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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-02-14 · Heft 6 (14.2.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 6 (14.2.1883)
Date
1883-02-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Der jüdische Gottesdienst. XI. Zu den hervorragendsten Gelehrten der spanischen Epoche, jener Glanzperiode des mittelalterlichen. Judenthums gehört unstreitig Maimonides. Dieser große Mann, ein ebenso eifriger Jünger der Aristotelischen Philosophie, wie ein gläubiger Talmudist, der sich die kühne Aufgabe gestellt hatte, das Judenthum mit der Philosophie in Einklang zu setzen, widerspricht nicht selten in feinen religionsphilosophischen Schriften seinen theologischen, ohne daß wir ihn des bewußten Wider- Muchs zeihen dürfen. Wissen wir doch, daß nicht selten zwei einander entgegengesetzte Ueberzeugungen, mit gleicher Prätention und Stärke um die Herrschaft im menschlichen Geiste ringen, und daß, wenn keine der beiden den Sieg davonträgt, sie sich mit der Zeit nebeneinander zu vertragen lernen; sei es, daß sie mit Hilfe der Sophistik einen inoäus vivendi, eine scheinbare Vereinigung unter sich treffen, sei es, daß der Geist bald der einen, bald der andern sich zuwendet, je nachdem er einen Standpunkt der Betrachtung wählt. ״Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen," so hätte auch Maimonides sprechen können, die aristotelisch-philosophische Gesinnung erfüllte ihn ebenso mächtig, wie die talmudisch-rabbinifche, ohne daß man sagen kann, er sei der einen oder der anderen untreu geworden. lieber den Vers: ״Ein Wort, gesprochen in schicklicher Weise, ist wie goldene Aepfel in durchsichtig silbernen Gefäßen" (Spr. 26. 11), schreibt er: ״Siehe, wie schön ist dieses Gleichniß in vollendet bildlicher Darstellung!" Denn das Wort, von zwei Seiten zu betrachten, von der Seite seines Aeußeren, wie von der seines Inneren, was es zeigt und was es verbirgt, muß in seiner Form schön sein, wie Silber; aber sein Inhalt muß weit schöner sein, als die Form, so daß diese zu jenem sich verhalte, wie Silber zu Gold. Auch muß die Form dem Manne von Verständniß schon die Andeutung geben von dem Inhalte; wie es sich ja auch mit jenem goldenen Apfel verhält, welchen man mit einem Netze zartdurchsichtigen Silbers umgeben. Betrachtet nun Jemand den Gegenstand von Ferne oder ohne Aufmerksamkeit, so mag er denken, auch der Apfel sei von Silber; dem Manne von scharfem Auge aber, der sorgfältig schauet, wird sich der Inhalt sofort als Gold offenbaren. — So verhält es sich auch mit der bildlichen Ausdrucksweise der Propheten. Schon ihr allverständlicher Sinn ist Weisheit, die uns fördert in verschiedener Beziehung, namentlich in Vervollkommung gesellschaftlicher und ähnlicher Zustände — ihr innerer Gehalt aber ist Weisheit, die uns fördert in Feststellung der religiösen Wahrheit auf zuversichtlichem Grunde. Auch die Auffassung der Engel, deren Dasein als höherer geistigen Wesen Maimonides annimmt, sucht er von jeder sinnlichen Vorstellung fern zu halten. Im weiteren Sinne aber versteht er unter ״Engel", ausgezeichnete Männer, Propheten, die Gottes Sendung vollstrecken, wie es ja deutlich Heiße: ״Er sendete einen Boten (Malach) und befreite uns aus Egypten" —und ״es sprach Haggai, der Bote Gottes (Malach Adonaj)". So seien auch in Jacob's erhabener Traumerscheinung von der Himmelsleiter die Worte: ״Und siehe da! Engel Gottes stiegen daran empor", nur von Propheten zu verstehen — denn ״die Stufenleiter, deren eines Ende im Himmel ist, während das andere auf Erden steht, ist immer bereit, Jeden die höchste Sprosse erklimmen zu lassen".. ״Wie schön", sägt er, ״ist jener Ausdruck: Sie stiegen daran auf und nieder! Das Aufsteigen kommt vor dem.Niedersteigen. Denn nachdem er (der Prophet) sich erhoben hat, emporgelangt ist zu den vertrauten Stufen an der Leiter, erfolgt das Nieöersteigen mit Dem, was er oben erfaßt hat, um.die Bewohner der Erde zu führen und zu belehren". -Wie herrlich! Diese Stelle allein würde dieses große Buch (More Nebuchim) unsterblich machen. Der ganze biblische Cultus war eine Symbolik und nur deshalb konnte die Zerstörung des Tempels und Vernichtung des mit diesem verbundenen Cultus den Fortbestand des Judenthums nicht alteriren, ' seine Entwickelung nicht hemmen, was doch, wie jeder vernünftig Denkende zugeben wird, ein Ding der Unmöglichkeit wäre, wenn im Tempelcultus an sich das Wesen des Judenthums läge, wenn in den Formen unserer Religion diese selbst bestände, ,ein Standpunkt, den leider Gottes Viele noch in unserer Zeit vertreten. Wenn man die biblischen Stellen über Zizis, Tesilin, Peffach, Suckot u. s. w. mit Aufmerksamkeit liest, so wird man finden, daß der Werth dieser religiösen Vorschriften nicht in dem äußern Thun, sondern-in der tiefinneren Bedeutung liege. Deshalb war auch schon in der frühesten Zeit Andacht die Hauptsache beim Gebet. Hunderte Stellen beweisen, daß Gebet mit Andacht und gute Werke werthvoller als Opfer sind, denn das Herz, die Gesinnung verlangt Gott. Man hört zwar Viele das andachtlose Herunterleiern unverstandener Gebete vertheidigen, indem es besser sei andachtslos/ als gar nicht zu׳'׳ beten. Auf die Frage, weshalb er dieses Gebelstück sage, von dem er kein Wort verstehe, antwortete mir einmal ein Jude: ״Was brauch ich's verstehen? Gott wird's schon verstehen." In einem Midrasch heißt es: Als Gott befahl, die Israeliten sollten eine Kopfsteuer zahlen, glaubte Moses, Jeder müsse eine bedeutende Summe aufbringen und war überrascht, als Gott sprach, es genügt — ein halber Schekel. Ebenso, als Gott sprach: Bauet mir eine Wohnung, stellte sich Moses ein unermeßliches Gebäude vor und erstaunte, als Gott — ein kleines Zelt anordnete. Und als Gott von der Errichtung des Opferdienstes sprach, meinte Moses, es müßten täglich viele Hekatomben geopfert werden. Was aber verlangte Gott? Nur ein Lämmlein Morgens und Abends. In diesem Midrasch ist in der freisinnigsten'Weise angedeutet, daß der äußerliche Religionsapparat sich auf ein Minimum beschränken müsse, wenn er wirksam sein soll; denn allzuviel äußerlich.e Formen beeinträchtigen den inneren Geist, ersticken die Innerlichkeit. Ein einfaches, kurzes Gebet erhebt das Gemüth und kräftigt die fromme Gesinnung. Nichts ist im äußerlichen Religionswesen zweckmäßiger, als Schlichtheit und Einfachheit, nichts üngeeigneter und gefährlicher als Ueberladung. Es ist männiglich bekannt, daß von den Massen das Lippenwerk als das Wesentliche betrachtet wurde und wird; Verständniß und Andacht aber als unwesentliches Zubehör. Diese Auffassung führt zu den verhängnißvollsten Verirrungen. Denn sobald der unwissende Mensch das Gebet als bloßes Lippenwerk, als bloße Gewohnheitssache betrachtet, so hält er sich auch für berechtigt, in sittlicher Hinsicht, namentlich im Verhältniß gegen die Nebenmenschen, der vielleicht weniger betet als er — es nicht in allen Dingen so streng zu nehmen.

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