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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-01-13 · Heft 2 (13.1.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 2 (13.1.1883)
Date
1883-01-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— 4 — Durch sich dieser unsinnige Minhag ein geschlichen und fast un- . möglich auszurotten ist, denn ״Gewohnheit macht den Fehler schön, : Den wir von Jugend aus.geseh'n. ' Vergebens wird ein Kluger wagen, ' Uns, daß wir thöricht sind, zu sagen, - Wir selber halten ihn dafür, Blos, weil er klüger ist als wir. Unsere neujüdischen Romantiker sind aber voll Enthusiasmus für solche abgestandene Minhagim und unterlegen ihnen die feinste symbolische Bedeutung. ״Nur keinen heiligen Gebrauch ubschaffen", ist ihr Grundsatz, und sie machen es wie jener amerikanische Advocat, der einem sterbenden Lord ein Testament machen sollte. Der Lord starb währenddessen und der Advocat veränderte dasselbe und setzte sich selbst zum Erben ein. Da er aber wußte, daß er werde schwören müssen, daß der Testator während der Abfassung des Testamentes lebte, so fing er eine Fliege, steckte sie dem tobten Lord in die Nase und schwur herzhaft: es war noch Leben im Testator. So stopfen auch Jene Leben in tobte Gebräuche. Die Religion Israels lehrt: Alles, was tobt ist — ist unrein, aber von der Asche des Tobten, -des. verbrannten Sühnopfers soll Reinheit erwachsen dem Unreinen: Aber ״majim chajiin“, Wasser des Lebens muß Hinzuströmen — soll die Verjüngung und Neuschöpfung des Menschen mit der Asche erzielt werden — die Religion Israels.ist eine Lehre des Lebens — nicht des Todes. Als König Salomo zu Ehren des Gottes einen Tempel bauen wollte, da schickte, nach rabbinischer Legende, Pharao eine Anzahl von Männern, denen die Astrologen noch den Tod für selbiges Jahr prophezeit hatten, nach Jerusalem, damit sie ihm scheinbar zum Werke behilflich sein sollten. Der weise König aber steckte sie in schwarze Gewänder und sandte sie zurück mit den Worten: ״Sagt Eurem Fürsten: Mein Bau gilt dem Herrn des Lebens, zum Tode Geweihte will ich nicht bei meinem Werke!" Das Judenthum trat mit dem Ausspruch auf: Mein Gott ist Jehova, ein Gott des Lebens und nicht des Todes! Ja, mein Gott lebt, darum könnt Ihr mit Tobten ihm nimmer dienen und nahen. Ach, die meisten Menschen werden heute an Gott nur gemahnt durch Todesschauer, nur in's Gotteshaus geführt durch Seelenwunden, durch Träuerempfindüngen, durch schmerzliche Schicksalsschläge — und Israels Gott erscheint fast blos wie ein Gott des Todes. Das ist nicht unsere Religion! Dazu habt Ihr sie entstellt und herabgedrückt, Ihr übereifrigen Wächter des Judenthums! Das Judenthum will das allerdings flüchtige und kurze Erdendasein mit dem Geist der Ewigkeit vermälen, es verlängern, verschönern, versüßen und erheitern, nicht aber getrübt und verkürzt sehen. Darum wendet es den Blick hinweg vom Hinfälligen und Erstorbenen zum Lebendigen. Das Gotteswort steht niemals still. Die schaden der Offenbarung Gottes, die vom tobten Leibe sprechen. Dadurch gewinnen wir die uns verlorene Jugend nicht wieder, daß wir alle alten, auch die entseelten und längst verblichenen Formen und Anschauungen gegen Luft und Licht absperren und wie heilige Mumien aufbewahren, daran findet die Jugend, deren Seele nach dem ״Wasser des Lebens", nach lebendiger Wahrheit, nach gesunden Ideen dürstet und verlangt, keine Befriedigung. Nein! Was tobt ist, das muß 'preisgegeben, jeder Brauch, jedes Gebet, aus dem der Geist geflohen, muß als Leichnam hinausgetragek werden aus dem Heiligthum des Lebens. Wir wollen nicht mit dem Alten brechen, sondern aus der Asche des Zerstörten und Entseelten neue Gluthen der Läuterung wecken. Darin eben liegt ja die Wunderkraft des Judenthums, daß es aus der Asche seiner Zerstörung — wie ein Phönix verjüngt — sich erhob. (Fortsetzung folgt). Professor Rohling und das Wiener Nabbinat oder: ״Die arge Schelmerei".*) Vom Bezirks-Rabbiner Dr. 2. S. Stoch. Wien-Floridsdorf. ׳ ai. ״Abdruck aus der ״Wiener Allgemeinen Zeitung" vom 22. December 1882.) Herr Rohling, Sie sind derselbe, der in Nordamerika in einer Schrift, betitelt: ״Der Antichrist und das Ende der Welt" (St. Louis 1875, S. 58), die Religions-Principien des protestantischen Christenthums als ״Schandlehren Luther's und Calvin's" geschmäht hat! ״Schandlehren" — wie human und christlich dies lautet, ganz eines christlichen Priesters, eines Professors der Theologie würdig! Wenn also die Lehren Luther's und Calvin's, Ihren wissenschaftlichen Begriffen entsprechend, ״Lehren der Schande,, schändende Lehren, Schandlehren" sind, wenn Sie in Luther den Antichrist sehen, dann sind Sie wahrlich noch zu milde und nachsichtig gegen den ״anti-christlichen und änti-sociälen" Talmud. Herr Rohling, Ihre Schrift ״Der Antichrist" ist eine köstliche und schätzbare Fundgrube von Gelehrsamkeit, der weitesten Verbreitung werth; sie sollte von Jedermann gelesen werden-, und ich will das Meinige dazu beitragen, sie berühmt zu machen. Ich citire nur noch einen einzigen Satz — und Sie sind gerichtet, Herr Rohling, für alle Zeiten!" Seite 59 schreiben Sie: ״Leser, die noch etwa denken möchten, jene Menschen, die sich Reformatoren nannten, hätten irgend welche persönliche Sittlichkeit besessen oder nur halbwegs erträgliche Lehren geäußert, mögen die Reformationsgeschichte des Herrn von Döllinger durchblättern: Redlichkeit liebende Protestanten, deren es in diesem Lande nicht wenige gibt, werden mit Abscheu von ihren bisherigen sogenannten Kirchen sich wenden, wenn sie in Erfahrung bringe», was für Schurken Jene waren, die den Protestantismus in's Leben riefen." Also Luther, Zwingli, Calvin, Melanchthon haben keine ״irgend welche persönliche Sittlichkeit besessen" — also ״Schurken waren Alle, die den Protestantismus in's Leben riesen". Das behaupten Sie, Herr k. k. Professor, und da Sie dafür schwerlich wissenschaftliche Beweise haben, so werden Sie nach Gewohnheit diese Behauptung mit Ihrem Amtseide er- Härten. — ״Schurken", das behaupten Sie und verkündeten es öffentlich, waren die Männer, welche das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit, ein großer Theil der Christenheit mit ^)Nachdem wir aus dem Kreise unserer geehrten Abonnenten zahl-- reiche Zustimmungen betreffs Aufnahme dieser höchst interessanten und lehrreichen Arbeit erhielten, werden wir nach Abschluß derselben auch die zweite nicht minder geistre.che Widerlegung des Dr. Bloch in einem Auszugs veröffentlichen. Die Red.

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