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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-18 · Heft 10 (18.3.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 10 (18.3.1883)
Date
1883-03-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Geschichtliche Streiflichter zur Üerufsthätigkeit unserer Ämtsvorfahren. III. Wie es zu erwarten stand, konnte die Eventualität einer vollständigen Emancipation, wie sie Frankreich all seinen Völkern, ohne Unterschied der Consession, gewährte, auf die im nachbarlichen Germanien lebenden Israeliten nicht ohne jegliche Wirkung verhallen. Allein dazwischen lag eine Grenzscheide, und diesseits derselben war es noch vorderhand streng absolut; hier strotzte es noch allenthalben von Ghettovierteln, hier lebte ein gesetzlich eingeschränktes und eingeengtes Judenthum. Nichtsdestoweniger begann Letzteres instinctartig zu fühlen, daß man eine vorbereitende Stellung annehmen müsse. Dieses Gefühl nahm in dem Maße, als es den französischen Brüdern binnen kurzer Frist gelang, ihrem Gemeindewesen im Großen und Ganzen jenen Aufschwung zu verleihen, den. man heutezutage lediglich in den bestgeregelten Gemeinden bewundernd zu begegnen pflegt, eine concrete Gestalt an und wurde beinahe zur ״brennenden Frage". Es hieße aber mehr denn optimistisch sein, wollte man schlechterdings annehmen, daß das Gros der israelitischen Bevölkerung Deutschlands dieser fortschrittlichen Regung sein Herz erschlossen habe. Eitler Wahn! ״Gut Ding will Weile haben!" Noch war der Boden ein steriler und die größte Mehrheit eine mit tausend Fasern an die altererbten Traditionen festwurzelnde. Was sie drüben in Frankreich, sozusagen, im Handumdrehen bewerkstelliget, das mußte hier Schritt für Schritt sich Eingang erzwingen, kämpfend und ringend sich bahnbrechen. Das lag auch in der Natur der vorläufig obwaltenden Dinge; denn gleichwie eine. aus einem milden und sonnigen Klima nach dem rauhen Norden importirte Edelpflanze nur kümmerlich und treibhausartig daselbst zu gedeihen vermag, so waren alle Neuerungsgelüste, die dem exaltirten Hirn einer handvoll Ghettobewohner entkeimt, nichts Anderes, denn eine bloße Chimäre, ohne Existenzberechtigung, obendrein verfrüht und deshalb unzeitgemäß. Einer wünschenswerthen Entwicklung dieser hochwichtigen Frage fehlte zunächst die ״treibende Kraft", jener bewegungsfähige Motor — Freiheit genannt. Zu gleicher Zeit, in der diese reformähnliche Strömung im Schoße des deutschen Judenthums platzzugreifen anfing, waren die Blicke aller auf eine ״Leuchte in Israel", auf einen Mann, dem seine Zeitgenossen das inhaltschwere und wohlverdiente Prädicat ממשה רעד משה לא קם במשה—Moses, Maimonides, Mendelso hn —beigelegt, gerichtet. Dies ist der unsterbliche Philosoph M. Mendelsohn, der zu dieser Zeit seinen segensreichen Wirkungskreis nach der Metropole Preußens verlegte. Dieser gewaltige Autodidact, dessen Haus ein concentrischer Punkt aller literarischen Größen der damaligen Zeit, ein wahres בית ועד לה במים war — er hatte hienieden weit Wichtigeres zu thun, als der mit dem Geiste der Menge collidirendey Neuerungsanstrcbung Vorschub zu leisten. Von größerer Tragweite war die Idee, welche von manch einflußreicher Seite colportirt wurde und der eine approximative Milderung der israelitischen Ausnahmsgesetze zugrunde lag; allein alle diesbezüglich eingeleiteten Schritte erlitten bei dem unerbittlichen Absolutismus ein klägliches Fiasco. Mittlerweile geriethen die Geschicke der deutschen Lande in Händen Bonaparte's; die deutschen Städte hatten ihre liebe Noth, das eigene Prestige aufrecht zu erhalten, und so waren und blieben die ohnehin angefeindeten Juden vollends unberücksichtigt. Das denkwürdige achtundvierziger Jahr mit seinen Welthistorischen Stürmen, ging auch an dem Judenthum Deutschlands und Oesterreichs nicht spurlos vorüber; auch ihm erglänzte endlich eine lang erträumte freiheitliche Morgenröthe in der Gestalt der ״graduellen Emancipation". Wie durch einen Zauberschlag gerieth das Judenthum ins Völkergetriebe und unversehens wurde die prophetische Parabel: "ויתערבו בגוים וילמדו מעשיהם" ein fait accompli. Es verdient indeß rühmlichst hervorgehoben zu werden, daß man hüben und drüben schon früher anhub, dem bildenden Geist der Neuzeit Rechnung zu tragen; hier wie dort ging ein durchschlagender Läuterungsproceß vor sich, fanden Volksbräuche, Sittennachahmung und geistige Intelligenz ein gastliches Heim. Aber auch das althergebrachte Wesen der jüd. Ceremonie und Religiosität mußte sich im modernen Kleide bequemen; denn schon in den Dreißiger-Jahren treffen wir die nach ״Jakobsohn'scher Manier" eingerichteten Gotteshäuser nicht mehr vereinzelnt an. Kurz und gut, man wollte und sollte die heißersehnte ״Freiheit״ nicht unvorbereitet bewillkommnen. Diesem verlockenden Beispiele folgten in kurzem Intervall auch die ״Tolerirten Wiens"; ihnen lächelte Fortuna gar holdselig zu. Mit der glücklichen Acquisition, welche die Letzteren an der Person unseres allverehrten Altvaters Sulzer gemacht, erblühete dem chormäßigen und regelrechten Synagogengesang eine vormals nie geahnte Zukunft. Man mußte aber auch Sulzer hören, um zu begreifen, daß sein künstlerisch und stimmlich vollendeter Vortrag ein unnachahmlicher, ein bislang als unerreicht dastehender sei. Seither sehen wir die Anhänger des nach musikalischen Begriffen geregelten Gottesdienstes in constanter Zunahme begriffen. Es ist selbstverständlich, daß unser Cantorenelement dieser völlig neuen Metamorphose nicht fern blieb, es fragt sich aber, welche Vor- und welche Nachtheile ihm daraus erwuchsen and tliat 18 the question. Es ist traurig zu constatiren, daß wir — besonders die provinzgemeindlichen Cantoren — jenen heiligen Nimbus, jenen Glorienschein, der unsere Amtsvorfahren stets umgab, nahezu völlig eingebüßt haben. Woher diese unerquickliche Erscheinung, wo ist ihr Schwerpunkt zu suchen? Fast wäre man versucht eine Alternative aufzustellen: Entweder ist den halbcivilisirten Landgemeinden jeder Sinn für wahre Religion, alle Pietät für jüdischen Ritus abhanden gekommen, oder — was ungleich trauriger ist — wird die universelle Thätigkeit des Cantors mit der des erstbesten Laien identificirt. Beide Fälle sind ebenso häufig als besorgnißerregend. Und neuerdings drängt sich uns die Frage auf: Woher diese unerquickliche Erscheinung?? Was ist aus dem jüdischen Provinzcantor geworden? Ein משיירוד (sprich domestique), ein עבד לעבדים, ein von Allem und Jedem abhängiges Subject, dessen man sich gleich eines werthlosen Gegenstandes zu jeder Saison, zu jeder Stunde entledigen könne. Sind das die Früchte der ״gepriesenen Freiheit??" Welche Schicksalsironie!! Zugegebenenfalls auch unser Stand ist nicht frei von den Schlacken jenes unausweichlichen Surrogates, auch bei uns ist ein gut Theil von הלבנה mit unterlaufen, wer kann

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