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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-04-03 · Heft 12 (3.4.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 12 (3.4.1883)
Date
1883-04-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Worte die rechten Begriffe und für den Begriff das rechte Wort und Ihr, Lehrer des Volkes, schaffet Heil für die Welt. Wisset Ihr, was ״Gesinnung" bedeutet? Dem eigenen und Anderer Sinne menschlich vergegenwärtigen, was Göttliches in der Seele lebt. Wisset Ihr, was ״Gesinnung" heißt? Den lebendigen Gottesgedanken in die Form des Gesetzes hineinsetzen, das Gesetz erfüllen und durchdringen mit dem ewigen Gedanken; den Sinn erheben zum Uebersinnlichen, das Ueberffnnliche den Sinnen versittlichend vorführen; den Glaubensinhalt zur bewußten Ueberzeugung erheben, die Gedankenwelt aus der Innerlichkeit des Glaubens gestalten. ״Denke dir's mit tagesheller Klarheit und Wahrheit und du glaubest bis in die T i e s e der Seele hinein daran, daß der Ewige ein Gott ist im Himmel und auf Erden und außer ihm Niemand." Das ist die Aufgabe der Lehre: aus den Bränden solcher Begriffsidole heraus den Funken der Wahrheit anzufachen, die zwischen ״Gesetz und Lehre" — Chukath-hatorah (Num. 1L, 2) — Glauben und Denken, Form und Wesen nach Innen und Außen die Einheit herstellt,*) welche der echte Inbegriff der — Gesinnung ist. Wien, den 28. März 1883. Dr. S. Nascher. Der biblische PP **) Es war in der grauesten Vorzeit, sowie in dem Alterthum überhaupt, Brauch und Sitte — und auch die jüngern und jüngsten Zeiten sind nicht ganz davon abgekommen — daß für Personen, Städte und oft auch für andere Gegenstände zumeist solche Namen gewählt wurden, die verschiedenen Begebenheiten, Eigenschaften, Verhältnissen und Umständen entlehnt und von denselben sprachlich abgeleitet waren, welche auf den benannten Gegenstand irgend einen Bezug hatten oder mit demselben in einem gewissen Zusammenhänge standen. Wir haben dies eben bei dem Namen Adam gesehen. Jeder - Name hatte also gewöhnlich eine gewisse Bedeutung, wenn sich dieselbe zuweilen auch nicht sprachlich richtig ganz rechtfertigen ließ. Eigene Namen der ältesten Personen und Ortschäften dienen daher der Sage zur Stütze mit ihrem Sinn und in ihrer Bedeutung. Die Bezeichnungen solcher Namen sind, wie wir bereits gesagt haben, die Typen oder die Typen- Sätze zu den Historienbüchern längst verflossener Zeiten; uns, nämlich der Gegenwart liegt es nur ob, manche schwer lesbaren Züge darin richtig entziffern und verstehen zu lernen. So läßt die bibl. Sage die als weibliche gebärende, hervor-' bringende Person vorgeführte Chawwa, das ist die Mutter alles Lebenden, nämlich die Eva, ihren erftgebörnen Sohn und Stamm-Begründer Quain nennen, das heißt den von Gott zum Eigenthum Erworbenen oder den Bescherten, den Entstandenen, von dem Zeitworte קמח (= qana) kaufen, erwerben; oder von pD (— qoii), schaffen, bewerkstelligen, zu Stande bringen oder auch von!קני (= Quinjan) das Eigenthum der Besitz 1). In Wirklichkeit aber kann das nur bedeuten: durch das nunmehr waltende Lebensprincip entstand *) Vergl. ״Unsere Richtung" von Dr. S. Naschvr, Rabbiner und Prediger in Berlin — Berlin 1866 und ״Vier Momente" von demselben — Berlin 1880 (Friedrich Stahn). **)• Obenstehenden Artikel haben wir aus dem demnächst erscheinenden Werke ״Das Leben Moses" von Baum in Lobosttz auf Ersuchen des Autors abgedruckt. Die Red. ein neuer Menjcheustamm, der Quain-Stamm. Quain heißt also eigentlich so viel als ein auf die Veranlassung oder durch das Zustandebringen eines ältern, eines Vaterstammes, ins Dasein getretenen jüngern, eines Sproß-Stammes. Adam ist die Bezeichnung für den Vater-Stamm, Qain für den Sproß-Stamm. Qain oder Qajin ist eigentlich nur eine Abkürzung von Qejnan. Wir finden dies richtig, wenn wir das ״e" und das erste ״n" des Q(e)i(n)an streichen und das ״a" mit dem ״i" die Stellen wechseln lassen. Qejnan ist daher nach den Regeln der semitischen Wortbildung die sogenannte nunnirte Form von Qain oder Qajn. Dagegen bedeutet die Stamm-Personification Abel von dem hebräischen הבל (= Hevel) der Nichtige, Vergängliche, Schwächliche, der von dem stärkeren Qain erlegt wird. Das ist der Gegensatz des schwachen, müßigen, allzugenügsamen Hirten zu dem thatkräftigen erfindungsreichen Landbebauer, Städtebegründer und Besitzergreifer Qain, welchen uns die Geschichte vor Augen führen will einerseits. Andererseits aber zeigt sie uns auch den Seelenzustand eines, selbstsüchtigen, boshaften gewaltthätigen, geringen, neidischen, tückischen Menschen, der seinen Bruder und Nebenmenschen unter irgend einem Vorwände auf's Feld zu locken versteht, um ihn daselbst zu erschlagen, im Gegentheil zu der Gemüthsbeschaffenheit eines gut- und sanftmüthigen, uneigennützigen, arg- und wehrlosen Abel. Sie will uns mit der wichtigen Lehre an die Hand gehen, daß jede Maß- und Grenzlosigkeit in der menschlichen Lebensweise, ob bei Einzelnen oder bei ganzen Stämmen uud Völkern von dem richtigen Ziele des Daseins abtenken und körperlich als geistig zum Verderben führen, um uns hiedurch auch gleichzeitig das bestandene gegnerische Verhältniß zwischen dem Hirten- und dem Ackcrbaustande und den Gang der d. z. Cultur vor Augen zu führen. Die Stufe des Ackerbaustandes schwang sich nämlich über׳ die Stufe des Hirtenstandes und nach momentaner Ueberwindung des Hirtenstandes erhob sich der Ackerbaustand bis zu dem Städtebau und zu den Künsten. Sie zeigt uns ferner, daß eine vom Geiste ungezügelte und unbegrenzte Gier nach Besitz und Eigenthum, Ruhm und Ehre, ein allzu großes, geistloses neidisches Haschen und Streben nach Eigenthum und andern ausschließlich materiellen Gütern ebenso zur Nichtigkeit und Vergänglichkeit führen, wie eine allzugutmüthige, nachgiebige, gleichgiltige, ruheliebende, arbeitsscheue Gemüthsbeschaffenheit. Die Urgeschichte der Menschheit führt uns daher als die treue Lehrerin und Leiterin unserer Lebenseinrichtungen die Bilder zweier ganz entgegengesetzter Mensch.en- und Volkscharaktere vor, von denen keiner dem Zwecke des Daseins noch dem Willen des Schöpfers entspricht. Beide treten daher infolge ihrer maßlosen Lebenseinrichtung in Unterordnung der menschlichen Willensfreiheit auf unnatürlichem Wege und vorzeitig ab von dem Schauplatze des irdischen Daseins, indem der Abel erschlagen und Qain erschossen wird. Wir sehen hierin auch ein Bild der waltenden und leitenden Gotteshand an den Geschicken der Menschen und Nationen. Kann uns der Naturzustand und der rohe Charakter eines gefühl- und rücksichtslosen, Menschen oder eines harten, empfindungslosen Volksstammes deutlicher, besser und mit drastischeren Zügen dargestellt werden, als durch einen Brudermord? als durch das ruchlose Ausstrecken der frevelhaften Hand gegen den Bestand und das Dasein eines Mitmenschen? Vermag man den uncivilisirten, thierischen Zustand in dem

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