Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 15 (3.5.1883)
- Date
- 1883-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3452915-3452930--0557-3454607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
verhindern. Dieselben können, wie man jetzt weiß, leicht entfernt werden und damit ist die Permeabilität wieder hergestellt, so daß Kinder, die selbst Jahre hindurch an sog. näselnder oder todter Sprache laborirt haben, nach Entfernung dieser rein mechanischen Hindernisse eine ganz klare Stmme bekommen. Es ist der Vortheil dieser Methode nicht oft genug zu betonen mit Rücksicht darauf, daß unter allen Methoden, die bis zum Jahre 1873 zur Heilung des Näselns angewandt wurden, keine einzige so rasch, so sicher zum Ziele führte, wie die jetzt übliche. Wir selbst haben in unserem Buche ״Klinik der Kehlkopfkrankheiten" ein Operationsverfahren angegeben, mittelst dessen man, mit Hilfe eines eigens für diesen Zweck construirten Instrumentes, in einer einzigen Sitzung innerhalb weniger Secunden diesen Sprachfehler beheben kann. Individuen, die längere Zeit hindurch an derartiger Jmpermeabilität gelitten haben, erleiden auch an ihrem Gehöre eine Einbuße, welche sich immer mehr und mehr bis zu vollständiger Taubheit steigern kann und dadurch bedingt ist, daß die Rachenmündung des Ohres, die Tuba Eustachii, gleichfalls von diesen Wucherungen ergriffen wird. Die sogenannte piepende Sprache. Ein Sprachfehler höchst wichtiger Art, welcher aber nicht wie der früher erwähnte das Gehör belästigt und schädigt, ist die sog. piepende Sprache. Dieselbe rührt gewöhnlich von einer Erkrankung her, die noch in die Mutationsperiode fällt und häufiger bei Männern als bei Frauen zu beobachten ist. Dieser Fehler ist am lästigsten solchen Männern, deren Sprachorgan vermöge ihrer öffentlichen Stellung tadellos sein sollte. Dieser Sprachfehler macht es vielen Individuen geradezu unmöglich eine derartige, Carriere zu ergreifen- Bis in die neueste Zeit waren solche Personen für ihr ganzes Leben dem Gelächter und Gespötte ihrer Mitmenschen preisgegeben. Wiederum war es der Kehlkopfspiegel, mit dessen Hilfe es gelang, die Ursache dieser Erkrankung aufzufinden und hiedurch ihre Heilung in kürzester Zeit zu bewerkstelligen. Die Ursache der piependen Sprache liegt in einer abnormen Spannung der Stimmbänder. Hieran reiht sich als weitere Form die unangenehme Erscheinung des sog. tonlosen, rauhen, krächzenden Sprechens. Diese Erkrankung, als der reine Gegensatz der früheren, ist zumeist veranlaßt durch ungenügende Spannung der Kehlkopfmuskeln, ist aber gleich der früheren durch entsprechende Behandlung reparapel. Ueber Tonblindheit. Hieher wäre noch zu rechnen die Modulationsfähigkeit der Stimme, welche nicht in irgend einer Abnormität der Kehlkopfmuskeln ihren Grund hat, sondern einzig und allein darin, daß derartige Individuen bei der Prüfung ihres Gehörs Tonblindheit zeigen. Wir gebrauchen dieses Wort nach Analogie der bekannten Erscheinung der Farbenblindheit. Wir wollen damit nur andeuten, daß dem betreffenden Kranken die Nuancirungen im Gehör abgehen. So wie bei einem an Daltonismus leidenden Individuum diese oder jene Farbe aus dem Gesichtsfelde ausfällt, dasselbe z. B. sein Lebelang grüne Wiesen braun sieht, aber nicht auf seinen Fehler kömmt, bis man es darauf prüft oder aufmerksam macht. Der Tonblinde hört alle Geräusche und Töne, er hört auch die Musik; aber diese macht auf ihn nicht denselben, durch den harmonischen Wechsel von Tönen bedingtenangenehmen Eindruck, wie auf gesunde Menschen. Prüft man solche Individuen auf ihr Gehör, so findet man, daß sie kaum im Stande sind, durch Heben oder Senken ihrer Stimme, zwei oder drei neben einander liegende Töne zu imitiren oder auch nur von einander zu unterscheiden. Mit diesem Mangel ist auch die Modulutionsunfähigkeit ihrer Stimme erklärt. ._(Fortsetzung folgt.) Die Priester des jüdischen Cultus. Unter den Begriffen ״Priester" verstehe ich, ohne im Entferntesten hierarchische Neigungen zu besitzen, die Rechts- Nachfolger Moses und Aron's im Lehr- und gottesdienstlichen Amtsberufe innerhalb der einheitlichen Gesammtheit der zu Gemeinden und religiösen Vereinigungen organisirten Bekenner des einig-einzigen Gottes. Damit ist keineswegs ausgeschlossen die Befähigung der Allgemeinde Israels zu priesterlicher Gemeinschaft (Exod. 19, 6), der Beruf derselben für Erhebung zum Prophctenthum (Num. 11, 29), als den Inbegriff der Reinheit der Sitten, der klaren Erkenntniß und göttlichen Vorstellungsgabe. Dahin zu wirken ist eben die Aufgabe des in lebendiger Gottesschau lehrenden, des in begeisternder Andacht betenden, in Wechselwirkung von Wort und Lied — wirkenden Priesters. Dieser Letztere mit vorwiegender Thätigkeit im Worte wird in unserer Zeit Rabbiner, mit vorherrschendem Berufe im Liede Cantor genannt. Beide haben, nach meinem Dafürhalten, innerhalb ihrer Wirkungskreise den idealen Dreiklang der R e l i g i o n, Wissenschaft und K u n st zur lebensvollen Einheit zu gestalten. Der Lehrer unserer Zeit muß in der Architectonik der Gedankenwelt, der plastischen Gestaltung der Sprach- und Ausdrucksformen, der malerischen Gewandung von Natur- und.Lebensanschauung und im symphonischen Zusammenhang der mit melodiösem Schwung vorgeführten Sittenweisheit die Weihe der Kunst, in der auf der Grundlage geschichtlicher Wahrheit, philosophischer Forschung gestalteten aus den Quellen theologischen Schriftthums hergeleiteten Wahrheit das Licht der Wissenschaft und in der harmonischen Durchdringung von Form und Inhalt der Lehre mit dem Geiste des ewig Göttlichen im allgemein Menschlichen die Bedeutung der Religion im reinsten und edelsten Sinne suchen und finden. Der Sänger wiederum muß aus dem Brunnen der Kunst diejenige Religion schöpfen, welche die Herzen und Geister über des Daseins finstere Schranken erhebet zum lichten Reiche der Gedanken, wie sie die. Wissenschaft der göttlichen-Lehre und des auf ihrem sittlichen Boden gediehenen Gottesdienstes in reinster, segenbringender Fülle erschließt. Der gebildete Rabbiner muß deshalb stets dem künstlerisch bestrebten Vor- 1 Beter Freund sein und umgekehrt. Sie sind beide im idealen Sinne solidarisch. Ueberdies sind sie doch heutzutage auch Lehrer der Jugend und, sei es auch nur, daß vom Ersteren der Religions-Unterricht, vom Letzteren der in lithurgischem Gesang gefordert wurde. Beklagenswerth ist es freilich, wenn die höchsten Würdenträger des Cultus mit rituellen Functionen überbürdet werden, welche man ganz füglich mit den Nebenämtern in der Synagoge combiniren könnte. Es würde sich auch hiedurch das Los der subalternen Beamten wesentlich bessern. Dem Schames (Cultusdiener) z. B. würde die Sonne (Schemesch) der Erlösung aufgehen, wenn er mit vollem Behagen seine Zeit verstehen und sein Rind schlachten