Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 7 (22.2.1883)
- Date
- 1883-02-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 beschränkenden und bedrückenden Belästigungen frei werden, damit sie rm Stande sein sollen, den Verpflichtungen ihres Amtes nachzukommen, und nicht nur dem Namen nach, sondern in der Wirklichkeit Erwecker der Andacht, Vorbeter im Sinne unserer חכמים zu sein. Wenn wir aber dieses Ziel erreichen wollen, so müssen wir vor allem trachten, unseres hohen Berufes würdig zu sein. Wohl bemüht sich die große Menge unserer Amtsgenossen hiezu, und erreicht es auch in bester Weise, aber es gibt leider auch einen, wenn auch ganz geringen Theil derselben, welche ihr Amt nicht so, wie es sein sollte, versehen. In den kleineren Orten gibt es noch viele Cantoren, welche bei Hochzeiten und Familienfesten den Lustigmacher, den Spaßvogel spielen. Gewiß sollen wir an allen Familienfesten unserer Gemeindegenossen innigen Antheil nehmen, und fröhlich sein mit den Fröhlichen, aber in weihevoller, erhebender Stimmung, und nicht, wie es leider nur zu oft geschieht, in einer unsere Stellung zur Gemeinde gefährdenden Art. Die Sorge um Weib und Kind läßt Viele eben manches übersehen, was sonst nie ihren Blicken entschwunden wäre; allein ein Jeder muß darauf bedacht sein, daß dadurch nicht nur die Achtung vor dem Einzelnen, sondern leicht auch vor dem ganzen Stande untergraben wird. Ich weiß, es bedarf nur eines Winkes an meine Herren Berufsgenossen, und rechtzeitig werden sie ihren Standpunkt in der einzig würdigen Weise als .erste Gemeindebeamte, als Vermittler der Gemeinde mit Gott auffassen. Die Gemeinden aber werden alsdann auch gerecht sein, und ihre Mitwirkung bei Einführung einer Pensionscasse nicht versagen. L. I. Gero witsch, Obercantor in Nikolajeff, Rußland. Das Weit des Urias, rimmaeulee perception f). Dieselben talmudischen Weisen, welche die ethische Lehre mit dem Leben besiegelt hatten: jedermann von der günstigsten Seite, vom Standpunkte der Milde aus zu beurtheilen, nicht zu urtheilen, insolange man nicht in die Lage dessen gerathen j ist, welcher das Object der Beurtheilung bildet, haben das unsterbliche Verdienst, den König David wegen seines Verhältnisses zur Bath Seba immakulat erklärt zu haben. Sie erzählt nämlich im Tractate Ktuboth, daß jeder Krieger, der nach dem Felde der Ehre zog, seiner Gattin den Scheidebrief überreichen mußte, offenbar damit für die Eventualität, daß im Ablebensfalle des Kriegers der Tod nicht constatirt werden könnte, die Frau nicht ehelich gebunden bleibe. — Dies vorausgesetzt ist ein ganz passender Schlüssel geboten, die ganze Begebenheit Text und Inhalt "der Erzählung und Ueberlieferung nach zu verstehen. Der König trug Begierde nach der schönen, geschiedenen Frau des am Kampfplatz beschäftigten Helden. Dieselbe war (II. Sam. 11, 3) in jeder Hinsicht rein und unbefleckt, Der Gemal derselben ward (II. Sam. 11, 8) durch königliche Gnade in den militärischen Rang erhöht und durch allerhöchsten königlichen Erlaß an den Oberfeldherrn Joab in die Avantgarde befördert, in welcher, ganz im Ge- *) Da Der Inhalt dieser Abhandlung das Verständniß der Aufschrifr und Fassung des lithurgischen 51 Psalms erschließt und das Leben des Sänger-Königs erhellt. Dürfte der Rahmen dieser vorwiegend fachmännischen Zeitschrift sich für diese Betrachtung eignen. gentheil zur landläufigen Annahme, derselbe in gedeckter Stellung sich befand, um gegen den Tod geschützt zu sein (II. Sam., Cap. 11, V. 15). Nicht am Tode des Kriegers, sondern an seiner Beschäftigung im Kriege, wozu die hohe Stellung desselben im Heere und die Ehre die Impulse boten, mithin an derRechtscontinuität der Ehescheidung mußte dem Könige David gelegen sein; weil die Folgen seines Bündnisses mit der Gemalin des Urias nicht verborgen bleiben konnten (II. Sam. 11, 5), folgerichtig mußte der von Joab abgesandte Bote das ziemlich überraschende Ereigniß des Ablebens Joäb's nur mit historisch belegten Motivirungen und Trostbezeugungen dem Könige David hinterbringen (II. Sam. 11, 18—25), und die Gattin des gefallenen Helden legte nach Gebühr Trauer an (II. Sam. 11, 26). Es würden sonst weder König David noch Bath—Seba sich zu dieser Tragödie oder Komödie der Irrungen verstanden haben, wenn die Handlungen derselben eben nur diesen Namen verdient und b eid e nicht unbefleckt gewesen wären. Doch waltet hier ein Unterschied ob. Die Frau ist vor Gott und Menschen rein zu sprechen, der König David aber wird vom Propheten Nathan auf dem Wege herziger, herrlicher Gleichnißrede (II. Sam. 12.) vor Gott zur Rechenschaft gezogen; denn so juristisch correct die Handlungsweise auch war, so kann sie doch von dem höheren Gesichtspunkte religiöser Moral aus mit Rücksicht auf die in sinnlicher Begier wurzelnden Motive und den beklagenswerthen, wenn auch unbeabsichtigten Ausgang der Angelegenheit (II. Sam. 12, 9) sich nicht r echtfertigen Dessen war sich auch König David bewußt, indem er (51 Psalm V. 6 betet: Nur gegen dich allein habe ich gesündigt Und was dir mißfällt, habe ich gethan.; ••־*־־ Wenn doch du gnädig verführest, wenn du Recht sprichst, Wenn doch du Milde walten ließest, wenn du richtest. Jedenfalls aber wird durch die talmudische Auffassung und die auf Grundlage derselben von uns angedeutete Behändlung der geschichtlichen Quelle das gotterleuchtete, gottbegnadete Urbild der Könige und Sängerfürsten von sündiger Trübung wesentlich befreit, eben nur in den Schatten menschlicher Schwäche hingestellt, von welchem das himmlisch poetische Licht mit majestätischer Verklärung sich erhebt. Die Frau, des König David's Gemal und des weisesten Königs Saloman Mutter aber ist der Menschheit: rimmaeulee pereeption. Und das hat mit seinen Sagen— der Talmud uns gethan. Dr. S. Nascher. Der jüdische Gottesdienst. XII. Den Bestrebungen auf religiösem Gebiete, wie ich sie in diesen Artikeln anrathe, liegt eben nichts Anderes zu Grunde, als denjenigen eines Esra, Hillel, Rabbi Jochanan ben Sakkai, R. Jehuda Hanaffi und sehr vieler Anderer; wir erstreben und wünschen eine Reform zur Befestigung, Kräftigung und Erhaltung des Kerns im Judenthum auf Kosten des Ungeeigneten, Abgestorbenen, Erschwerenden und schon deshalb der Religion Schädlichen. ״Wir brauchen für die neuen Zeiten", sagt der Meister der Kanzelberedsamkeit Dr. Jellinek, ״denen wir entgegengehen und von denen unsere a l t e n Lehrer keine Ahnung hatten, Männer, ganze Männer, muthige Männer, Männer von Herz und Geist, Männer