Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-11 · Heft 16 (11.3.1883) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 16 (11.3.1883)
Date
1883-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3452915-3452931--0571-3454622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leben einbaucht, das Verknöchern der Empfindung durch Gewöhnheit verhütet. Erst Tora w’aboda, d. h. Gebet und Belebrung vereinigt, stellten sich als würdiger Zweck des Gottesdienstes in den Versammlungshäusern (Synagogen) dar. So bilbeten denn zur Zeit der Propheten an Ruhe- und Neumondstagen Gebet, Ermahnung und Belehrung die Bestandtheile des jüdischest Gottesdienstes. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels und dem Untergange des jüdischen Staatslebens und der Propheten wurden — wie ich bereits in den srühern Artikeln erwähnt■— in den verschiedensten Orten der Zerstreuung Versammlungshäuser errichtet, wo uns die öffentliche Belehrung von Seiten der halb lehrenden und predigenden Vorbetec in Form von Vorlesung aus der Tbora an Sabbath- und Festtagen, auch an dem zweiten und süniren Wochentage, sowie an Fasttagen entgegentreten. Der Gottesdienst am zweiten und fünften Wochentage geschah wegen der Dorsleute, welche an diesen Tagen zur Stadt kamen, um ihre Gcrichtstermine wahrzunchmen und bei dieser Gelegenheit aus der Thora lesen hörten, weil sie am Sabbäth -nicht nach der Stadt kommen konnten. Somit hätte das Vorlesen ans der Thora an genannten Tagen für uns alle und jede Bedeutung eingcbüßt! Da aber Viele das Ebräische nicht verstanden, so waren Dolmetscher angestellt, die jeden Vers s ofort in's Aramäische, der damaligen Volks- und Landessprache, übersetzten. Wie weise und vernünftig. Weil aber bald auch die Kenntnis; des Aramäischen abnahm, so hielten es die religiösen Leiter der Gemeinden für heilige Pflicht, durch Belehrungs- und Ermahnungsvorträge dem Volke den Sinn der verlesenen Wochenabschnitte an Sabbath- und Festtagen zu erklären und die Anwendung für's Leben warm zrr empfehlen, wobei sie sich der Gleichnisse, Sagen, Parabeln 11. s. w. bedienten. Dies, der Ursprung der Predigt, die leider im 17. und 18. Jahrhundert gänzlich in Verfall kam, bis sie im 19. Jahrhundert wieder zn Ehren gebracht wurde. Kehren wir indeß zu unserem Thema zurück. Die neue Gestalt des gemeinschaftlichen Gebetes nahm immer gefälligere, ansprechendere Formen an, so daß. in den zahlreichen Gemeinden, in den verschiedenen Theilen der Erde, eine geordnete und doch u n g l e i ch a r t ig e Lithurgie sich festsetzte. Man glaube nicht, daß die Lithurgie ihre Lebendigkeit und Flüssigkeit eingebüßt, nie! Unsere Alten waren vielmehr darauf bedacht, sie nicht steif und kalt werden zu lassen, weil dadurch —. unsere Zeit liefert hiefür den besten Beweis — eine Masse von Mißbräuchen nicht zu vermeiden ist. Wohl wurde das Ererbte festgehalten, aber man war vernünftig genug, manche nothwendige neue Erscheinung und Anschauungsweise im Leben, welche ihre Vertretung im Gottesdienste heischten, nicht zu unterdrücken, man ließ die verderbliche Ansicht — die leider das Dogma der späteren Zeit wurde — nicht auskommen, als ob die Lithurgie etwas Fertiges und U n a n t a st b a r e s wäre. So stellte es sich bald als unabwcisbares Bedürfnis heraus, die Lithurgie an den verschiedenen Festtagen zu modificiren, sie den ganz veränderten Umständen und Verhältnissen anzupassen und jedem einzelnen Feste seinen bestimmten, ihm allein zukommenden Ausdruck zu geben. So entstanden die Piutim. Diese n e u e n Zuthaten, von den Vorbetern nach eigenem Gutdünken vorgetragen, drangen gar bald in den Gottesdienst in großer Masse ein. In Spanien beschäftigten sich die bedeutendsten Schriftsteller der damaligen Zeit mit der Versassung zweckmäßiger religiöser Gesänge und Gebete in hebräischer Sprache. Die philosophische Gelehrsamkeit, der seine Takt der Dichter war Gewähr genug, um ihren Dichtungen dauernden Erfolg zu sichern. Allein anders war es bei den Italienern, Franzosen und Deutschen, welchen idealer Sinn, gründliche Sprach- J kenntnisse und—Geschmack fehlten. Aber woher hätten auch die im Drucke lebenden, in dem dumpfen Ghetto eingeschlossenen Juden den reinen Kunstsinn nehmen sollen? Die Dissonanz ihres Gemüthes, hervorgerufen durch die schmähliche Behandlung, die ihnen zu Theil wurde, mußte in ihren Geisteäprodneten ihren Ausdruck siuden. Wohl muß es unser Bestreben sein, die in unseren Gebetbüchern noch etwa vorkommenden Nachegebete zu streichen, wie dies ihatsächlich in den meisten Gemeinden Deutschlands und Oesterreichs geschehen ist. Wenn man aber aus der bloßen Existenz derselben auf eine feindliche Gesinnung seitens unserer Voreltern gegen ihre nichtjüdischen Brüder schließen will, so möchte ich auf Folgendes aufmerksam machen. Es mag ja zur höchsten sittlichen Vollkommenheit gehören, daß man Denjenigen segnet, der uns fluchet, findet sich ja in der Bibel eine Stelle: ,,Jekallelu hemu weatah tworech“, »mögen sie nur fluchen, du segne'; es mag ja groß sein, »selbst feinen Rücken den Schlägern hiuzugeben, seine Wange den Raufenden; sein Gesicht nicht zu verbergen vor Schande und Speien" (Fes. 50), wie dies ein Jesajas gethau — aber zn verwundern ist's doch nicht, wenn man nicht so handelt, wenn man sogar, nachdem man gemißhandelt wird, durch Reden rc. seine Mißbilligung darüber zu erkennen gibt.׳ Wenn nun das Judenthum es zuletzt nicht tragend, kraft- und machtlos nach Außen, sich in seine innere Welt zurückzogzur Thräne seine Zuflucht nahm, in seiner wie zu Seufzern geschaffenen dumpfen Synagoge den Aufschrei des Schmerzes nich.t mehr zurückhalten konnte, in seiner grenzenlosen Noth und Verzweiflung wohl gar mit Gott gerechtet, seinem gepreßten Herzen und schwerbeladenen Busen in einem — Nachegebete Luft machte — wer wird da nicht vielmehr mit Schaudern an die traurige Ursache der Entstehung dieser Gebete denken, als Denjenigen einen Vorwurf machen, die sie gewiß mit bitteren Gefühlen zn ihrem Vater da droben aufsteigen ließen und inbrünstig fleheten, daß sie bald überflüssig seien? Or. G. (Fortsetzung folgt.) Synagogale Run-schau. Vor einigen Tagen kam mir zufälligerweise eine Nummer Ihres geschätzten Blattes zu Händen, aus der ich leicht den edlen Zweck, den Sie verfolgen, ersehen konnte, und ich kann nicht umhin, Ihnen manch s über die hier angestellten Cantore zu berichten; ich hoffe, es wird den Lesern Ihres Blattes nicht uninteressant sein. Die Musik wird hier in neuester Zeit sehr gepflegt; namentlich aber ist es Las jüdische Volk, das in Tönen lebt und webv. Es ist daher leicht erklärlich, daß von einem Cantor, der solch ein Publikum befriedigen muß, viel, sehr viel gefordert wird und die Tem״ pel zahlreich besucht werden. Deren gibt es hier drei. Da ist denn vorerst die Brodyer Synagoge, die, wenn auch klein, doch sehr schön gebaut ist und einen sehr freundlichen Eindruck!nacht. Dort fungirt Herr Obercantor B l u m e n t h a l N i s s i n , ein 84jähriger Greis, der in der Gemeinde seit mehr als 40 Jahren angestellt ist und wirkt. Wohl sind seine Stimmmittel in Folge des hohen Alters geschwächt, doch setzt noch jetzt sein gediegener Vortrag und seine überaus richtige Textaussprache in Verwunderung. Er genießt in Rußland ein großes Ansehen, und zwar seiner Compositionen wegen, die, wenngleich nicht gedruckt, sich dennoch als Manuskript in Vieler Hände befinden und in vielen Gemeinden einheimisch geworden sind. Namentlich gelungen sind seine für den jüdischen Gottesdienst vorgenommenen Umarbeitungen der wunderbaren Chöre aus den Werken musikalischer Classiker, in denen er einzig ist und die er nächstes Jahr zu veröffentlichen gedenkt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.