Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 7 (22.2.1883)
- Date
- 1883-02-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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gedient — Diejenigen, die an der Spitze der jetzigen synagogengesanglichen Bewegung stehen, haben bloß dann ein Anrecht auf eine Ehrenstelle in der Geschichte, wenn sie ihre Gedanken nicht blos in Tönen zu malen im Stande sind, sondern auch den Muth haben, der ehrlichen Sache gegenüber auch einige ehrliche Worte zu sprechen; — denn leicht kann ein solches Schweigen mißdeutet werden. Schmeichler. Die gewissenhafte Bmrtheilung dieser practisch beanlagten Menschen erfordert die vollständige Unterordnung der Herzenstriebe unter die Botmäßigkeit des Verstandes. — Jedes Menschen Herz, auch das des Vollkommensten unter uns, öffnet sich willig der süßen Melodie einer Schmeichelei und die bestrickende Einwirkung derselben müßte gefährlich werden, stünde der Verstand nicht mit blankem Schwerte .als getreue Wacht daneben. — Ich weiß wohl, daß die dießbezügliche Absicht eine harmlose, ja eine gut gemeinte sei, in künstlerisch anregender Hinsicht ist sie gleich Null. Schreier. Auch bei dieser interessanten Gruppe spielt das Herz eine große Rolle. — Zweck. des Schreiers ist durch laute Posaunenstöße und vordringliches Phrasengeklingel das. Herz des Znhörers auszuregen, den Betreffenden zu verblüffen, vielleicht auch einen momentanen Erfolg zu erzielen, auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um dann bei näherer Prüfung des Geschrieenen sich gründlich!zu blamiren. — Die Mitglieder der wohllöblichen Schreiergilde, die meistens über die allerersten Capitel des I. C. Lobe'schen Katechismus der Kompositionslehre nicht hinauskommen, .betrachteten meine Klduscha, die in der Verkleidung eines von. Schmutz bedeckten schüchternen Kindes sich ihnen vorstellte, mit der Loupe. bewaffnet — natürlich mit der Loupe, um die Schmutzstecken noch größer zu sehen; — wären sie befähigt gewesen, durch etwas geistige Seife die Entstellungsursache zu beseitigen, sie wären vielleicht zum Bewußtsein gelangt, daß hinter dieser absichtlichen Maske ein recht niedliches Gesichtchen re. mit regelmäßigen Zügen zu finden sei. — Allein das Aufsuchen versteckter Schönheiten bedingt einen geläuterten Geschmack, Selbsttüchtigkeit und ist jedenfalls schwerer als das mit der Loupe vorgenommenen Auffinden׳ grob zu Tage liegender Unschönheiten — man nahm einfach den Schmutz für die Sache und beurtheilte denselben, um in echter Schreiermanier, in voreiliger*) unzarter und unsachlicher Weise die Mängel des Kunstobjectes als persönliche Gebrechen des Autors darzustellen und die Person wegen der Sache um so leichter vernichten zu können. Diese Herrschaften der Schreiergenossenschaft können unserer heiligen Sache in gewisser Beziehung schaden, müssen daher von den maßgebenden Kreisen in die ihnen gebührende Rangstufe verwiesen werden. Ein gewissenhafter, fachmännischtüchtiger Recensent wird nicht blos das zum Berufe erwählte Kunstgebiet vollständig beherrschen, sondern zur Kräftigung seines Urtheils auch aus anderen Gebieten heimisch zu werden trachten, namentlich aber, selbst bei der größten Rückhaltslosigkeit seiner Aussage, einen gewissen Adel seiner Gesinnung auch in seiner Ausdrucksweise bekunden יפה תורה עם דרך ארץ. *)Sie Musikbeiiage war kaum erschienen, ohne auch nur die erste Correctur abzuwarten, beeilte man sich in nicht commentmäßiger Weise zu urtheilen. Ein echt künstlerisches, wenn auch blos in zarten Umrissen angedeutetes Zurückweisen irgend einer unkünstlerischen That wirkt segenspendender und ersprießlicher als all das Toben der künstlerisch Unadeligen unseres Standes und ich kann es mit Befriedigung aussprechen, es gibt, wenn auch nur wenige, doch etwelche, Sachkenner unter uns, die, ohne ihrem musikalischen Glaubensbekenntnisse Gewalt anzuthun, echt künstlerisch, d. h. ideal denken — nicht schweigen — und urtheilen. Das sind die hauptsächlichsten Beurtheilungstypen, die bei meinem musikalischen Hochverrathsprocesse mir gegenüber traten und in Anbetracht dessen, wie viel ich zu Nutz und Frommen meines heiligen Berufes hiebei gelernt, bereue ich es durchaus nicht, denselben herbeigesührt zu haben. Als Schlußbemerkung muß ich noch des geradezu possirlichen Gebahrens zweier landsmännischer nnd eines ausländischen Cantor-Recensenten Erwähnung thun. — Ist es nicht ergötzlich, wenn der Fichten- oder Tannenbaum, dessen alleinige Aufgabe es ist, nach oben zu streben, seine eigentliche Bestimmung vergessend, nach der Breite zu wachsen anfinge, um seinen übrigen Genossen ' als Reformator des von Mutter Natur seit undenklichen Zeiten sestgestellten Bäume- Wachsthums entgegenzutreten? — oder ist es nicht albern, wenn das winzige Häuptchen der Rose, welchem die Mission zufällt, im kleinen Umkreise seiner Umgebung durch Duft und Farbenspiel zu wirken, mit einem Male sich bedenklich hin und herbewegt, um gleichsam anzudeuten, es habe noch eine andere Bestimmung hienieden? — oder ein Stein — ein unbeachtet am Lebenswege liegender Stein sich einbildete, er wäre der Stein der Weisen —; ob sich wohl viele Waller zum Tempel dieses Steines fänden? — — Das sind unverstündliche Allegorien, höre ich rufen —; ja meine Herren! es sind Bilder, aber Bilder aus dem Leben gegriffen und dürste ich einen Einblick in mein seit Wochen gesammeltes Material gestatten, es könnte mir das Zugeständniß nicht versagt werden, ich sei ein beanlagter Zeichner nach der Natur. — Anstatt durch die handgreiflichsten Entstellungen aufmerksam gemacht zu werden; anstatt durch eine ungewöhnlich lange Correctur und abermals offen gelassene grobe Fehler zur Besinnung zu gelangen und sich wenigstens die Frage vorzuführen, weshalb ich, wenn ich schon von der lieben Musika nichts verstehe, so leichtsinnig handeln könne, mein fehler- Haftes Manuscript, ohne es zuvor — wie es der Weg alles Fleisches ist. .— einem Musikkundigen zur Correctur vorzulegen, der Oeffentlichkeit zu übergeben —sprechen die Herren Ritter vom unheiligen Contra-Punkt von Entwürdigung des Cantorstandes, falls derlei Compositionen in christliche Kreise dringen — oder sie wissen den Grund für die Quinten- und Octavenparalelle nicht und vergessen vollständig, daß ihr Liebäugeln mit der christlichen Anerkennung eine verwerfliche, weil die eigene Urtheilsfähigkeit hintansetzende That sei —; daß man mit vielen Worten, streng sprachgesetzlich gefügt, den leibhaftigen Unsinn zu Tage fördern und daß selbst bei Umgehung der grammatikalischen Regeln das Kundgeben von Genialität und Geistesschärfe nicht ausgeschlossen sei — ja, daß es ein armseliger Nothbehelf für das Fehlen jedweden höheren Musikurtheils sei — immer die >Paragraphe anzurufen und niit zitternder Hand hinzudeuten ׳— da sind Quinten, da sind Octaven: .המשה אני יודע ושמונה אני יךרע