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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-02-06 · Heft 5 (6.2.1883) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 5 (6.2.1883)
Date
1883-02-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 der Name einer israelitischen Gemeinde auf, so finden wir auch alsbald die ersten Pionniere der Präcantoren wieder. Letztere, welche wir unter dem Namen mtarg’mim, pajtan jored lifne hatewa, ehasan, seh'liaeh zibbur baal tfila u. s. w. kennen lernen, müssen wohl gar tüchtige, kenntnißreiche und mustergiltige Leute gewesen sein und standen noch bis zum acht-- zehnten Jahrhundert im höchsten Ansehen. . Mir ist es bedauerlicherweise aus dem eingangs erwähnten Grunde unmöglich, örtliche und zeitliche Daten dieser mit der Geschichte des Judenthums innigst verknüpften Vorbeter-Kategorie präcis festzustellen. Allein schon die bloße^ Nennung dieser letzterwähnten Cantorenclique thut es zur Evidenz dar, daß unser heiliger Wirkungskreis ebenso geschichtlich, begründet sei, wie das Vorhandensein des ganzen Judenthums. (Forts, folgt.) Der jüdische Gottesdienst. ' IX. Wir haben gesagt, daß im Talmud selbst der Grundsatz herrscht, daß nur diejenigen Satzungen, welche mit den Lebensforderungen und Zeitverhältnissen verträglich sind, Giltigkeit haben. Dieser natürliche und ein wahr- Haft religiöses Leben der Gesammtheit allein förderliche Grundsatz fand auch immer seine Anwendung; selbst zu den Zeiten des tiefsten mittelalterlichen, bürgerlichen und geistigen Druckes, wo man sich mit aller Macht an das Ueberkommene klammerte, nahm die innere religiöse Ueberzeugung, wie sie sich in der Sitte aussprach, die oberste Herrschaft ein, und ihr mußte ein jedes widerstrebende, auch noch so alte Gesetz weichen. Hier nur wenige Beispiele! Die Gemara (Berachoth) gibt die Segenssprüche, welche am Morgen zu sagen sind, nach folgender Reihe an: ״Wenn er geht, sage er: gepriesen sei, der die Schritte des Menschen feststellt; wenn er dann den Schuh anzieht, sage er: gepriesen sei, der für alle meme Bedürfnisse sorgt." Allein M a i m o n i d e s und R a b b e n u Ascher vertauschen dies und Lassen erst den zweiten, dann den ersten Segenspruch sagen und diese Ordnung ist auch die in den Gebetbüchern übliche geworden. R. Abraham Gumbinner bemerkt hiezu: ״Es richte sich Alles nach Zeit und Ort, und jetzt ziehe man erst Schuhe an, ehe man gehe." Später gar ist der Brauch entstanden, diese Segensprüche nicht beim Vornehmen der einzelnen Verrichtungen zu Hause, sonder-n alle hinter einander im Morgengebet zu sprechen. — Megillah 22 heißt es, man dürfe einen Blbelvers nicht in zwei Theile trennen, sondern er müsse zusammen gesprochen werden; dennoch aber wird dieser Vorschrift in der Synagoge sehr viel entgegen gehandelt. — Ein biblisch es Gebet ist es. nach dem Talmud, daß die Kohanim tagtäglich beim Morgengottesdienste den Priestersegen sprechen; die Späteren aber schränkten denselben auf die hohen Festtage ein, weil man jetzt bloß an diesen in der gehobenen Stimmung sei. — Wenn zwei Gesetzesrollen zum Vorlesen nöthig sind, ist es talmudische Anordnung, daß erst dann die zweite aus der Lade genommen werde, wenn die erste bereits wieder hineingebracht worden; dennoch ist der Brauch nicht so und werden beide zusammen herausgenommen. — Vieles wird in der Gemara als der Gesundheit nachthestig verboten und sagen sie, das Lebensgefährliche ist noch mehr verpönt als das Ritualverbotene, so auch z. B. Fisch und Fleisch unmittelbar hintereinander zu genießen; allein die Spätern setzen sich über diese Dinge hinweg und behaupten, das richte sich Altes nach Zeit und Ort, und die damaligen für jeneOrte giltigen Bestimmungen könnten bei uns keine Anwendung mehr finden." (diese!‘ Misehnek zu Hileh. Deoth und Sehuleh. aruch. Oraeh chajim.) Der Talmud stellte den schönen Grundsatz auf: ״Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele", ״ob viel oder wenig, wenn nur das Herz zu Gott gerichtet ist", ״Gott will das Herz, die Gesinnung" u. a. m. Wie steht es in der Praxis im heutigen Judenthum? Wird von der Menge andächtig gebetet? Selbst -die Strenggläubigen werden, falls sie nicht vor offenliegenden Thatsachen absichtlich das Auge verschließen, zugeben müssen, daß dies nicht der Fall ist, Warum? I. Weil der größte Theil des Gottesdienstes einfach nicht verstanden wird von der größeren Hälfte der Synagogenbesucher — Frauen und Mädchen — schon gar nicht. II. Weil er — nennen wir nur das Kind beim rechten Namen — zu lange dauert. Das war zwar früher auch der Fall, doch verstand man mehr Ebräisch als jetzt: Wenn aber Einzelne, die einen großen Theil der Gebete verstehen, sagen, was kümmern uns diejenigen, die wenig oder gar nichts verstehen, was kümmert uns das weibliche Geschlecht, was kümmert uns die Heranwachsende Jugend, diese ״Zukunft Israels", die dem alten unverständlichen Gottesdienste keinen Geschmack abgewinnen kann, so ist das, gelinde gesprochen — egoistisch und nichts weniger als fromm, als warhaft religiös. Ein wahrhaft andächtiges Gebet kann nur kurz sein, diese Thatsache wird jeder gemüthvolle Mensch zugeben. Denn je mehr das Herz bewegt ist, desto weniger Worte sind nöthig. Wie kurz sind die Gebete Jakobs, Mosis, Chännas, David, Hiskias, Jeremias. Wir könnten Hunderte unwiderlegliche Stellen aus dem Talmud anführen, welche dem kurzen Gebete den Borzug vor dem Langen geben. Ja selbst in dem von der Orthodoxiefür unfehlbar gehaltenen 86״ba!6ban-^rn6ll" heißt es, daß wer nicht die 86bemone-L83reb andächtig beten kann, besser thne ein kurzes Gebet zu verrichten, oder gar nicht zu beten. Daß aber bei uns im Allgemeinen der Grundsatz gilt: Nur recht viel und wenn auch gar keine Andacht — wer könnte das mit gutem Gewissen in Abrede stellen? Wenn man nun noch bedenkt, daß als eigentliches Pflichtgebet im Talmud nur die Sehemone-Essreh genannt wird, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen, welche Unwissenheit dazu gehört, wenn man über die Streichung dieses oder jenes Gebetstückes Zeter schreit, als wollte man die Religion untergraben und gänzlich zerstören. — Maimonides hat das ׳ Wiederholen der 8ebe1n0ne-E33reb ab geschafft. Daß die Abschaffung der Pijutim berechtigt ist, wird jeder Vernünftige zugeftehen, denn abgesehen davon, daß sie nun einmal vom allergrößten Theile der heutigen Juden nicht verstanden werden — wem wir damit zu nahe treten, den bitten wir devotest um Entschuldigung, falls er nachgewiesenerweise einen Theil versteht — lassen sie sich auch nicht recht übersetzen. Sind sie doch ein Congtomerat von Agada, Halacha und Kabbala! Zwanzig der orthodoxesten Autoritäten des Mittelalters bis zum 18. Jahrhundert sprechen sich entschieden gegen die Pijutim aus, ja selbst der Papst der Orthodoxie, der ״unfehlbare" R. Joseph Karo ist gegen die Pijutim. ״Man verhindere das Sagen derselben", sagt Karo, Verfasser des hl. ^86bul6ban-^raeb״. er ist also .nach der heutigen Orthodoxie, ein ״Reformer", der ״die heiligsten Gebete aus-

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