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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-04-03 · Heft 12 (3.4.1883) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 12 (3.4.1883)
Date
1883-04-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Feind aller leeren und hohlen Formen, wie nichtssagender Phrasen suchte er immer in das Wesen der Dinge selbst einzudringen und von diesem Standpunkte aus befürwortete und beförderte er auch die Gründung der durch die Initiative des Herrn Dr. Ullmann in's Leben gerufenen ״Talmud-Thora" behufs Unterstützung. armer, würdiger Studirender mit Lehrbüchern und Schulgeldern, wie auch zur Subventionirung deS Chores und zur Erweiterung der jüdischen Volksbibliothek. Welch' hoher Beliebtheit sich der wackere Ehrenmann in allen Classen und Kreisen der hiesigen bürgerlichen Gesellschaft erfreute, zeigt die imposante Betheiligung am Leichenbegängnifse, zu dem nicht blos die Mitglieder der Gemeinde fast vollzählig und viele Glaubensgenossen der Umgebung erschienen, sondern auch unsere Mitbürger blieben nicht ferne und schickten aus allen Schichten der Bevölkerung ihre Vertreter zum Ehrengeleite dieses allgemein als wohlthätig und gemeinnützig hochgeachteten Mannes, so daß buchstäblich der größere Theil des Conductes von Andersgläubigen gebildet wurde. Um die vielen Vorzüge und unvergänglichen Verdienste des Verstorbenen nach Gebühr zu würdigen, wurden von der Cultusgemeinde und dem Vorstande der Chewra-Kadischa die Herren Rabbinen Dr. Bloch aus Floridsdorf und Dr. Wolf aus Mieslitz berufen, doch konnte Ersterer aus Zeitmangel dem ehrenden Rufe keine Folge leisten. Nachdem Herr Cantor Max Reiß die hebr. Gebete mit Chorbegleitung höchst ergreifend vorgetragen, widmete der Religionslehrer der hiesigen Cultusgemeinde, Hr. Rabbiner Grün, seinem früh verschiedenen Freunde einen warmen, dessen Eifer für frommen Sinn, Fortschritt und Frieden hervorhebenden, würdigenden Nachruf. Darauf richtete Herr Rabbiner Doctor Wolf rührende Worte des Trostes an die trauererfüllte Gemeinde, an die verwaiste, verlassene Familie, die ihrer einzigen Stütze, ihres Ernährers nun beraubt, Beruhigung und Zuversicht finden möge im festen Vertrauen auf Gott und im frommen Lebenswandel.. nachahmend das edle, mustergiltige Vorbild des verklärten Vaters, dessen Andenken in unserer Mitte stets in Ehren erhalten bleiben wird! Möge aber auch unsere Gemeinde, die ihres hervorragenden Führers in intellectueller und moralisch-religiöser Beziehung beraubt ist, in seinem Sinne und Geiste sich fürder gestalten und entfalten, wie es Herr Cultusvorsteher Jac. Schick in seiner Ansprache am Grabe feierlichst erklärte; dann kann die Zukunft unserer Gemeinde und ihrer Institutionen unter Gottes Beistand als gesichert angesehen werden. Em68. Samuel, -er blinde Geiger. Novelle von Alois Külka. 4. Fortsetzung. *) (Nachdruck verboten.) Nach langem Widerstreben willigte der Intendant in die Aufführung der Oper ״Rosalinde" und versprach dem Componisten, im Falle einer allgemeinen Anerkennung derselben, eine sehr geringe Summe zu zahlen. Doch Samuel war auch mit dem Wenigen zufrieden und ging nach erlangtem Versprechen ganz selig, an Körper und Geist gestärkt, in seine düstere Wohnung zurück. Wie mundete ihm diesmal das kärgliche Mittagessen, und wie erquickend schien ihm das trübe laue Wasser! Ermüdet legte er *) Neue Abonnenten erhalten die vorhergehenden Fortsetzungen der Novelle aus Wunsch gratis eingesandt. sich hernach auf seine Matte und schlummerte bis zum Abend. Durch einen lang entbehrten, ruhigen Schlaf erquickt, erhob er sich von seinem elenden Lager und wanderte dann hinaus zur Brücke St. Angelo, um dort die kühle Wasserluft einzuäthmcn. Sein Entschluß war gefaßt, nach der Aufführung seiner Oper wollte er in's theure Vaterland zurückkehren, um dort den hinsiechenden Körper und die abgespannten Geisteskräfte durch den wohlthätigen Einfluß deutscher Luft wieder herzustellen. Tiefsinnig blickte er in die träge sich hinwälzenden Fluthen der Tiber und wandte hierauf seinen Blick zu der Höhe des Capitols, dieses Zeugen einstiger Römergröße, dessen Verfall aber ihm ein trauriges Bild der Zerrüttung und des Sturzes seiner eigenen Hoffnungen, mit denen er das Land betreten hatte, bot. Solchen Gedanken sich hingebend, schweifte er an den prächtigen Bauten neuerer Zeit vorüber, achtete nicht des lärmenden Menschengewoges am Corso, oder auf der piazza del popolo, auch nicht des Geschreies der landenden oder abstoßenden Schiffer am ripa grande, sondern sammelte seinen Geist zu anderen Betrachtungen und sandte,׳ nachdem er in das Ghetto wieder zurückgekehrt, und in die auf seinem Wege liegende Synagoge eingetreten war, inbrünstige Gebete hinauf zum Lenker der Gestirne. Gestärkt kehrte er dann immer rechtzeitig in seine ärmliche Wohnung zurück, da das blendende Licht, welches von den tausenden Lampen und Auslagefenstern ausströmte, seine von Tag zu Tag gefährlicher werdenden Augenschmerzen vergrößerte. Täglich machte er nun so kleine Ausflüge in der Stadt und ihrer Umgebung, denn bevor er in die Heimat zurückkehrte, wollte er die ewige Stadt gründlich kennen lernen, in die 1 wunderlieblichen Gärten der nahegelegenen Villen und was ihn zumeist fesselte, jenseits des Lateran bei Santa Maria die Campagne in all' ihrer Ursprünglichkeit weit innerhalb der Thore, sowie die auf dem Aventin ausgedehnten Gärten und Weinberge, in denen sich nur vereinsamte Klöster und Kirchen erheben; in den einförmigen' und unzähligen Bruchstücken alt-. römischer Aquäduete, überall war Samuel zu finden, bis endlich der Abend erschien, welcher von allen Straßenecken die Aufführung der ״Bosaiinda, opera in 2 atti; dal Signore Samueli4 verkündete, jener Abend, an welchem des jungen Mannes Schicksal entschieden werden sollte. Hunderte glänzender Equipagen fuhren an dem Portale des Theatre Rossini vor, zahlreiche Besucher strömten in's Parterre und in die Gallerien. Immer näher rückte die ersehnte und doch so fürchterliche Stunde. Das Orchester füllte, sich mit Musikern, das Geschwirre des Zusammenstimmens der Instrumente war nur bisweilen zu vernehmen aus dem tobenden Lärmen des sich versammelnden Publicums. Alles erwartete gespannt das Signal zum Beginne der Oper des deutschen Maestro mit dem denselben so sonderbar klingenden Namen. Ein Theil des Auditoriums rümpfte schon im Voraus die Nase, ein anderer Theil kümmerte sich gar nicht um Oper und den Componisten und lehnte an den Säulen, sich einem dolce far niente hingebend, nur einige wenige Deutsche erwarteten geduldig und bescheiden den ersten Bogenstrich ab. Und wo war Samuel, der Held des Abends? Samuel saß auf einer Steinbank vor dem Portale des

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