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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-11 · Heft 16 (11.3.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 16 (11.3.1883)
Date
1883-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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klingt, den wir hineinsingen, ebenso erklingt in unserem Resonanz - kästen — in unserer Brust — der angesungene Brustton. Diese Physikalische Erfahrung hat hauptsächlich׳ auf einem Gebiete große Erfolge aufzuweisen — in der Schule der Laubstummen! Diesen Unglücklichen — deren Jmitationstalent nicht Lurch Vermittlung des Gehörorgans angeregt werden kann, wird die Wohlthat der Sprache dadurch beigebracht, daß man sie dem Timbre der Stimme unterscheiden lehrt. Man lehrt sie, die Töne, die ste von sich geben sollen, vorerst in sich zu fühlen. Um seinem taubstummen Zöglinge eine Vorstellung des Vokals 1>״" beizubringen, legt der Lehrer die Hand des Schülers auf seine. Brust, — und in dem Momente, wo er das ״a" antönt, fühlt der Taubstumme die Resonanz des Thorax. Zn derselben Weise erlernt der Taubstumme das Anlauten des ״e", indem der Lehrer dem Schüler seinen Kehlkopf, während des ״e"-Tönen 8 ansühlen läßt. Beim Anlauten des ״i" vibriren deutlich die Kopsknochen, Man braucht nur die Hand auf den Scheitel zu legen und anzulauten, so wird man die Vibration genau wahrnehmen. Unter vielen anderen falschen Vorstellungen, die über das Singen cursiren, bi: ich auch der begegnet, daß nur die im Ausströmen begriffene Luft zum Singen tönend gemacht werde. Es ist wahr, daß zum Anklingen des Tones die starke-Reibung -an den Stimmbändern der unter einer gewissen Spannung stehenden Luft stätthaben muß, nicht aber im selben Maße, als der Ton erklingt, muß die Luft entweichen. Diese Auffassung kann man leicht dadurch widerlegen, daß mau einem wohlgeschulten Sänger, während des kräftigsten Singens, eine Flaumfeder vor den geöffneten Mund halten kann, ohne daß dieselbe bewegt -wird.- Dies beweist doch, daß die Schwingungen der Tonwellen, die so machtvoll tönend nach außen sich fortpflanzen, nicht etwa eine gleiche Intensität der Luftströmung bedingen. Ein weiterer Beweis, daß von der Richtung des Luftstromes die Verbreitung der Tonwellen unabhängig sei, beweist, daß tönende Schwingungen der offenen Luftröhre, mithin beim Ausathmen, im Lufnohre und im Tborax stehende Nesonanzschwin- Zungen machen. Die Mesonanzschwingungen im Luftröhre und im״Thorax find doch dem Nespirationsstrome direct entgegengesetzt. Ein ähnliches-Experiment können wir an uns selbst machen, indem wir die Fistelstimme ertönen machen, ohne über- Haupt den Mund zu öffnen. Die Zunge erfüllt den Mundraum, und cs bleibt . nur der Rachen-Nasenraum übrig, hier gleiten die tönenden. Luftschwingnngcn 'vom Kehlkopfe zum Nachendach. Der Nesonanzraum besteht mithin aus der obersten Nachenhöhle und der Nasenhöhle. ־ Auch bei dieser Art, Falsett anzutönen, kann man nachweisen, daß kein Entströmen der Luft aus den Nasenlöchern statisindet, denn auch hier wird eine vor die Nase gehaltene Feder keine Bewegung zeigen. Daß aber doch nur die hier be׳ sindliche Luft in Schwingung gcräth, ist dadurch nachzuweisen, daß im Momente, wo man die, Nasenöffnungen zuhält, das Falsett-Tönen aufhört. Sprach e des Sängers. Die Gewohnheit, die Kehlkopfmuskulatur ausschließlich in einer gewissen Richtung wirken zu lassen, hat zur Folge, daß die meisten Sänger einen höchst mangelhaften Dialog führen. Wie erstaunt man über die geringe Tragweite der gesprochenen Worte jener Sänger und Sängerinnen, die oft über ein sehr kräftiges Organ im Singen verfügen! Wer erinnert sich nicht an den grellen Contrast,. der sich auf der Bühne findet, bei der Ausführung von Byron's ״Manfred", mit der Schumann'schcn Musik? Den Manfred declamirt gewöhnlich ein gut, oder sagen wir der beftrecitirende Schauspieler, die übrigen Rollen werden theils gesungen, größtentheils. aber von den Mitgliedern der Oper gesprochen. Welcher Abstand! Die Sänger, sobald sie zu sprechen genöthigt sind,. sind kaum vernehmbar, und sobald Manfred zu sprechen beginnt, ist man bewegt durch das Markige, Volltönende seines' Organs. ' Schauspieler müssen anders leise sprechen lernen, als gewöhnliche Menschen. Wäre ihr Lispeln auf der Bühne so eingerichtet wie das unsere, man würde sie nicht verstehen. ES muß daher auch der Redner —- ob Schauspieler, ob Kanzelredner, gerade so wie der Sänger -— einen Ansatz erlernen, das heißt, er muß. füreine bestimmte phonatorische Function ein bestimmtes Quantum Muskelacte anfbringen. ־ Viele Sänger, die sonst im Leben ein angenehmes Benehmen und ganz richtige taktvolle Bewegungen an sich haben, benehmen sich auf der Bühne ganz ungeschickt, hölzern, ja oft ganz lächer-!ich. Worin hat das seinen Grund? Ganz einfach in der Aengstlichkeit, durch unwillkürliche Nebenbewegungen, die Muskelaction, die sie beim Anklingen eines bestimmten Tones oder einer Reihe von Tönen zu machen erlernt haben, nicht zu stören, den Ton nicht zu verlieren. Nicht nur die Uction, mit den Extremitäten ist Sängern oft ein Hinderniß, selbst die Vocalisation, die Articulation einzelner Silben bringt sie oft aus dem Contexte. Der Sänger, der einen gegebenen Ton tadellos rein intonirt, denselben beliebig lang, intensiv, laut,, ereseeuäo oder mezza, voee; oder in sonstiger Gesangsart nehmen kann, wird unsicher, wenn er durch ein Wort, durch eine Geberde einen Affect auszudrücken genöthigt ist, welcher ihn in seiner gewohnten Muskelstcllung stört. Diesen Sängern sagt man dann nach, sie beherrschen ihre Stimme nicht, was in . das Physikalische oder Physiologische übersetzt,-so viel heißt: N. N. hat nicht in seiner Gewalt, eine Muskelgruppe wirken zu lassen, während ein zweiter Muskelact abläuft, mithin fehlt, ihm die Unabhängigkeit, er macht Mitbewegungen, wie ein schlechter Handwerker oder ein schlechter Clavierspicler, der es noch nicht erlernt hat, einen Muskelaet mit einem bestimmten Finger zu machen, ohne daß die anderen Finger eine Mitbewegung machten. ' . (Fortsetzung folgt.) Der Mische Gottesdieilst. XV. So. war denn ans den Trümmern des Opfercultus der öffentliche Gottesdienst in der Form des g e m e i n s ch a ft l i ch e 1t G e bets hervorgegangen, und dies war ein bedeutender Schritt -zum Besseren. Nicht daß unsere -Religion etwa das Gebet-des Einzelnen (bichidut) perhorrescirt oder einen bestimmten Ort zum Gebete festgesetzt hätte, heiß: cs doch, vielmehr: ״An jeglichem Orte, wo ich meinen Namen in's Gedächtniß rufe,^ werde ich zu dir kommen und dich segnen", doch ist.es das-ge-" mein 1 chaft lich e Gotteshaus, in welchem sich die Grundzüge der jüdischen Neligionsgesellschaft wie in einem Brennpunkte zum schönen Bilde vereinigen. Die Andacht des Einzelnen ist niemals von der Beimischung des-Verlangens nach besonderem Wohlc frei, während das gemeinschaftliche Gebet auch mehr das g e m e in s am e Interesse der Religion vertritt, welches den Männern der ״großen Synode" als höchstes Ziel vorschwebte. Soll aber das Gebet seine Kraft und Weihe behalten und ein gemeinschaftliches bleiben, so muß das hinzutreten, wodurch eine ganze Versammlung ihrer G emein sam keit sich׳ bewußt wird, das lebendige, b e lehrende Wort, welches in der Geschichte der Vorfahren das Dunkle aufhellt, dem scheinbar Erstorbenen frisches

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