Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1883)
- Date
- 1883-01-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 §. 24. Wählbar ist jedes ordentliche Mitglied, welches Mit seinem Beitrage nicht ein Vierteljahr im Rückstände ist. §. 25. Die Wahl ist direct und geschieht mittelst Abgabe von Stimmzetteln, auf welchen die zu Wählenden benannt werden. Die den Wahlberechtigten zugestellten Stimmzettel sind von den Wählern eigenhändige ausznfüllen, zu unterfertigen und drei Tage vor der Wahl an die Centrale einzusenden. Die Centrale hat dann dieselben uneröffnet am Tage der Wahl der Wahtcommission zu übergeben. Uebrigens steht es den Wählern frei, ihre Stimmzettel auch persönlich der Wahlcommission, jedoch vor dem Scrutinium abzugeben. Als gewählt ist Derjenige anzusehen, der die relative Mehrheit der Stimmen erlangt hat." Die Redaction der ״Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung" erklärt, um dem Vereine Portospesen zu ersparen, die Expedition der Stimmzettel an die Mitglieder gratis zu übernehmen. Angenommen. College Bauer stellt den Antrag, es möge dem Obercantor A. Baer in Gothenburg, welcher, ohne Mitglied des Cantorenvereines zu sein, aus Anlaß seines 25jährigen Amtsjubiläums zwei Exemplare seines Werkes zu Gunsten der Vereinscassa spendete, der Dank des Vereines durch den Vorstand ausgesprochen werden. Wird einstimmig angenommen. Der jüdische Gottesdienst. VII. Es ist männiglich bekannt, daß wir gar viele Bräuche haben, bei denen man nicht nach Gründen fragen muß, sie haben oft den seltsamsten Ursprung, aber einmal eingeführt, sind sie beim Volke sacrosanct und selbst die Rabbiner sagen: Ein Brauch entwurzelt sogar ein Gesetz, d. h. er hat die größere Autorität. Ein Rabbiner sah einmal in einer Gemeinde, daß sich die Leute beim Gebet, das der Neumondsverkündung vorausgeht, nach Norden wendeten. Er forschte nach dessen Bedeutung und ein alter Mystiker wollte es mit dem kabbalistischen Satansreich in Verbindung bringen, das seinen Sitz im Norden hat. Der Lehrer des Ortes brachte jedoch heraus, daß früher an der Nordseite der Synagoge eine Tafel angebracht war, worauf dieses Gebet geschrieben war, da dasselbe in den meisten Gebetbüchern nicht gedruckt war, von dieser Tafel lasen es die Leute ab. Mit der Zeit war die Tafel überflüssig geworden, aber der Gebrauch blieb. In orthodoxen Gemeinden ist es noch jetzt Usus, daß die ״frommen" Beter beim ^.!enn-Gebete, von welchem der Sultan Soliman zu seinem jüdischen Arzte Moses Aram sagte: ״Hättet Ihr kein anderes Gebet als dieses, Ihr wäret schon im Besitze eines der schönsten Gebete in der Welt", sobald sie zur Stelle וגורלנו בכל המונם kommen, auszuspucken. Und doch ist es kein Anderer, als eine gewiß bei den Orthodoxen hochstehende Autorität: der Sehelah hakadoseli, der sich folgendermaßen über diesen gotteslästerlichen Minhag äußert: ״Einige aus der ungebildeten Volksclasse haben den Gebrauch, bei dem Gebete auszuspucken, ohne irgend einen Grund, ja Einige spucken, weil sie größtentheils der hebräischen Sprache unkundig sind, sogar bei den Worten aus: ״Wir aber beugen das Knie und beten zu Gott", was ein wahrhaftes Verbrechen ist, daher ist es mit Strenge abzuschaffen. Der Grund dieses unverzeihlichen, lächerlichen Mißbrauches ist folgender: Die Rabbinen, die das ^!6nu-Gebet eingesetzt haben, verordneten zugleich, daß zwischen den in diesem Gebete vorkommenden Sätzen: ״Sie richten ihre Gebete re." und ״wir aber beten zum König aller Könige" eine kleine Pause stattfinden solle, um zwei sich so widersprechende Sätze nicht miteinander zu verbinden. Diese Pause benutzten Viele, um auszuspucken, wo vor Frost zitternden Hände in den Tornister zu stecken. — Die Lorbeeren, gepflückt in den Ebenen des Nit und in den deutschen Gauen, schwammen unter den Eisschollen des Beresina und das kalte Wasser dieses Flusses wusch das Blut von dem letzten Blatte der Geschichte. Die ernste, bleiche Göttin, deren Hand die böhmische Fahne auf der Stillfriederhaide niederwarf und den habsburgischen Adler zu den Sternen hob, die alte Nemesis hatte Gericht gehalten und wie zu den Tagen Belsazar's ihr ״mene.tekel upliarsin“ mit Blut auf die eisbedeckten Steppen Rußlands geschrieben. Die Verwirrung war grenzenlos, sollte aber noch gräßlicher werden. Der Angstruf: ״Die Kosaken!" beflügelte die müden Glieder zum neuen Laufe und das traurige ״Sauve qiril peut“ war die letzte Parole der berühmten Armee geworden. Auf einem Hügel .hielt ein ernster Mann und betrachtete zornig blickend die alte Geschichte vom panischen Schrecken. Alles schien verloren und es gab kein Herz mehr, das muthig pochte. Da zog der ernste Mann — eine Flöte aus seinem Mantel und blies einen alten Walzer. Schamröthe färbte die bleichen Wangen seiner Grenadiere und mechanisch griffen sie nach den weggeworfenen Gewehren. Wer noch ein Pferd besaß, wandte den störischen Gaul gegen den Feind und durch die dünnen Glieder der Krieger lief der Ruf: ״Rettet den Tapfersten der Tapferen!" Dieser aber, der Flötenbläser, ordnete ruhig wie auf dem Exercierplatze die wenigen Getreuen, donnerte ein 6״n avant!68 6pan!6tt68!" und das wilde Hurrah der russischen Lanzenreiter verhallte unter den einfachen Klängen eines deutschen — Walzers. Als endlich nach tausend Gefahren der Rückzug aus dem kalten Norden glücklich bewerkstelligt worden und die Bewohner der deutschen Städte, durch welche die Trümmer der großen Armee zogen, beim ersten Trommelstreiche, welcher ihr Nahen verkündigte, die Fenster verhängten, um mitleidig das namenlose Elend nicht zu sehen, marschirte nur e i n Heerhaufen in geschlossenen Gliedern und militärischer Haltung durch die menschenleeren Straßen, an seiner Spitze ritt ein ernster Mann und die Musikbande spielte einen deutschen — Walzer. 3. Die Nacht war schwarz und finster, der Regen goß in dichten Strömen nieder als wollte er das Blut von dem Pflaster waschen, das seit einem Vierteljahrhundert in der Seinestadt geflossen und tiefe Stille herrschte in ihren Palästen, wie in ihren Hütten. Diese Stille wurde nur durch das,einförmige Anrufen der Wachen unterbrochen. Der Krieg war zu Ende und die letzten Kinder des Ruhmes schliefen bleich und blutig auf verwelkten Lorbeeren. Hielten jene rufenden Wachen Ehrenwacht an den Heldengräbern? O nein! Sie hatten sich bewaffnet, um den Frieden zu bewahren, der nach langer Abwesenheit die Wunden des unglücklichen Frankreich untersuchte und den Arzt, die Zeit, um seinen heilenden Balsam bat. (Schluß folgt.)