Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1883)
- Date
- 1883-01-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarisches und Locales. ״Der Talmudjude von Rohling" in der Schwurgerichts- Verhandlung vom 28. October 1882. Zur Abwehr und Verständigung von D. Lowy. Wien 1882. D. Löwy, Wien II., Praterstraße 15. Der Theologe mit dem Praktiker haben in der Person des Verfassers sich vereinigt, um in populär-wissenschaftlicher Form die Falschmünzerei Rohlings zu entlarven und die trüben, secundären Quellen aufzuweisen, aus welchen der Fälscher mit Tendenz geschöpft hat. Höchst beachtenswerth ist die Schilderung der heidnischen Welt, welche den Talmudgelehrten damaliger Zeit unmöglich Achtung einflößen konnte, woraus sich manche unliebsame Aeußerung objectiv erklärt; da diese jeder Vorurtheilslose theilen muß. Die Unzuverlässigkeit der ausRohling's Buch deducirten juristischen oder mit rechtlicher Wirkung auftretenden wissenschaftlichen Beweises ergibt sich von selbst. Das Büchlein durchzieht die Gesinnung der Duldung, Schonung und Liebe, es ist ohne Leidenschaft und mit Fach- und Sachkenntniß geschrieben und verdient weiteste Verbreitung. —er. Die rühmlichst bekannte, glaubensgenöffische Schriftstellerin Frau Dr. Rosa Bar ach, die Verfasserin der preisgekrönten Novellen ״Aus eigener Kraft" und ״Soldatenfritze ׳ hat nun einen Band Gedichte veröffentlicht, welche den Titel ״Gefesselt" tragen. In diesen Gedichten lebt dramatischrhetorischer Ausdruck, webt eine Liebe, von der wir mit der Dichterin sprechen: ״Mich macht die Liebe stark und stolz und frei." Der Inhalt ist ״eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu." Ein durch seinen Stand ״gefesselter" Mönch liebt hoffnungslos ein Mädchen und geht mit den letzten Trümmern feiner Liebe und Hoffnung unter, auf welchen die Tröstung der Gatten- und Mutterliebe am eigenen häuslichen Herd der Angebeteten erblüht. — Die Contraste des tragischen Anfangs und des alltäglichen Schlusses werden durch die Innigkeit, mit welcher die Mutterliebe geschildert wird, vortheilhaft ausgeglichen. Die Verfasserin hat diese Empfindung poetisch aus sich herausgelebt und vor einigen Tagen erst im ״Maskil el dol“- Verein zu Sechshaus, der zum Besten des Unterstützungsfonds eine Akademie unter großer Theilnahme veranstaltet hatte, bei der von ihrem reichbegabten Sohne Emil glänzend executirte Violinconcert in schöner Weise und Weihe an der Seite ihres Gatten, eines vielbegehrten Arztes, documentirt. Der Abend des 21. December wurde belebt durch musikalisch-dramatische Vorträge und Aufführungen künstlerischer Kräfte, welche allesammt wetteiferten, um der guten Sache einen ästhetisch-ethischen Dienst zu erweisen. Wir erwähnen dankbar dieselben: die Damen: Frau Caroline M u r e a n, Frl. Rosa Geringer, Frl. Eveline Willany und Frau Mary Waldmann; die Herren: Waldmann,Wildner, Litschauer, Mohr,Flügelberg, Sora, Bittner und die Capellmeister Kratzl und I. de Neville. Frau Dr. Bar ach, auch eine vortreffliche Declamatrice, hatte den Prolog eben so schön gedichtet wie zum Ausdrucke gebracht. Die Schlußworte verdienen auch an dieser Stelle wiedergegeben zu werden: ״So mag dies Fest auch heut' bezeugen wieder, Die Liebe überbrücket jede Kluft, Und sie umschlinget alle uns als Brüder, Wenn uns ein Gott zu lindern ruft." —er. Professor Rohling und -as Wiener Raliliinat oder: ״Die arge Schelmerei". Vom Bezirks-Rabbiner Dr. 3;. 3. Bloch. Wien—Floridsdorf. ״Abdruck aus der ״Wiener Allgemeinen Zeitung" v o m 22. December 1882.) In der Schwurgerichts-Verhandlung gegen Holubek kam im Gerichtssaal eine Stelle aus dem berüchtigten Pamphlet Rohling's, welcher vom Talmud und seinen Lehren eine wahre Caricatur bietet, zur Verlesung, deren Lügenhaftigkeit jedein nur einigermaßen mit dem Gegenstand Vertrauten sofort in die Augen fiel. In Folge derselben brachten die öffentlichen Organe am 30. October 1882 folgende Erklärung der beiden Seelsorger an der Wiener israelitischen Cultusgemeinde: ״In der am 28. d. M. hier stattgehabten Schwurgerichts- Verhandlung ist auf Grund der von Rohling verfaßten Schrift ״Der Talmud-Jude" behauptet worden, -vas^Eitat, ״daß die Christen Hunde, Schweine und Esel seien", sei im Talmud enthalten. Dem gegenüber erklären die Unterzeichneten auf das Entschiedenste, daß die Aeußerung Rohling's, welche übrigens aus Eisenmenger's ״Endecktes Judenthum" abgeschrieben ist, auf Unwahrheit beruht, indem eine solche Stelle im Talmud sich nirgends vorfindet. Bei dieser Gelegenheit geben wir die Erklärung ab, daß der Talmud überhaupt nichts Feindseliges gegen Christen enthält. — Wien, 30. October 1882. Dr. M. Güdemann. Dr. Ad. Jellinek." Diese Erklärung war Herrn Rohling, der, weil er noch nie ernstlich Wissenschaftliches in seinem Leben geleistet hat, wenigstens durch Scandal gern von sich reden machen läßt, eine willkommene Gelegenheit, seine alten, dem bekannten׳ Eisenmenger abgerupften Federn neuerdings dem Publicum vorzuführen und den Inhalt seines von Herrn Dr. Aug. Wünsche treffend als ״Pamphlet und Plagiat" zugleich gezeichneten Pasquills in zwei Enunciationen, die mir in der antisemitischen ״Tribüne" vom 13. und 14. December vorliegen, zu wiederholen. Selbstverständlich schleudert er nach Gewohnheit dem Judenthum die ehrenrührigsten Anwürfe in's Gesicht und schrickt nicht davor zurück, den Gebrauch des Christenblutes von Seite der Juden ״amtseidlich" erhärten zu wollen, wie er denn alle seine Behauptungen von der Gemeingefährlichkeit, dem anti-christlichen und anti-soeialen Charakter des Judenthums amtseidlich bestätigt hat. — Die Behauptung, daß der Talmud nichts Christenfeindliches enthält, erfrecht er sich als ״wahrheitswidrig" und ״arge Schelmerei" zu bezeichnen. Wir begreifen und würdigen vollkommen, daß es unseren ehrwürdigen Wiener Collegen widerstrebt, in eine ernste Polemik über den Talmud gegen einen Mensch en einzutreten, der vom Wesen der talmudischen Literatur keine blasse Ahnung hat, mit Fetzen aus Eisenmenger vor der -unwissenden Menge flunkert, um sich als großen Gelehrten glorificiren zu lassen, den Kampf aufzunehmen gegen einen Verleumder des Judenthums, welcher in der wissenschaftlichen Welt nur den Namen eines Plagiators sich erworben hat.