Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1883)
- Date
- 1883-04-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sprechen und Singen. Zwei populäre Vorträge von Professor Dr. Carl Stoerk. Seelenzustände werden im ganzen Thierreiche durch Muskelthätigkeit, mithin durch Bewegungen nach außen kund gegeben. — Es gibt Aeußerungen, die -zunächst nur auf das Sehvcrmögen berechnet sind, solche sind: Bewegungen mit den Händen, Füßen, mit den Gesichtsmuskeln, mit einem Worte Gesticulationen, die dem Thiere gerade so eigen sind, wie niederentwickelten Menschen. Wie Dieser für gewisse Bedürfnisse Bewegungen macht, um sich seinem Nachbar verständlich zu machen, so äußert sich dies beim Affen gleichfalls in der Bewegung der Hände, beim Hunde in der Bewegung des Kopfes, des Schwanzes, des ganzen Leibes, durch Hinanspringen auf seinen Herrn. Bei anderen Thieren wieder manifestiren sich die Affecte durch Bewegungen der Zähne und Lippen. Eine zweite Reihe von Bewegungen zur Aeußerung psychischer Affecte, gibt sich durch Klänge und Geräusche kund. Dahin gehören alle diejenigen Aeußerungen, die ein Thier, um sich dem andern bemerkbar zu machen, von sich gibt. Der Vogel piepst, pfeift, singt, die Heuschrecke zirpt mit ihren Füßen an ihren Flügeln, der Frosch quackt, und nur die höherstehenden Thiere haben ein eigenes Organ zur Hervorbringung solcher Laute, in welchem der ausgeathmete Luftström durch Muskelbewegung vielfach modificirt, in Sang und Klang umgewandelt wird. Diese Aeußerung thierischer Wünsche, Gefühle, Triebe, wird Stimme und Sprache genannt, ohne daß wir aber im Stande wären, genau die Grenze zwischen Stimme und Sprache zu definircn. Man hat diesen Worten zu den verschiedensten Zeiten verschiedene Begriffe untergeschoben. Einzelne wollten Stimme und Klang identificiren, Anderen wieder waren Sprache und Stimme identisch. Die Definition dieser beiden Worte ist seit Arist'oteles eine schwankende. Nach feinen Begriffen ist Stimme der von einem belebten Wesen mittelst eines Luftstoßes im Kehlkopfe hervorgerufene Klang, und die Sprache — die mittelst der Zunge articulirte Stimme. Liskovius (1846), ein neuerer Sprachforscher, bezeichnet die Stimme als den durch die Kehle dringenden tönenden Luftstrom — und die Sprache als den Ausdruck der Seele, hervorgebracht durch articulirte Laute. Es läßt sich hier eben ein haarscharfer Unterschied gar nicht geben. Denn Diejenigen, die dem Thiere, das doch gewiß eine Menge seelischer Zustände, auszudrücken in der Lage ist, gänzlich Stimme und Sprache absprechen wollen, haben gerade so Unrecht, wie Diejenigen, welche da behaupten: das Tönen des Kehlkopfes ohne. Articulation wäre kein seelischer Ausdruck. Und doch wem fiel es ein, ernstlich zu bestreiten, daß man mit ein paar mufikalischen Klängen des Kehlkopfes, wenn auch nicht die leiseste Articulation dazu kömmt, ganz gewiß einem tief empfundenen seelischen Zustande Ausdruck zu geben vermag. Sprache im gewöhnlich acceptirten Sinne des Wortes ist das laut gewordene Denken, — und daß Sprache und Gedanke so innig Zusammenhängen, erhellt aus der Entwicklung der Sprache. Sprache und Gedanke haben genau die Ent- Wicklungsphasen des Menschen neben einander durchgemacht. Denn so, wie wir jetzt wissen, daß der Mensch sich aus der niederen Organisation allmälig zu seinem heutigen Standpunkte entwickelt hat, gerade so können wir mit Sicherheit sagen, daß aus der thierlautähnlichen Stimme durch jahrtausendclange Entwicklung die heutige menschliche Sprache sich herausgebitdet hat. Wenn es Aufgabe der Wissenschaft ist, alle Lebenserscheinungen, alle Formen des Daseins in den'Bereich der Forschung einzubeziehen, so darf sie sich von dem Gedanken nicht abschrecken lassen, in einen Schacht zu steigen, aus dem glücklichere Knappen schon längst vorher Schätze aus der Tiefe geholt und an's Tageslicht befördert haben. Ueber Sprechen und Singen ist schon seit Jahrtausenden so viel geschrieben und gesprochen worden, daß es eben von Unerschöpflichkeit dieses Gebietes zeugt, wenn wir trotzdem noch auf günstige Ausbeute rechnen wollen. Die Menschheit war sich von Alters her der Kraft der menschlichen Rede bemußt, und Jene, die des Wortes besonders mächtig waren, standen zu allen Zeiten als Volksredner, Sänger, Propheten oder Führer an der Spitze ihrer Mitmenschen. Im staatlichen Organismus Griechenlands und Roms war die Beredtsamkeit politische Macht, und als solche gekannt und geschätzt. Wir staunen über die riesigen Summen, die, wie uns Plutarch meldet, den Lehrern der Rhetorik bezahlt wurden.. Weil ihre Schüler Demosthenes geworden, war der Preis auch nicht zu hoch. Denn wie der gute Redner jeder Sache zu dienen im Stande ist, ebenso vermag der schlechte Redner auch der besten Säche zu schaden. Der persische Dichter Saadi erzählt: Ein Mann mit einer unangenehmen Stimme las einmal öffentlich laut den Koran vor. Als ihn ein heiliger Mann im Vorbeigehen fragte, was sein monatlicher Lohn sei antwortete Jener: ״Gar Nichts." ״Warum gibst Du Dir denn soviel Mühe." ״Ich lese um Gottes Willen!" ״Um Gottes Willen! lies lieber nicht!" erwiederte der heilige Mann, ״denn wenn Du. so den Koran liesest, vernichtest Du den Glanz des Islams." Die Macht der Sprache ist unbegrenzt, und so wie es Worte gibt, die ein Jahrhundert beschäftigen, so genügt ein Laut, um dem Forscher das herrlichste und weiteste Feld der Betrachtung zu erschließen. Denn ״etwas wahrhaft Göttliches" sagt Niemeyer ״ist die Rede des Menschen, und nur die tägliche Erscheinung des Wunderbaren in ihr, läßt uns übersehen, daß sie selbst das größte Wunder ist." (Forsetzung folgt.) Pro domo. Der Cantorenverein wird mit jedem Tage älter, seine Existenz täglich gesicherter. Diese Thatsache kann nicht oft genug betont werden, denn in der kurzen Zeit seines Bestandes wurde nicht nur von berufener und unberufener Seite sein Lebenslicht auszulöschen versucht, sondern es wurde ihm jede Lebensfähigkeit überhaupt gänzlich abge- Iprochen. Gar mancher meinte, das Flämmchen, das da aufgezündet wurde, sei nur ein trügendes Johanniswürmchen, und mit dem nächsten Morgengrauen müsse auch die Herrlichkeit wieder verschwinden. Andere wieder fanden es sehr eigenthümlich, daß Cä n t o r e n es sich vermaßen vom Gängelbande der beinahe lieb gewordenen Vormundschaft sich loszulösen und ihre Stellung in der Gemeinde und zugleich in der Gesellschaft zu verbessern, kurz ihr unbeneidetes Dasein menschlicher zu gestalten. Noch Andere vermeinten in dem Cantorenvereine einen Gegner heranwachsen zu sehen, dessen Zweck und Tendenz