Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1883)
- Date
- 1883-04-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Cautor vor Allem zu wissen nothweudig, so entspricht es nur unserer Cultusfunction, die Belehrung von so ehrwürdiger Seite, mit bester Intention gebrachter Artikel dankbarst zu acceptiren. Unser Organ ist die österr.-ung. Cantorenzeitung ״Sulzer", unser Verein ist der Cantorenverein ״Sulzer״, da können wir überzeugt sein, daß die löbl. Redaction unserer Zeitung, wie der Vorstand unseres Vereines viribus unitis mit allen Cantoren in fest geschloffener Phalanx unentwegt die zum Ziele führende Straße weiter wandeln, unser Verein wird erblühen, das Standesbewuhlfein gehoben fein, Sulzer's Schule verewigt und in Kürze wird der eine College sagen, unsere Zeitung ist eine Fachzeitung, Musik-, Sänger- und Cantorenblatt, der andere College wird so viele geistige Anregung in liturgischem und theologischem Gebiete finden, daß alle Ansprüche befriedigt sein werden. Von der Agende ist es stille geworden, könnte nicht diese Agende als Beilage zu unserer Zeitung succesive erscheinen? Diese Blätter würden alle Collegen mit Freude und Dankbarfeit begrüßen und Altmeister Prof. Sulzer gewiß seine Einwilligung nicht versagen. Ich verstehe unter der Agende, die Wiener Recitative und vor Allem die Gesänge des Wiener Tempels in ihrer populären leichten Form, nicht so schwer gebracht, wie im Lebir Zion II und nicht nur die Quintessenz der Uuäoirn, sondern so einfach melodiös volksthümlich, wie ׳ im Wiener Tempel. Auch wäre es an der Zeit, daß eine unverkürzte neue Auflage des Leiiir Zion, I. Theil, zeitgemäß im Violinfchlüffel, wenn möglich mit obligater Orgelbegleitung erschiene, aber in Form der Wolfenbüttler Edition Peters, zu billigem Preise. Nach dieser Edition kosten Schubert's Müllerlieder, die Winterreise 50 Kreuzer! - So lange ׳ Vater Sulzer den Verlag seiner Werke hatte, würde ich mir nicht erlaubt haben, ein Wort zu sprechen; wie ich mir sagen ließ, hätte unser Nestor um tabula rasa zu machen, seine Werke einer Verlagshandlung verkauft, der Lebir Zion soll seit dem Erscheinen 30.000 fl. ö. W. unsern Mentor getragen haben, wenn es also nicht zu spät, könnte vielleicht der Cantorenverein ״Sulzer" noch das Verlagsrecht von Papa Sulzer's Werke erhalten*) und wenn es wirklich schon eine Verlagshandlung hätte, so könnte der Verein es urgiren, daß dieselbe eine billige und unverkürzte Volksausgabe des 86bir Zion I im Violinschlüssel mit obligater Orgelbegleitung herausgebe, die Verlagshandlung würde gewiß ihre Rechnung finden, wenn sie Chorbücher stimmenweise, Sopran I und II, Tenor und Baß aus dem 86bir Zion I in Sabbats-, Fest-, höchste Feiertage- und Casunalgesänge her- ׳ausgebe, das lästige Notenschreibenlassen würde entfallen und die einheitliche Form in den Gotteshäusern hergestellt. Dabei sollte bei jeder Piece der Componist angegeben werden, die großen Meister, wie Jgn. R. v. Seyfried, Franz Schubert, Prof. Fischhof, Prof. Würfel, Prof. Josef Drexler, Kapellmeister Franz Vollkert, welche 37 Piecen in dem 8ebir Zion I componirten, sollten genannt werden. In dem 86bir Zion I fehlt seit einiger Zeit das Blatt mit den Namen der Mitarbeiter. Ein Franz Schubert aber, dem man Monumente setzt, verdient gewiß als Mitarbeiter genannt zu werden. Dies meine Ansicht bezüglich der Agende und des 86bir Zion I. **) Der Vereinsvorstand hat die nöthigen Schritte bereits geihan und hoffen wir, daß dieselben nicht erfolglos bleiben werden. Die Red. Der Mische Gottesdienst.*) XIII. Ich habe in den früheren Artikeln zur Genüge nachgewiesen und durch Citate erhärtet, daß der Talmud ein großartiges Werk sei. Es gereicht mir zur besonderen Genugthuung diese Auffassung auch von dem rühmlichst bekannten Gelehrten Dr. Jellinek in Wien bestätigt zu sehen. In dir. 11 der ״Neuzeit" finden wir einen Artikel, unter der Aufschrift: ״Oberrabiner Fasset", in welchem I. die hohe Bedeutung dieses höchst ehrwürdigen Mannes zum Ausdrucke bringt. Unter A. heißt es: ״Fast alles im Talmud ist Ent- Wickelung, Fortbildung, Umbildung, Reform und was in unserer Zeit als mikrologisch, als zu weit ausgesponnen, als eine schwere Bürde und als absolut unverträglich mit den veränderten Zeitverhältnissen erscheint, das war zur Zeit seines Entstehens und seiner Entwickelung lebendige Reform und Weiterbildung. Welch' ein kühner Geist der Reform weht uns aus dem bekannten talmudischen Grundsatze entgegen: ״Das Gesetz des Staates ist Gesetz" für den Bekenner des Judenthums in allen Rechtsverhältnissen, und mit welchem Liberalismus wurde dieser Grundsatz ausgeführt, wenn das jüdische Civilgesetz, das doch auch einen Theil der Thora ausmacht, mit dem Staatsgesetz collidirte. Wer heute ein so tief eingreifendes Normativ für das Juden- Lhum ausspreche, würde von der Nobelgarde des jüdischen Religionsgesetzes verketzert werden." Und in der That, der umdüsterte Blick, welcher bloß auf das Gewordene als Bestehendes Hinsicht und dasselbe nicht anerkennend, daß es nur allmählich entstanden und auch wiederum der Zeit -und ihren Veränderungen unterworfen ist, als ein Ewiges, Unantastbares betrachtet, wird niemals zur Klarheit gelangen. Wir aber wollen uns über diese dumpfe Region erheben und zu freierer Höhe emporsteigen, den Standpunkt erklimmen, der uns zeigt, wie das Gebet, die Gebetformen und der ganze jüdische Gottesdienst sich allmählig mit den Verhältnissen und Ansichten der betreffenden Zeit gebildet und umgestaltet, und in seiner Abhängigkeit von den die Zeit belebenden Ueberzeugungen auch mit ihnen in neue, entsprechende Formen eintreten muß. Gott dienen heißt, auf der Stufenleiter der Erkenntniß des Göttlichen immer weiter schreiten, von der Weisheit und Heiligkeit des göttlichen Willens immer deutlichere Begriffe erlangen und dem von der Größe und Erhabenheit Gottes überwallenden Gemüthe durch ein entsprechendes, reines Gebet Erleichterung und Befriedigung gewähren. Das war das Zeichen und das Ziel der göttlichen Sendung Mosis an Pharao, um Israel von der geistigen und leiblichen Knechtschaft zu befreien, um sie eines reinen, geläuterten Gottesdienstes theilhaft werden zu lassen. ״Und dies sei Dir das Zeichen, wenn Du das Volk aus Aegypten geführt haben wirst, werdet ihr Gott dienen auf diesem *) Nach langer Unterbrechung veröffentlichen wir hiemit die Fortsetzung dieses Artikels. Jenen geehrten Lesern unseres Blattes, welche uns die Aufnahme desselben verargten, wollen wir die Erklärung abgeben, daß wir, trotzdem wir in vielen Punkten nicht mit den Allsichten des Autors übereinstimmten, von der Veröffentlichung darum nicht Abgang nahmen, weil wir eine freie DiScussion dieses so hochwichtigen Themas nicht verhindern wollten. Wir sind gerne bereit, gegnerischen Ausführungen die Spalten unseres Blattes zu öffnen. Die Red.