Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1883)
- Date
- 1883-01-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 möchte der köstlichen Perlen, all' nicht das Herz öffnen, die dieses Buch der ״Apokijptieir‘ schmücken?! — Dieses Buch legt mit großem Nachdrucke die Erziehung der Kinder den Eltern warm an's Herz und empfiehlt ihnen strenge Zucht und regelmäßige Beschäftigung. An den Nationalfesten mußte die Jugend zeitig Theil nehmen und sie lernten dadurch die religiösen Vorschriften auch außer dem elterlichen Hause durch das praktische Leben kennen. Seit dem babylonischen Exil, als das Chaldäische allgemein im Gebrauch war — bildeten sich in Palästina gelehrte Schulen für Schrifterklärung, Gesetzeserklärung und Entscheidung von Rechtsfällen. Zu Zeiten prüfte man auch die Schüler, indem man sie Disputirübungen anstellen ließ. Nach Ehr. G. kam ein noch regeres wisfenschaftliches Leben unter die Juden, es entstanden gelehrte Akademien, welche den arabischen und christlichen späterer Jahrhunderte zum Muster dienten. Zur Zeit der Mackabäer unterschied man verschiedene Gelehrte. Neben den gelehrten Schulen entstanden die Synagogen als eigentliche Schulen für das Volk. Mit den Synagogen waren auch Kinderschulen verbunden, in denen für je 25 Schüler ein Lehrer, zwei für fünfzig, für vierzig aber einer und ein Gehülfe bestimmt wurde. Zn den Ansprüchen, die an den Jugendlehrer gestellt wurden, gehörten: Hinreichende Fachkenntniß, unermüdliche und gewissenhafte Genauigkeit im Unterrichtsfache. ״Bester ist's zwei Tractate zu erlernen und sie gründlich zu wissen, als viele Hatachot seinem Gedächtnisse einprägen, ohne sie gründlich zu können, bloß um ein Gelehrter zu heißen. (Mid. Rab. Lev. 3.) ״Wer die Wissenschaften in der Jugend erlernt, gleicht einem Jüngling, der eine -Jungfrau geheiratet, die seiner und deren er würdig ist." ״Der Mensch lerne erst und suche dann Gründlichkeit, Theorie in das Gelernte zu bringen.^ (Sabbath 63.) ״Vieles habe ich von meinen Lehrern erlernt, mehr noch von meinen Collegen, am meisten aber von meinen Schülern. (Tanith 7.) ״Wer seine ganze Gelehrsamkeit nur einem Lehrer verdankt, dem bringt sie keine segensreiche Frucht." (Abocla Sara 19.) Simon ben Schetach, Josua ben Gamla, Philo und noch viele Andere haben sich um die Errichtung von Kinderschülen und um den damaligen Jugendunterricht dauernde Verdienste erworben. Das lernfähige Alter begann mit dem 6. Lebensfahre, jedoch mußte man sich hierbei nach der physischen wie geistigen Kraft des Kindes richten. So besitzen wir noch unzählbare pädagogische Aussprüche, z. B. ״nimm kein Kind auf, wenn es nicht 6 Jahre alt ist, hat es dieses Alter erreicht, dann mußt du es ernstlich zum Lernen anhalten, aber keineswegs durch körperliche Züchtigungen, sondern durch ang.-- messene Reizmittel die Lust zum Lernen erregen. Bleiben aber liebreiche Mittel nutzlos, dann soll der Vater strafen". ״Der Mensch bringts nur in dem Studium weit, das mit seiner Neigung übereinstimmt". — ״Man zeichne niemals eines seiner Kinder vor den übrigen aus". — ״Besser ein Schlag im Innern des Kindes, als hundert Schläge von Außen". — ״Der Jähzornige darf kein Lehrer sein". Trotz aller politischen Versuche Israel zu drücken ken jirbu desto mehr breitete sich sein Wissen aus, die Manigfaltigen Institutionen gelangten zu einer Blüthe, weil der Löwenmuth und der Geist Judas stets grünt und Früchte trägt und sie vertheilt in allen Zweigen menschlichen Wissens und menschlicher Thätigkeit. Wir haben außer unserer göttlichen Bibel eine unermeßliche Literatur, aus der Quellen der Wahrheit sprudeln, wie sie keine Nation auf Erden aufzuweisen hat. Das Mittelalter und noch das heutige hochgebildete Jahrhundert hat Gut und Blut von uns gefordert, aber die geistigen Gefilde sind deshalb von uns bepflügt und besäet worden. In dieser Hinsicht sind wir ein einig Volk geblieben, aber keine eigene Nation, wir schließen uns gern den Staaten, in denen wir als Bürger betrachtet werden, als treue Patrioten an. ״Mein Sohn! Fürchte Gott und den König und mische dich nicht unter die Aufrührerischen. Sp. Sal. 24, 21" ist der erste Lehrbegriff, den wir unseren Schülern in das Herz einpflanzen, damit sie in unwandelbarer Treue für den Regenten und für das Vaterland eintreten und bis zum letzten Athemzuge als Patrioten kämpfen. Jeder Unbefangene muß daher zugestehen, daß die Wissenschaft eine liebende Stätte, die Humanität eine fördernde Hand bei den Israeliten gefunden hat und die ehrenwerthen antisemitischen Hetzer mögen sich an die Brust schlagen und einfehen lernen, daß die humane Tochterreligion nicht in dem Sinne handelt, wie die Mutter es gelehrt und wie der Stifter ..der Religion der Liebe" es predigte. Und so schließe ich für heute meine Studie mit dem Berschen des ehrwürdigen Herrn Dr. Ehrentheil: ..Ächtet hoch eie Jugeilotehre, Schul ist auci) ein mächt'ger Hort". Schul ist Volkes Ruhm und Ehre, Lehrt der Weisen hehres Wort". Zer jüdische Gottesdienst. VIII. Wir kehren zu unseren rabbinischen Citaten wieder zurück. ״Der junge Ehemann darf selbst das Schemagebet die ersten drei Tage nach seiner Verehelichung nicht lesen, weil er nicht in der rechten Stimmung dazu sei"; ebenso war der mit öffentlichen Angelegenheiten Beschäftigte vom Gebete Anfangs befreit. Das Buchenen ist biblisch täglich von den Priestern zu verrichten, die Rabbinen beschränkten es ans die Festtage. Nun, was sagt unsere buchstabengläubige Orthodoxie zu diesen ״schrecklichen" talmudischen Stellen, die wir um Tausende vermehren könnten, was sagt sie zu den tief eingreifenden Reformen der alten Rabbinen, zu diesen Aufhebungen so vieler heiligen, in der Thora vorgeschriebenen Ge- und Verbote? Unsere ״Frommen" stellen ferner den Grundsatz auf, es fei die Aufgabe des orthodoxen Juden, die Lehren des Talmuds gläubig als unmittelbare Tradition von Moses herab und durch ihn von Gott absrammend anzunehmen und jede, auch die kleinste religiöse Form, welche ihm durch die heil. Schrift oder den Talmud geboten wird, anzuerkenneu. Also mit allen Verhütungsbestimmungen, allen Einrichtungen, allen Gebräuchen, allen abweichenden Meinungen der einzelnen Lehrer u. dgl. Alles unmittelbare Tradition von Gott! Keinem Talmudisten und Rabbinen ist auch je eine solch' gewagte Behauptung eingefallen, der oft sich wiederholende Wahlspruch lautet vielmehr: ״Wie deutet die