg absolvirt hatte, trat er wieder in den Cantorstand. In der Folge stellte Anton Rubin ste ijn, der ihn noch vom Conservatorium her kannte und ihn schätzte, ihm mehrmals den Antrag, ihn auf seinen Eoncertreisen zu begleiten, indem er ihm eine große Gage bot, er wollte jedoch auf keine Weise den ihn ehrenden Antrag annehmen. Auch als Componist hat sich Herr I. Bachmann hcrvorgcthau. So ward seine 187'9 erschienene, dem österreichischen Kaiserpaare gewidmete Cantate in die Fideicommißbibliothek ausgenommen und er mit einem Dankschreiben aus der Cabinetskanzlei Sr. Majestät des Kaisers beehrt. Gegenwärtig denkt er ein großes Werk Synagogengesänge zu veröffentlichen. Außer diesen drei großen Synagogen gibt es eine Menge kleiner, von denen eine jede einen Cantor besoldet und manche einen Chor hat. Was den letzteren anbetrifft, so genießt er hier eine ausgezeichnete Pflege, da die Choristen gut bezahlt sind — sie beziehen gewöhnlich von 40—80 Rubel (80 bis 160 Mark) — und eine tüchtige nmsikalische Bildung besitzen, wie sie denn meistentheils, namentlich die bei der Hauptsynagoge Angestellten, angesehene Musik- oder Clavierlehrer sind. Sie bringen fast jeden Samstag neue und gediegene Compositionen von Snlzer, Naumburg, Weintraub, Bachmann, Blumenthal 2c. zur Aufführung und tragen viel zur Hebung und Verschönerung des Gottesdienstes bei. I. Fclgher, Odessa. Eingesendet. Die in Nummer 15 von dem, Herrn College» Josefowic neuerdings angeregte Besprechung jenes verhängnißvollen Satzes,> der fast in jedem Concurse vorkommt: ״Nur dem Acceptirten werden die Neisespesen vergütet", wird gewiß jedem Cantor willkommen sein — indem wir nun mit Recht hoffen dürfen, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, wo auch wir wie rechte Gotteskinder behandelt werden sollen — wenn durch Besprechung dieses Themas ein Modus getroffen wird, welcher sowohl für die Gemeinden als für die Cantoren acceptabel erscheint. Bevor ich aber meine Meinung über diesen Gegenstand äußere, will ich Folgeudes zur Besprechung anregen, und glaube auch dadurch einem vielfach gehegten, aber bis jetzt in diesem Blatte noch nicht ans׳- gesprochenem,Wunsche entgegen zu kommen. Es sollte dahin gewirkt werden, daß die ״Cantoren-Zeitung' von den Vorständen und angesehenen Gemeindemitgliedern gelesen werde, damit dieselben von unseren berechtigten Forderungen und Wünschen Kenntniß nehmen können. Haben,, wir nun das bis heute erzielt? Ist die ״Cantoren-Zeitung" in den Casino's, in Cafe- und Gasthäusern rc. zu finden?*). Ich wäre also der Meinung, jeder Cantor solle entweder an den Vorstand oder in ein von der besseren Classe besuchtes Kaffeehaus die ^Cantoren- Zeitung' senden lassen, um diesem Organe die gebührende Popularität zu verschaffen. Also nun ״zur Vergütung der Neisespesen". Ich muß jedoch früher zur besseren Illustration einen Fall erzählen, welcher nicht nur mir passirte, sondern gewiß auch schon vielen anderen Collegen vorkam. Ich wurde im vorigen Jahre zweimal nach Groß- Kikinda berufen, wohin die Spesen von Alt-Ofen aus 20 fl. betragen. Als ich nun den dortigen Herrn Vorsteher fragte, wie es denn mit den Neisespesen aussehe, im Falle ich nicht-acceptirt werde, vertröstete er mich folgendermaßen: ,Wir ersetzen Niemanden die Spesen, Herr Schorr aus Szabadka war vor Ihnen mit 5—6 משודרים zur Probe, hatte große Protection vom Szegediner Ober-Nabbiner Löw und mußte erst allein nach Hause fahren, damit er das nöthige Geld beschaffen könne, um die משוררים abzuholen." Dieser Fall, der gewiß nicht vereinzelt dasteht, bedarf keiner weiteren Besprechung, die Thatfache selbst spricht genug für sich und gibt ein treffliches Bild davon, in welch' traurige Lage der Cantor oft durch eine Berufung versetzt wird. Wie Viele versetzen sogar das Bettgewand, um nur Reisespesen zu haben? Möge also der Cantoren-Verein und mit ihm der Cultusbeamten-Verein irgend welche Maßregeln treffen, um diesem Uebclstande abzuhelsen. Bei kleineren Gemeinden soll es im Concurse heißen: die halben Spesen dem Nichtacceptirten, die ganzen Spesen aber dem Acceptirten; die größer» und reichern Gemeinden hinwiederum sollen eine gewisse Summe stipuliren und hievon die Berufenen bezahlen. Es sei an dieser Stelle lobend erwähnt, daß der löbl. Vorstand von Szigetvar, als im vorigen Jahre in dieser Gemeinde ein Concnrs ausgeschrieben war, Jedem mit größter Bereitwilligkeit die Spesen ersetzle. —- Möge also sowohl in Wien als in Budapest beschlossen werden, alle Cantoren seien solidarisch verpflichtet, nur ans einen solchen Concnrs, wo in erwähntem Sinne diese Klausel eingeschaltet wird, zu offeriren, ansonst dieselben vom Vereine ausgeschlossen würden. ' *) Es wäre uns sehr erwünscht und für das allgemeine Wohl der Cantoren gewiß auch ersprießlich, wenn eS den Bestrebungen unserer geehrten Collegen gelänge, die ״Cantoren.Zeitung' in den Kreisen der einzelnen Gemeinde- Mitglieder zu verbreiten. Bei einigem Willen würde dies gewiß gelingen, denn zum Beweise haben wir hier in Wien eine große Anzahl von -Privaten zn Abonnenten unseres Blattes. Die Red.