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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-26 · Heft 11 (26.3.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 11 (26.3.1883)
Date
1883-03-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Königs Stellvertreter muß sich Alles auf die Knie werfen! Tag und Nacht, Fortschritt und Reaction. Doch da gibt's einen Vertreter der jüdischen Nation,׳ der beugt sich nicht, der läßt sich nicht vom Glanze des Purpurs blenden. Er ist besorgt um den Staat, um das Herrscherhaus. Er merkt, daß die gestürzte Waschti noch Anhänger hat, daß sie der Regierung nicht so leichterdings sich entschlagen und selbst um des Reichs- Wohles Preis dieselbe wieder erreichen will. War ihr erster Versuch auf diesem Wege, die Hinwegräumung des Königs selbst, durch Mordechai vereitelt worden, so hatte sie wenigstens den Führer ihrer Partei, Haman, an den Hof zu bringen gewußt. Der durch den entdeckten Mordplan erschreckte König mußte nun freilich den Terrorismus Hamans nur billigen. Und je eifriger erscheinbar zum Schutze und zur Sicherheit des Königs wirkte, desto mehr mußte er über ihn Gewalt erlangen und desto wirksamer konnte er für seine Zwecke thätig sein. Nun bringt er dem geängstigten und wieder beruhigten König die Schreckensbotschaft, seine Gesetze finden nicht überall Anerkennung! Leicht begreiflich ist da die Schwachheit des Königs, welcher das ganze Reich dem Gutdünken seines ״so treuen und umsichtigen" Ministers überläßt, alle Anforderungen desselben von vorneherein in Bausch und Bogen acceptirt und billigt. Ebenso löst sich das sonst unerklärliche Räthsel der Aufregung des Königs nach dem Erscheinen Esthers, der jähe Sturz des allgewaltigen Ministers nach deren Enthüllungen und auf der anderen Seite das rapide Steigen Mardechais. Nach diesen kurzen Andeutungen, die ganz auszuführen hier nicht der Ort ist, erfaßt, muß Mordechai und Esther allen Zeiten der Aufklärung und des Fortschritts ein lebendiges, hochgehaltenes Musterbild bleiben. In ihm sehen wir den Beruf Israels in unserer Zeit verkörpert. Dasselbe hat nämlich in ruhigerund bescheidener Thätigkeit in unentwegter Liebe und Anhänglichkeit an Vaterland und Regierung zu wirken und überall da segnend einzugreifen, wo eigensüchtige Parteiwuth, unpatriotischer Egoismus an der Hand der blinden und finsteren Reaction die Menschenrechte unterdrücken und ohne Rücksicht auf das allgemeine Staatswohl nur mit Bedacht auf Vortheil der eigenen Clique eine ganze Classe von Menschen als öffentliches Sühnopfer hinschlachten will, um in der so entstehenden Aufregung und Verwirrung ungestörter fischen zu können. Das Purimfest verdient also schon um der beiden Vertreter Israels willen, zu deren Erinnerung es hauptsächlich gestiftet ist, von uns bewahrt und gehegt zu werden. Namentlich aber in unserer Zeit, wo abermals eine große Zahl von Hamans unter der Larve der größten Fürsorge für das Staatswohl durch hamanitische Anklagen die Regierungen der verschiedenen Länder zu täuschen suchen, ist es Pflicht der Israeliten, sich dieser Epistel zu erinnern und gewiß wird es dann auch die Freude erleben, daß Haman selbst es mit den Zeichen der höchsten und reinsten Würde wird bekleiden müssen und als Herold an seiner Serie ausrufen v ככה יעשה לאיש אשר המלך חפץ ביקרו So geschieht dem, dessen inneren Werth der König anerkennt. Wir aber können. Dank der weisen Einsicht unseres gottbegnadeten Kaisers, gerade Heuer wahre Tage der Lust und Freude feiern, nachdem ja auch wir die Angst hamanitischer Umtriebe in den letzten Monden durchgemacht, aber erst in den letzten Tagen ähnliche Rufe der gerechtesten An- Erkennung und Werthschätzung wiederholt gehört haben. A. L. ... lieber Ehre. Als ich unter, überaus schwierigen Verhältnissen, ausübend in Berlin im Amte war, machte ich die Bekanntschaft eines höchst achtenswerthen Mannes, der aus einer polnisch colonirten Groß-Khillah nach der deutschen Spree-Residenz gezogen war und vermöge seiner Wohlhabenheit sowohl, als auch seiner von intellectuellen Erfahrungen gestützten Frömmigkeit bei seinem regelmäßigen Synagogenbesuche sich bald zu einer achtens- und beachtenswerthen Stellung aufgeschwungen hatte. Ich hatte, trotzdem ich das ״Judenthum der Aufklärung" gesprachen, geschrieben und veröffentlicht hatte, nie das Princip der Gerechtigkeit beiden religiösen Hauptrichtungen gegenüber außer Acht gelassen. Ich ging in meiner Pietät so weit, daß ich zweimal im Jahre öffentlich talmudische Discuffionsthematen in der Synagoge behandelte und am Rüsttage des Passahfestes den Abschluß eines talmudischen Tractats mit einer Abhandlung über denselben gefeiert hatte; weil ich, wie mein Volk das Recht der Erstgeburt habe. Daß mir unter solchen Umständen am 9. Ab die Recitation der Elegien über die gefällten Cedern des Libanon, über die Bande der göttlichen Lehre zufiel, versteht sich von selber. In dem Punkte war ich ein Alter. Nur an Purim wurde ich mit großer Beharrlichkeit als der allermodernste Rabbiner insoferne betrachtet, als ich weder vom ganzen noch halben Schekel je etwas erfahren hatte, so daß ich im vollen Umfange dem Purim- Humor mich hingeben konnte und nicht zu unterscheiden wußte zwischen dem g anzen SchekelHamann's (dem FlucheHamann's) und dem halben Schekel, der Versöhnungsgabe der heiligen Schrift (dem Segen Mordechai's), der ein äor686tt tob l’arno gewesen, ein guter Fürsprecher (ebensowohl Prediger als Cantor) seines Volkes. Als nun der genannte Gemeindeangehörige einmal in Zeiten heiliger Sammlungen im Geiste an das Vorbild seines polnischen Rabbi gesegneten Angedenkens mich erinnert hatte, entgegnete ich ihm, warum er sich nicht dieses ehrenwerthen Musters mir:gegenüber am Purim erinnere? Es liegt in diesem Scherze viel Ernst. Man hat in unserer Zeit so viel über Abschaffung der ״Liebesgaben" und ״Ehrengeschenke" im Interesse der ״Liebe" und ״Ehre" der höchsten Beamten des ׳ Cultus gesprochen und geschrieben, daß ich gewiß gerne für die Beseitigung derselben eintreten würde, wenn diese aus gesteigerter Ehrerbietigkeit entstammte. Die traurige Erfahrung aber lehrt, daß mit den Liebesgaben auch die Liebe gefallen. Man denktheutzutage an Cantor oder Rabbiner nur zu oft beim (Aror Haman) zum Tadel, selten aber beim (Baruch Mordechai) aus Anerkennung für seinen der heiligen Sache gewidmeten Dienst, dem er unter den größten Entsagungen, Schwierigkeiten und der Ungunst äußerer und innerer Verhältnisse sein Leben freudig geweiht. Da stehe ich denn doch lieber auf dem Standpunkte des großen Sprossen und Nachfolgers des aus seinem Amte verdrängten unsterblichen ״Chacham Jli", der wegen schmutziger und gehässiger Rivalitäten das Zion der früheren Zeiten, Amsterdam, in Schande verlassen mußte, aber so uneigennützig gewesen, keine ״Liebesgäbe" anzunehmen. Der viel praktischere Sukzessor im Amsterdamer Rabbinate nahm jedoch bereitwilligst Ehrengeschenke an mit der Motivirung: ״Ehe man mir Steine nachwerfe,׳ lieber schicke man mir Geschenkt Ueberdies ist. ״Ehre" ein innerlicher, absoluter, und kein äußerlicher relatives Begriff.. ,Der, Spender muß. sich geehrt

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