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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-01-29 · Heft 4 (29.1.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 4 (29.1.1883)
Date
1883-01-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bibel?" Der Talmud selbst gesteht, tausende von Halachen seien in der Trauerzeit um Moses vergessen worden, die habe Othniel wieder erneuert, die ganze Thora sei in Vergessenheit gekommen, da habe Esra sie wieder erneuert. (Succa.) Und wieder sei dieselbe in Vergessenheit gerathen, da habe Hillel sie erneuert, (das.) Wer kann es wagen, durch diese vielen wüsten Steppen der Vergessenheit den Weg der reinen Ueberlieferung bis zum Sinai zurück zu finden? — Für uns freilich hat die hier angeführte talmudische Stelle die schöne Bedeutung, daß Jeder zu seiner Zeit ohne Rücksicht auf die Autorität vergangener Zeiten wirken könne. Einigen Dingen wird zwar traditionelle Abstammung zugeschrieben; wie viele und welche diese sind, darüber haben Maimonides, Raschi, Tosaphoth u. A. sehr verschiedene Ansichten und sehen darin eine sehr schwierige Untersuchung. Andere äußern sogar die mildere Ansicht, ״Halacha lemosche“ sei nicht immer buchfiäblich zu nehmen, sondern bedeute auch: ״die Sache sei so sicher, als wäre sie von Moses überliefert worden." (Rabb. Ascher zu Tr. Nidda.) | Maimonides stellt in der Einleitung zur Mischnah den schönen Grundsatz auf, daß nur eine solche Ueberlieferung von Sinai echt sei, über welche gar kein Streit der Gelehrten obwaltet. Weiter heißt es: ״Der gesetzliche Inhalt des Talmud besteht aus fünf Bestandtheilen. Der erste enthält die überlieferten Vibelerklärungen, der zweite überlieferte Satzungen, die nicht in der Bibel gefunden werden, der dritte spätere Satzungen, welche durch selbstständige Erörterung aufgefunden wurden und die daher streitig sind, der vierte enthält spätere Verordnungen und Einrichtungen, die auch zuweilen streitig sind und der fünfte endlich umfaßt allmälig entstandene Gebräuche." Noch bestimmter scheidet er das Strengbiblrsche von dem Rabbinischen, in dem Commentare zu Khelim. ״Ich will dir hier einen sehr wichtigen Grundsatz angeben," sagt er, ״Alles nämlich, was nicht in den Worten der Bibel ausdrücklich steht, heißt rabbinische Satzung. Darunter versteht inan nämlich ein Dreifaches, die eigenen Bibclerklärungen der Schriftgelehrten, die überlieferten Satzungen und die späteren Anordnungen." Dasselbe sagt er in der Einleitung zum Mischneh Thorah und begründet die Verpflichtung, die talmudischen Anordnungen zu befolgen, nicht darauf, daß der Talmud vollkommen traditionellen Inhalts, sondern, wie ich bereits früher erwähnte, daß ganz Israel darin übereingekommen sei, während spätere Anordnungen durch die Zerstreuung Israels ni cht allgemein angenommen worden, daher auch nicht allgemein verbindlich seien. Desgleichen spricht er sich darüber bestimmt an vielen anderen Stellen seiner Werke aus. Im Talmud selbst herrscht der Grundsatz, wie wir bereits in diesem Artikel zur Genüge nachgewiesen haben, daß nur diejenigen Satzungen, welche in der Gesammtheit allgemeine Anerkennung finden, sowie ferner nur diejenigen, welche mit den Lebensanforderungen verträglich sind, Giltigkeit haben und deshalb scheuten sich auch Spätere niemals, Anordnungen, welche selbst auf sehr frühe Autoritäten zurückgeführt wurden, wieder aufzuheben, sobald diese Bedingungen nicht vorhanden waren. Der Grundsatz, der sie in ihren An- Ordnungen und Behauptungen leitete, war: ״Der allgemeine Brauch in Israel, der ist das Gesetz." Der Talmud ist also bei Weitem nicht so dogmatisch beschränkt, als es nach orthodoxer Auffassung den Anschein hat und Aussprüche, wie: ״Wer nicht glaubt, daß jedes Jota in der Thora und im Talmud vom Himmel stammt, der hat keinen Antheil am ewigen Leben", sind darin keineswegs zum unantastbaren Glaubensprincip erhoben; sie werden eben nur als Privatäußerung von einzelnen Talmudlehrern ausgeführt. Ist doch überhaupt der Talmud, was früher so häufig erkannt wurde, kein religiöses Gesetzbuch, sondern eine alte Zeitung von nahezu einem Jahrtausend, die zudem keine b estimmte Tendenz verfolgte, sondern einen Sprechsaal für Jeden und Alles bildete. Die Zahl der Mitarbeiter dürfte die Zahl 1000 vielleicht noch überschreiten und recrutirte sich aus allen Ständen und Berussarten, aus Gelehrten, Kaufleuten, Bauern, Handwerkern u. s. w. In dieser Zeitung sinden wir in buntester Aufeinanderfolge politische Berichte, Ab- Handlungen über Jurisprudenz, Medicin, Philosophie und Theologie, Baukunst und Pädagogik, Mathematik und Zauberei, Astronomie und Dämonologie, Physik und Astrologie, Geschichte und Ethik, ja sogar Marktberichte, Anecdoten, Parabeln und Lehren, die es verdienen würden, der Weltliteratur bleibend einverleibt zu werden. Von der Religion ausgehend, dehnt sich der Talmud über Alles und Jedes aus, über Speise und Trank, über Kleid und Bett, über Gesundheit und Krankheit, über Wiege und Bahre, über Arbeit und Beten, über Familie und Staat, über Ackerbau und Viehzucht, über Handwerk und Handel, über Fasten und Aberglauben, über Eheleben und Erziehung, über Heuchelei und Hölle, über Festtage und Neumond u. s. w. Es ist also klar, daß dieses encyklopädische Werk keineswegs das bindende Religionsbuch des Judenthumes ist und ist nach seiner ganzen Anlage gar nicht zu verwundern׳ daß auch Manches darin enthalten ist, das wir in unserer Zeit nimmermehr acceptiren können und als längst erloschen ausgeben müssen. Allein für etwaige in demselben enthaltene Ungereimtheiten das jetzige Judenthum verantwortlich machen . oder gar das ganze Werk beurtheilen, wäre dasselbe, als wenn Jemand nach 1400 Jahren den preußischen Landtag nach den Reden eines Stöcker, das ungarische Parlament nach den Redeblüthen eines Jstoczy, Onody oder die ״N. freie Presse" für socialiftisch und antisemitisch halten würde, weil sie auch Reden von Socialdemokraten und Antisemiten abgedruckt hat. Es sind sowohl Diejenigen im Unrechte, welche den Geist des Talmuds nach einzelnen Aussprüchen beurtheilen und ihn als eine Sammlung rabbinischer Intoleranz verdammen, als auch Die, welche ihn als die alleinige Fundgrübe aller Weisheit und Tugend verhimmeln. Gerade dem Reformjudenthum Zunz, Geiger, Jellinek gehört das hohe Verdienst an Licht und Schatten nach dieser Richtung hin gleichmäßig vertheilt zu haben. Professor Rohling und das Wiener Rabbinal oder: ״Die arge Schelmerei". Vom Bezirks-Rabbiner Dr. Ä. S. Mach. Wien—Floridsdorf. IV. (״Abdruck aus der ״Wiener Allgemeinen Zeitung" vom 22. Deeember 1882.) Also Molitor, der seine talmudische Gelehrsamkeit nicht aus elenden Pfützen, sondern aus den klarsten Quellen ge-

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